EFRAG als Herzkammer zukünftiger EU-Nachhaltigkeits­berichtsstandards

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Der im April dieses Jahres durch die Europäische Kommission vorgelegte Vorschlag für eine Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) bedeutet für mindestens 50.000 Unternehmen in Europa (davon ca. 15.000 in Deutschland), dass sie ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung zukünftig auf der Grundlage europäischer Berichtsstandards zu erstellen haben. Viele Unternehmen setzen sich bereits heute mit dem Thema Nachhaltigkeit als Teil ihrer Unternehmenstätigkeit auseinander. Eine Pflichtberichterstattung auf Grundlage detaillierter Berichtsstandards ist – insbesondere als Teil des Lageberichts – für die meisten der berichtspflichtigen Unternehmen absolutes Neuland.

Erstes Berichtsjahr 2023 – kann Brüssel den Zeitplan halten?

Der Zeitplan der Europäischen Kommission ist sehr ambitioniert. Nach dem CSRD-Vorschlag vom April 2021 würden die betroffenen Unternehmen bereits für das Geschäftsjahr 2023 nach den neuen EU-Berichtsstandards zu berichten haben. Hierzu gab und gibt es Gesprächsbedarf. Nicht nur das Deutsche Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) äußerte sich bereits unmittelbar nach der Veröffentlichung des Kommissionsvorschlags kritisch zur avisierten Zeitleiste, denn diese ist deutlich zu kurz bemessen, um den betroffenen Unternehmen ausreichend Vorbereitungszeit zu geben. Erste Kompromissvorschläge auf europäischer Ebene, z. B. des Berichterstatters im Europäischen Parlament Pascal Durand, zeigen indes erste Bewegung hinsichtlich einer zeitlichen Streckung. Durand schlägt eine Erstanwendung für das Geschäftsjahr 2024 vor, was den betroffenen Unternehmen ein weiteres Jahr geben würde, um die Berichtspflichten umzusetzen, Prozesse zu implementieren usw.

EFRAG als europäischer Standardsetzer

Im CSRD-Vorschlag wird der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) zukünftig eine besondere Rolle bei der Erarbeitung von europäischen Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zugedacht. Die EFRAG kennt man bisher als Beraterin der Europäischen Kommission hinsichtlich der verbindlichen Annahme der International Financial Reporting Standards (IFRS) in der Europäischen Union. Nunmehr wird jedoch aus der Beratungsorganisation ein eigenständiger Standardsetzer. Entsprechende institutionelle Veränderungen hat der EFRAG-Präsident Jean-Paul Gauzès vorgeschlagen, und zum 1. April 2022 soll die neue EFRAG-Struktur funktionsfähig sein. In der Zwischenzeit hat eine eigens dafür eingerichtete Arbeitsgruppe (die Project Task Force on European Sustainability Reporting Standards) bereits mit der Erarbeitung solcher Standards begonnen. Die Project Task Force veröffentlichte im September 2021 ein Arbeitspapier zur Entwicklung eines Prototyps zur Klimaberichterstattung.

Die „Global Baseline“ muss noch klarer berücksichtigt werden

Parallel zu den europäischen Entwicklungen findet auch auf internationaler Ebene eine starke Bewegung zur Vereinheitlichung der nachhaltigkeitsbezogenen Berichtsanforderungen statt. Dreh- und Angelpunkt ist hierbei der neu geschaffene International Sustainability Standards Board (ISSB) unter dem Dach der IFRS Foundation. Im Rahmen eines Multi-Location-Konzepts wird der Hauptsitz des ISSB mit Sitz des Boards und des Chairman in Frankfurt am Main sein. Unterstützt von den G20-Regierungen und der Vereinigung der ­internationalen Börsenaufsichten IOSCO ist es die Aufgabe des ISSB, eine „Global Baseline“ zu entwickeln, um ein Mindestmaß an internationaler Einheitlichkeit in der Berichterstattung der Unternehmen sicherzustellen. Der CSRD-Vorschlag berücksichtigt diesen Ansatz bisher noch nicht umfassend, und auch die EFRAG hat noch keinen klaren Handlungsauftrag, sich an einer solchen „Global Baseline“ zu orientieren. Hier müssen die gesetzgebenden Institutionen – EU-Ministerrat und Europäisches Parlament – noch nachbessern!

Proportionalität und zeitliche Streckung von Berichtsanforderungen tut not!

Den Vorarbeiten zur Standardsetzung bei der EFRAG kommt eine wichtige Rolle bei der ersten Welle europäischer Standardsetzung zu, denn die inhaltlichen Weichen werden gestellt sein, bevor die neue EFRAG-Struktur steht. Der erwähnte Klimaberichterstattungsprototyp zeigt die Schwierigkeit einer solch schnellen Vorgehensweise auf. Er stellt ein für die Breite der Unternehmen nur schwer stemmbares Arbeitsprogramm vor, das selbst bei ausreichender Vorbereitungszeit kaum umsetzbar sein wird. Insgesamt werden in der Anfangsphase ca. zwanzig europäische Standards zu einer Vielzahl von Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten erwartet. Hier drängt sich eine zeitliche Streckung je nach Dringlichkeit geradezu auf. Auch ist genauer zu schauen, inwieweit Unternehmen verschiedener Art und Größe mit den Berichtsanforderungen umgehen können. Dies ist ein weiteres wichtiges Handlungsfeld für den EU-Gesetzgeber, damit den europäischen Berichtsstandards Erfolg beschieden sein wird.

DRSC als starke deutsche Stimme in der international geprägten Standardisierung

Die europäische Entwicklung ist durch den hohen Erwartungsdruck der Politik an die effektive Transformation der Wirtschaft im Sinne des Klimaschutzes getrieben. Hier ist es wichtig, neben der Erreichung der Klimaziele auch einen Weg aufzuzeigen, wie die Erwartungen praktisch in die Berichterstattung durch die Unternehmen umgesetzt werden können. Den traditionellen Standardsetzern im Bereich der Finanzberichterstattung kommt dabei mit ihrer Methodenkompetenz eine besondere Rolle zu. Auch bedarf es aus deutscher Sicht wegen der hohen Betroffenheit deutscher Unternehmen einer starken gesamtwirtschaftlichen Interessenvertretung für die Ausgestaltung der Berichtspflichten im international geprägten Umfeld. Das DRSC hat sich hierauf in den vergangenen Monaten konsequent vorbereitet: Es wird als großer nationaler Standardsetzer auch an der neuen EFRAG-Säule zur Nachhaltigkeitsberichterstattung – wie bereits heute an der Finanzberichterstattung – beteiligt sein. Gleich hohes Engagement gilt auch für die Mitgestaltung der Standardsetzungsaktivitäten der IFRS Foundation, bei der das DRSC einer der Hauptakteure bei der erfolgreichen Bewerbung von Frankfurt am Main um den Hauptsitz des ISSB war. Das DRSC steht somit bereit und zählt auf Ihre Unterstützung!

lanfermann@drsc.de

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