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Fast jedes Geschäftsmodell hat Auswirkungen auf Menschen und Natur. Während der unmittelbare finanzielle Erfolg für das Unternehmen in der Regel ersichtlich ist, sind indirekte Auswirkungen ökonomischer Art und Veränderungen nicht-finanzieller Kapitalstöcke schwieriger zu beurteilen. Es ist zu erwarten, dass die Erfassung dieser Effekte und die Berichterstattung darüber sich in den kommenden Jahren deutlich weiterentwickeln wird. Denn die Materialität dieser indirekten Effekte im Sinne einer nachhaltigen und integrierten Entscheidungsfindung im Unternehmen findet verstärkt Beachtung. In diesem Kontext werden im Folgenden vier Blickwinkel aufgezeigt, die für den Aufbau einer erweiterten Wirkungsmessung und -bewertung als Schlüsselkompetenz sprechen.

Resilienz – Abwägen von Trade-offs als notwendige Kompetenz für strategische Unternehmensentwicklung
Für wen wird durch ein Geschäftsmodell Wert generiert und für wen wird Wert reduziert oder gar zerstört? Nur der unverstellte Blick auf bestehende Trade-offs in der Wertschöpfungs­kette und eine integrierte Bewertung ermöglichen einen strategisch ausgerichteten Umgang mit den Wirkungsprofilen des eigenen Geschäftsmodells. Diese Informationen sind Voraussetzung für die Entwicklung resilienter „360° Corporation“-Organisationen1. Das Management in dieser Art von Unternehmen nutzt die Informationen zu Trade-offs, um mit Interventionen oder Innovationen die Trade-offs aufzulösen oder zumindest das Bestreben nach einer Lösung der Herausforderungen offensiv herauszustellen.
Die Erfassung und Bewertung der Trade-offs kann auf zwei Ebenen erfolgen: a) eine Stakeholderperspektive, die sich auf positive und negative Auswirkungen von Unternehmensaktivitäten auf die Gesellschaft konzentriert – die Value-to-Society-Perspektive; b) eine finanzgetriebene Sichtweise, wie sich diese Auswirkungen (und Abhängigkeiten) auf die (längerfristige) finanzielle Performance des Unternehmens auswirken – die Value-to-Business-Perspektive.

Building Trust – Informationsbedarf in stärker nachhaltig ausgerichteten Kapitalmärkten
Im Rahmen des EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen und inklusiven Wachstums sollen Kapitalströme u.a. durch mehr Informationen zur Wirkung von Geschäftsmodellen gelenkt werden. Ein Kernstück der Regulierung ist die Einführung der Pflicht für Finanzmarktakteure, ein „Principal Adverse Impact“-Statement für Anlageprodukte zu veröffentlichen. Das Statement enthält eine Reihe von ESG-Indikatoren (u.a. CO2-Emissionen, Biodiversität, Wasseremissionen, Waste). Die Berichtspflichten für Akteure der Finanzwirtschaft werden mittelfristig zu einer verstärkten Nachfrage von Impact-bezogenen Nachhaltigkeitsinformationen führen.
Ein jährliches Impact-Reporting ist absehbar für grüne Finanzierungsoptionen wie z.B. Green Bonds: Emittenten werden dazu ermutigt in freiwilligen Rahmenwerken bzw. in Zukunft dazu verpflichtet. Die im Juni 2021 erschiene Fassung der ICMA Green Bond Principles2 konkretisiert die Empfehlung zum freiwilligen Impact-Reporting. Ebenso enthalten die veröffentlichten Entwürfe des EU-Green-Bond-Standards klare Aussagen zu künftigen Anforderungen an das Impact-Reporting.

Berichterstattung – Impact-Materialität als Berichtsgrundsatz zukünftiger Nachhaltigkeitsberichterstattung
In der aktuellen Diskussion zu einer ordnungsgemäßen Nachhaltigkeitsberichterstattung ist das Thema Impact-Materialität zu einem Schlüsselbestandteil geworden. Es ist neben der finanziellen Materialität Teil der doppelten Wesentlichkeitsprüfung. Dabei bedeutet Impact-Materialität, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsaspekte identifizieren, die in Bezug auf die Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit und der Wertschöpfungskette des berichtenden Unternehmens wesentlich sind.
Die Beurteilung von Wirkung umfasst drei Dimensionen:
(i) die Schwere (Ausmaß, Umfang und Abhilfemöglichkeit) und gegebenenfalls die Wahrscheinlichkeit tatsächlicher und potenzieller negativer Auswirkungen auf Mensch und Umwelt;
(ii) das Ausmaß, den Umfang und die Wahrscheinlichkeit tatsächlicher positiver Auswirkungen auf Mensch und Umwelt im Zusammenhang mit der Geschäftstätigkeit und der Wertschöpfungsketten der Unternehmen;
(iii) die Dringlichkeit, die sich aus sozialen oder umweltpolitischen Zielen und planetarischen Grenzen3 ergibt.
Die EU Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) führt das Konzept der doppelten Wesentlichkeitsprüfung für einen großen Anwendungskreis von Unternehmen verpflichtend ein. Bislang waren in Deutschland rund 500 Unternehmen berichtspflichtig unter der Non-Financial Reporting Directive4. Nach den neuen Regelungen werden es nach Schätzungen von PwC mindestens zehnmal so viele sein.

Reaktionsfähigkeit – Aufkommen von unternehmensexternen Analysen zu Externalitäten und Unternehmensbewertung
Nicht nur Unternehmen werden dazu beitragen, die Transparenz zur Wirkung von Geschäftsmodellen zu erhöhen. In wachsender Zahl erscheinen externe Analysen, mit deren Aussagen sich Unternehmen konfrontiert sehen. Eine wesentliche Analyse ist zum Beispiel die „Outside-in“-Impact-Analyse des Impact-weighted-Accounts-Projekts der Harvard University5. Impact-weighted Accounts sind hierbei als Posten in einem Jahresabschluss zu sehen, wie z.B. bei einer Gewinn- und Verlustrechnung oder einer Bilanz, die hinzugefügt werden, um eine Aussage über die finanzielle Gesundheit und Leistung zu ergänzen, indem sie die positiven und negativen Auswirkungen eines Unternehmens auf Mitarbeiter, Kunden, die Umwelt und die breitere Gesellschaft widerspiegeln.
Im letzten Jahr hat die Initiative der Harvard University einen Datensatz6 veröffentlicht, der die umweltbezogenen Wirkungen als monetarisierte Größen für Einzelunternehmen zeigte. Darin enthalten waren auch Daten von 69 deutschen Unternehmen. Die dazugehörige Veröffentlichung stellt die bewerteten Umweltexternalitäten in Bezug zu Umsätzen oder dem Betriebsergebnis und diskutiert Auswirkungen der Externalitäten auf die Unternehmensbewertungen.
Auch wenn in Teilen die Annahmen und die Qualität der öffentlich verfügbaren Daten die Aussagefähigkeit einschränken, Unternehmen sollten sich aktiv mit dem Thema Impact Valuation befassen und die über sie in Umlauf befindlichen Impact-Datensätze evaluieren. Auch dazu ist es erforderlich, sich intensiver mit den aktuellen Methodiken der Wirkungsmessung und -bewertung zu befassen.

Fazit und Optionen für den Kompetenzaufbau
Die Beispiele zeigen, dass Impact Valuation aus unterschiedlichen Perspektiven ein zentraler Baustein für die nachhaltige Steuerung und Entwicklung von Unternehmen ist. Egal, ob als aktuelle regulatorische Anforderung oder als Grundbaustein für eine stärker Stakeholder-fokussierte Entwicklung von resilienten Geschäftsmodellen.
Erfahrungen mit praktischen Fragen der Impact Valuation lassen sich unseres Erachtens am besten mit konkreten Pilotprojekten gewinnen. Eine Reihe von Unternehmen nutzt hierfür einen kollaborativen Ansatz unter dem Schirm der Value Balancing Alliance (VBA)7. Dabei werden konkrete praktische Fragestellungen mit Hilfe von Peer-Learning Sessions und der gemeinsamen Entwicklung einer Methodik8 erschlossen. Die Kollaboration beinhaltet auch eine Verpflichtung aller teilnehmenden Unternehmen zur testweisen Anwendung der Methodik.

Fußnoten
1 Siehe Sarah Kaplan “The upside of trade-offs” in PwC / Strategy& Strategy+Business (2020): https://www.strategy-business.com/article/
The-upside-of-trade-offs?gko=3468f.
2 Siehe https://www.stockholmresilience.org/research/planetary-
boundaries.html.
3 https://www.pwc.de/de/pressemitteilungen/2021/csr-richtlinie-heute-beginnt-eine-neue-aera-in-der-nachhaltigkeitsberichterstattung.html.
4 https://www.hbs.edu/impact-weighted-accounts/Pages/default.aspx.
5 https://www.hbs.edu/impact-weighted-accounts/Documents/
Final-Sample-External.xlsx.
6 https://www.value-balancing.com/ Disclaimer: PwC unterstützt die
Initiative als pro-bono-consultant.
7 Die entwickelten Methoden sind hier erhältlich: https://www.value-
balancing.com/en/downloads.html.

robert.prengel@pwc.com

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