Grüne, soziale und nachhaltigkeitsorientierte Finanzierungen/EU Green Bond Standard

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Nachhaltige Finanzierungen liegen auch nach Corona und trotz der aktuell die Schlagzeilen beherrschenden Inflations- und Energiekrisen weiterhin im Trend. Das Gesamtvolumen von nachhaltigen Finanzierungen hat sich seit 2018 allein in der EU jedes Jahr in etwa verdoppelt.

Diese Entwicklung wird auch durch eine zunehmende Anzahl von nachhaltigkeitsbezogenen Offenlegungspflichten für Unternehmen und Anlagen unterstützt. Auf europäischer Ebene wird dies durch die Richtlinie über die nichtfinanzielle Berichterstattung (NFRD), die Verordnung über die Offenlegung nachhaltiger Finanzierungen (SFDR) und die Corporate-Social-Responsibility-Richtlinie (CSRD) und international durch die anstehende Ergänzung der IFRS um einen „Sustainability Disclosure Standard“ gewährleistet. Die EU hat zudem mittels der sogenannten Taxonomieverordnung und verschiedener darauf aufbauender nachgelagerter Rechtsakte den Versuch unternommen, ökologisch nachhaltige Aktivitäten umfassend zu klassifizieren.

Unter dem Oberbegriff der nachhaltigen Finanzierungen („Sustainable Finance“) werden gemeinhin mindestens drei verschiedene Finanzierungsarten zusammengefasst: die chronologisch ersten „echten“ grünen Finanzierungen, die ihren Anfang mit von der Europäischen Investitionsbank emittierten Green Bonds nahmen; die etwas später entstandenen sogenannten nachhaltigkeitsorientierten Finanzierungen („Sustainability-linked Finance“); sowie die in jüngerer Zeit hinzugekommenen sogenannten „sozialen“ Finanzierungen.1

Alle diese Finanzierungsarten können mittels unterschiedlicher Instrumente strukturiert werden, zum Beispiel als Darlehen (mit fester Laufzeit oder revolvierend), Schuldverschreibung oder Schuldschein, unbesichert oder besichert entweder mit Rückgriff auf den Kreditnehmer selbst oder auf ein bestimmtes Projekt beziehungsweise den mit diesem generierten Umsatz. Der grundlegende Unterschied liegt darin, ob der Finanzierungszweck ein „grüner“ oder „sozialer“ ist oder ob stattdessen die Finanzierungskonditionen an die Nachhaltigskeitsstrategie des Kreditnehmers gekoppelt sind (und diese entsprechend beeinflussen sollen), wobei der Kreditnehmer jedoch in der Mittelverwendung frei ist. Allen drei Finanzierungsarten ist gemein, dass sich ein etablierter Marktstandard bisher nicht herausgebildet hat, es aber seitens großer Branchenverbände (insbesondere ICMA für Schuldverschreibungen sowie LMA und ihre US-amerikanischen und asiatischen Schwesterverbände LSTA und APLMA für Darlehen) Bemühungen gibt, mittels sogenannter „Green Bond Principles“ beziehungsweise „Green Loan Principles“; „Sustainable Linked Bond Principles“ beziehungsweise „Sustainable Linked Loan Principles“ zumindest die grundlegenden „Best-Practice“-Parameter für auf diesen Principles basierende Finanzierungen festzulegen. Die später erstellten Loan Prínciples bauen dabei bewusst auf den Bond Principles auf, womit eine substantielle Einheitlichkeit der wesentlichen Eckpunkte gegeben ist. Die Verwendung der Principles erfolgt freiwillig, ist im europäischen Markt aber üblich. Auf Basis der Principles haben einige Banken inzwischen ihre eigenen Rahmenbedingungen für nachhaltige Finanzierungen erstellt. Die folgenden Abschnitte geben einen kurzen Überblick über die Kernparameter der verschiedenen Principles.

Grüne Finanzierungen

„Echte“ grüne Finanzierungen müssen den Green Bond Principles zufolge vier Kernkomponenten beinhalten: die Verwendung der Erlöse, ein Verfahren zur Bewertung und Auswahl von in Frage kommenden Projekten oder Zwecken, die Verwaltung der Erlöse und die Berichterstattung. Die Finanzierungsmittel dürfen ausschließlich für grüne Zwecke genutzt werden; beispielhaft erwähnt werden unter anderem erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Reduzierung von Umweltverschmutzung sowie nachhaltiges Wasser- und Abwassermanagement.

Großen Wert legen die Principles bei grünen Finanzierungen auf Transparenz, vor allem, um das sogenannte „Greenwashing“ zu vermeiden.2 Diese Transparenz soll auf verschiedenen Ebenen gewährleistet werden. Zunächst muss der Kreditnehmer Rahmenbedingungen (ein „framework“) festlegen, welche unter anderem die internen Kontrollmechanismen für die Auswahl von grünen Projekten und die Verwaltung der Erlöse festlegen und Verpflichtungen hinsichtlich der Verwendung der Erlöse und der Berichterstattung enthalten. Diese Rahmenbedingungen werden von einem externen Gutachter hinsichtlich ihrer Übereinstimmung mit den Green Bond/Loan Principles geprüft oder auch zertifiziert. Angesichts einer zunehmenden Zahl von Anbietern in dem noch relativ neuen Segment der Nachhaltigkeitsverifikation und den unterschiedlichen Möglichkeiten der Überprüfung haben ICMA und LMA separate „Best-Practice“-Richtlinien für externe Gutachten herausgegeben.

Die Finanzierungserlöse werden daraufhin auf eine Art und Weise deponiert, die ihre Nachverfolgung bis hin zur Verwendung für die vorgesehenen Zwecke erlaubt. Dies erfolgt häufig durch Einzahlung auf ein separates Bankkonto.

Zuletzt wird Transparenz durch regelmäßige Berichte gewährleistet, welche der Kreditnehmer hinsichtlich der ausgewählten Projekte sowie des Fortgangs derselben erstellt.

Soziale Finanzierungen

Soziale Finanzierungen beinhalten dieselben vier Kernkomponenten wie grüne Finanzierungen: Verwendung der Erlöse, Verfahren zur Projektbewertung und -auswahl, Verwaltung der Erlöse und Berichterstattung. Sie unterscheiden sich von grünen Finanzierungen hauptsächlich in den unterschiedlichen Zwecken, für welche die Erlöse verwendet werden dürfen. Beispielhaft aufgezählte Kategorien für soziale Projekte sind unter anderem erschwingliche Basisinfrastruktur, Zugang zu wesentlichen Dienstleistungen, erschwinglicher Wohnraum und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Wie bei grünen Finanzierungen soll die Transparenz hinsichtlich der ausgewählten Projekte und deren Fortgang sowie der Verwendung der Erlöse auf verschiedenen Ebenen gewährleistet werden, auch, um ein dem Greenwashing ähnliches „Social Washing“ zu vermeiden. Auf die diesbezüglich schon getroffenen Aussagen wird verwiesen.

Nachhaltigkeitsorientierte Finanzierungen

Bei einer nachhaltigkeitsorientierten Finanzierung ist die Verwendung der Finanzierungserlöse nicht zweckgebunden. Stattdessen wird auf Basis der jährlichen Messung bestimmter „Key Performance Indicators“ (KPIs) die Erreichung ambitionierter ESG-Ziele („Sustainability Performance Targets“, SPTs) vereinbart, mit welchen der Kreditnehmer sein Nachhaltigkeitsprofil verbessern soll.3 Potentiell in Frage kommen eine Vielzahl von Kriterien, die im weiteren Sinne unter ESG fallen, die aber für den individuellen Kreditnehmer relevant sein müssen. Häufig anzutreffende Verbesserungsziele sind Umwelt- und Klimakriterien wie zum Beispiel die Reduzierung von CO2-Emissionen, die Verbesserung der Wasserqualität oder die Verwendung von erneuerbaren Energien. Auch soziale Kriterien wie etwa das Verhältnis von weiblichen und männlichen Angestellten in der Gesamtbelegschaft des Kreditnehmers sind gern gewählte Verbesserungsziele. Die Principles empfehlen die Einbindung eines externen Gutachters, der unter anderem bewerten soll, wie relevant die ausgewählten KPIs für das Unternehmen sind und wie ambitioniert sich die SPTs darstellen. Vor allem für Kreditnehmer mit schon länger etablierter Nachhaltigkeitsstrategie ist dies aber kein Muss. Damit eine Finanzierung als „nachhaltigkeitsorientiert“ beworben werden darf, sind üblicherweise mindestens drei verschiedene KPIs/SPTs erforderlich.

Auch bei nachhaltigkeitsorientierten Finanzierungen ist Transparenz wichtig. Der Kreditnehmer liefert einen jährlichen Bericht hinsichtlich der Zielerreichung der SPTs, der durch einen externen Dienstleister überprüft wird. Die Evaluation kann entbehrlich sein, wenn die betreffenden KPIs schon im formell geprüften jährlichen Nachhaltigkeitsreport des Kreditnehmers enthalten sind.

Die Zielerreichung der SPTs führt in der Regel zu einer (noch?) relativ geringen Reduzierung der anwendbaren Marge um 5 bis 10 Basispunkte. Bei Zielverfehlung oder ganz fehlendem Bericht wird umgekehrt zumindest bei nachhaltigkeitsorientierten Darlehen die Marge um denselben Prozentsatz erhöht. Bei nachhaltigkeitsorientierten Schuldverschreibungen ist die spiegelbildliche Erhöhung hingegen noch die Ausnahme. Die Zielverfehlung hat über die Margenerhöhung hinaus keine weiteren nachteiligen Konsequenzen für den Kreditnehmer; insbesondere stellt sie keinen Kündigungsgrund dar.

EU Green Bond Standard

Die EU-Kommission hat im Juli 2021 einen Vorschlag für einen eigenen EU Green Bond Standard für grüne Anleihen, die in der EU vermarktet werden, vorgelegt. Diese „Green Bonds“ sollen als „Europäische grüne Anleihe“ oder „EuGB“ bezeichnet werden. Der Vorschlag verbindet die erlaubten Verwendungszwecke für die eingeholten Geldmittel mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten gemäß der EU-Taxonomie, sieht zusätzliche Berichterstattungspflichten für Emittenten vor (zum Beispiel die Erstellung eines Wirkungsberichts nach erfolgter vollständiger Zuweisung der Erlöse des Bonds) und reguliert die externen Überprüfungsprozesse. Erklärte Ziele des EU Green Bond Standard sind die Prävention von „Greenwashing“ (welches allerdings auch durch die Green Bond/Loan Principles verhindert werden soll) sowie die Schaffung eines „globalen Goldstandards“ für grüne Anleihen. Die Verwendung des EU Green Bond Standard soll voraussichtlich freiwillig erfolgen. Die Vorgaben des Green Bond Standard sind nicht grundlegend neu, erheben aber im Vergleich zu bestehenden Standards den Anspruch der umfassendsten Regulierung.

Ausblick

Der Trend hin zu einem weiter zunehmenden Volumen an nachhaltigen Finanzierungen wird weitergehen, nicht zuletzt auch aufgrund des positiven Imageeffekts sowohl für Finanzierer als auch Kreditnehmer sowie der Erleichterungen etwa für Versicherer hinsichtlich des vorzuhaltenden regulatorischen Kapitals.

Ob man es für erforderlich hält, in Form des EU Green Bond Standard noch ein weiteres, stark reguliertes Regelwerk zu erstellen, oder ob man stattdessen auf die kontinuierliche Weiterentwicklung der bestehenden Principles setzt, ist letztlich Ansichtssache. Das Hinzuziehen der EU-Taxonomie für die Bestimmung von ökologisch nachhaltigen Zwecken ist mit den Green Bond Principles durchaus kompatibel. Damit soll es Investoren erleichtert werden, zu bewerten, ob sie sich an tatsächlich nachhaltigen Finanzierungen beteiligen oder ob diese mit einem irreführenden Label versehen sind. Dieses Ziel ist zu unterstützen, es wird allerdings grundsätzlich auch durch die konsequente Anwendung der „Principles“ gewährleistet. Immer erfahrenere und anspruchsvollere Investoren mit zum Teil eigenen internen Nachhaltigkeitsbewertungssystemen sowie die zunehmende Anzahl von Rechtsstreitigkeiten bezüglich Investitionen in vermeintlich nachhaltige Produkte führen in jedem Fall absehbar dazu, dass das Risiko von „Greenwashing“ und irreführendem Marketing kurz- bis mittelfristig signifikant sinken sollte.

 

wolfgang.kotzur@oppenhoff.eu

 

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1 Es gibt bei Schuldverschreibungen eine vierte Kategorie namens „Sustainability Bonds“, mit deren Erlösen sowohl grüne als auch soziale Projekte finanziert werden.
2 Unter „Greenwashing“ versteht man den Versuch, einem Unternehmen ein „grünes Image“ zu verleihen, obwohl dessen Aktivitäten überwiegend umweltbelastend sind.
3 Mit ESG („Environmental, Social and Governance“) wird eine sehr weite, umfangreiche, aber auch diffuse Sammlung von Kriterien beschrieben, die im weiteren Sinne zur „Nachhaltigkeit“ von Unternehmensaktivitäten beitragen sollen.

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