Killt Putin auch ESG?

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Noch vor einem halben Jahr schien im Hinblick auf ESG die Richtung in Europa klar. Eine Vielzahl von Initiativen der EU forderte eine vielschichtige Umgestaltung der Wirtschaft mit dem Ziel, Kapitalströme in nachhaltige Investments umzulenken. Das schien zu gelingen. Laut Bundesverband Investment und Asset Management e.V. (BVI) haben 40% der in Publikumsfonds investierten Gelder im ersten Quartal 2022 in Deutschland Fonds betroffen, die Nachhaltigkeitsmerkmale aufwiesen. Dem stand eine entsprechende Nachfrage auf Kundenseite gegenüber. Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg schienen zusammenzufallen. Auch im Rahmen der Corporate Governance war zumeist von einer Übereinstimmung von Nachhaltigkeitserwägungen und Ertragsinteressen die Rede.

Mittlerweile ist unsere bisherige Welt aus den Fugen geraten. Der russische Aggressionskrieg gegen die Ukraine und deren Bevölkerung hat eine Vielzahl von vermeintlichen Gewissheiten von einem Tag auf den anderen ins Wanken gebracht. Viele Dinge sind heute nicht mehr, wie sie noch vor kurzem schienen. Russland ist kein Freund und Partner mehr, unsere Energieversorgung ist nicht mehr sicher. Sogar Krieg scheint plötzlich auch in Deutschland nicht mehr völlig ausgeschlossen. Inflation, Rezession und Marktturbulenzen bedrohen Wirtschaft, Arbeitsplätze und Wohlstand. Soziale Spannungen nehmen zu. Das führt zu einem neuen Nachdenken über unsere Prioritäten. Auch im Hinblick auf ESG geraten vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Mitunter wird das gesamte Konzept in Frage gestellt. Auf jeden Fall ist die Saga von der vermeintlichen Win-win-Situation im Hinblick auf Ökonomie und Nachhaltigkeit erst einmal zu Ende.

Klassifizierung wirtschaftlicher Tätigkeiten als Grundvoraussetzung

Wer nachhaltiges Verhalten fördern will, muss zunächst einmal definieren, was nachhaltig ist. Dreh- und Angelpunkt für die Bemühungen der EU um Nachhaltigkeit ist daher, erst einmal Kriterien dafür zu schaffen, was eigentlich als nachhaltig zu klassifizieren ist.

Dem dient vor allem die Entwicklung eines EU-Klassifizierungssystems für nachhaltige Aktivitäten (TaxonomieVO). Um als ökologisch nachhaltig zu gelten, muss eine Wirtschaftstätigkeit wesentlich zur Verwirklichung eines Umweltziels sein (Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel, nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling, Vermeidung und Verhinderung der Umweltverschmutzung, Schutz gesunder Ökoysteme). Die Wirtschaftstätigkeit darf die vorgenannten Ziele darüber hinaus nicht erheblich beeinträchtigen („do no significant harm“). Ferner müssen die Wirtschaftstätigkeiten einen Mindeststandard von Menschen- und Arbeitsrechten einhalten. Allein für die Umweltziele „Klimaschutz“ und „Anpassung an den Klimawandel“ ist zum 01.01.2022 eine mehr als 480 Seiten umfassende Verordnung in Kraft getreten, die technische Evaluierungskriterien für ausgewählte Wirtschaftssektoren festlegt, um einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz und zur Anpassung an den Klimawandel sowie zur Vermeidung der Beeinträchtigung besser beurteilen zu können. Entsprechende Evaluierungskritierien für die anderen Umweltziele werden noch entwickelt.

Ziel ist es, auf diese Weise Checklisten zu entwickeln, die eine Klassifizierung von Wirtschaftstätigkeiten einfach machen. Als Folge kommen dann einfache Kennzeichen und Einstufungen hinzu, etwa ein europaweiter Standard für grüne Anleihen („Green Bonds“) oder ein EU-Ecolabel für bestimmte Retail-Finanzprodukte.

Ähnlich wie bei Umweltzielen soll bei sozialen Zielen (angemessene Arbeitsbedingungen entlang der Wertschöpfungskette, angemessener Lebensstandard und Wohlergehen der Endverbraucher, inklusive und nachhaltige Gesellschaft und Gemeinden) eine ähnliche Taxonomie entwickelt werden.

Haben wir keine anderen Probleme?

Diese Klassifizierung und die damit verbundenen Reporting- und sonstigen Pflichten sind für Unternehmen enorm aufwendig. In Kriegszeiten und in Zeiten bevorstehender wirtschaftlicher Turbulenzen ist die Notwendigkeit, Unternehmen umfangreiche zusätzliche Complianceanforderungen aufzuerlegen, aber besonders begründungsbedürftig. Haben wir jetzt nicht andere Sorgen? Das mag man zumindest auf den ersten Blick im Hinblick auf ESG fragen. Das spielt all denen in die Hände, die übertriebene „Wokeness“ immer schon kritisierten. ESG steht daher gegenwärtig unter besonderem Rechtfertigungsdruck.

Beliebigkeit der Kriterien: Sind auch Tote nachhaltig?

Darüber hinaus scheint unter dem Eindruck der Putinschen Erpressungsversuche im Hinblick auf die deutsche Energieversorgung gegenwärtig fast alles nachhaltig zu sein, angefangen bei Atomkraft und Gas. Die EU-Kommission hatte bereits Anfang Februar vorgeschlagen, Atomkraft und Erdgas unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich einzustufen. Kernkraftwerke sollen als klimafreundlich gelten, wenn eine Baugenehmigung bis 2045 vorliegt und es im Land einen Plan und finanzielle Mittel für die Atommüllentsorgung gibt. Mit Blick auf Gaskraftwerke sind die Auflagen gelockert worden. Demnach gelten Investitionen in neue Gaskraftwerke bis 2030 als nachhaltig, wenn sie unter anderem schmutzigere Kraftwerke ersetzen und bis 2035 mit klimafreundlicheren Gasen betrieben werden.

Der russische Aggressionskrieg hat auch im Hinblick auf die unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten lange negativ konnotierte Rüstungsindustrie zu einem neuen Nachdenken geführt. Sofort hat der Krieg die Diskussion um ESG-Konformität von Rüstungsgütern eröffnet. Die einfache Gleichung für viele lautet nun: Rüstung verteidigt Freiheit, Werte- und Rechtssystem und Wohlstand, sie ist also notwendige Bedingung für positive Ziele und somit selbst ESG-konform.
Macht es vor diesem Hintergrund heute überhaupt noch Sinn, in nachhaltig und nicht nachhaltig zu differenzieren? Ist nicht alles beliebig? Und ist vielleicht die ganze Diskussion um das Labelling von Wirtschaftsaktivitäten „Bullshit“, wie unlängst Albert Wenger vom Risikokapitalgeber Union Square Ventures in einem Interview meinte?

Alles nur PR und Marketing-Hype?

Diese Skepsis scheint bestätigt zu werden durch publikumswirksame „Greenwashing-Vorwürfe“ gegen die Deutsche-Bank-Tochter DWS. Diese führten im Juni dieses Jahres zu Durchsuchungen und Ermittlungen wegen des Verdachts des Kapitalanlagebetrugs gegen Mitarbeiter und Verantwortliche der DWS. Ausgelöst worden war das Verfahren durch Medienberichte, wonach die DWS womöglich „grüne Finanzprodukte“ als „nachhaltiger“ verkauft habe, als sie tatsächlich seien. Immerhin reduzierte die DWS in ihrem Jahresabschluss für das Jahr 2021 die Summe der als nachhaltig eingestuften Anlagen verglichen mit dem Vorjahr um 75%.

Keine Hilfe durch Ratingagenturen?

In diesem Zusammenhang zeigte sich auch, dass der Ruf nach Ratingagenturen als Lösung des Vergleichbarkeitsthemas zumindest gegenwärtig noch nicht wirklich weiterhilft. Das Messen und Bewerten von ESG-Parametern ist offensichtlich etwas ganz anderes als das von Finanzkennzahlen, der bisherigen Domäne der Ratingagenturen. Während bei diesen eine über 90%ige Korrelation bei der Bewertung durch unterschiedliche Ratingagenturen besteht, sieht das Bild beim ESG-Rating ganz anders aus. Die Ratingeinstufungen zu ESG zeichnen sich offensichtlich zumindest gegenwärtig noch durch mangelnde Vergleichbarkeit, Konsistenz und Transparenz aus.

Heterogenität von ESG als Grundproblem

Das Grundproblem ist eines des Maßstabs. Zu viele Dinge werden unter dem nur scheinbar einheitlichen Begriff „ESG“ zusammengefasst. Der Begriff ist in Wirklichkeit zu unpräzise, um alle positiven oder negativen Effekte in den Bereichen Environment, Social und Governance, die von der Wirtschaftstätigkeit eines Unternehmens ausgehen, zu erfassen. Es ist daher vermutlich bereits im Ansatz vergeblich, Klimaschutz, Menschenrechte und Corporate Governance unter einem Label zusammenzufassen. Und so ist es kein Wunder, wenn der Versuch, das trotzdem zu tun, mit unverständlichen Ergebnissen endet. So ist es in der Tat nur schwer zu vermitteln, wenn Tesla aus dem S&P-500-Nachhaltigkeitsindex fliegt, während Exxon Mobil weiter dort vertreten ist.

Die Ausgangsprämisse der Bemühungen um ESG bleibt aber auch in Kriegszeiten richtig. Die Bepreisung des Risikos wirtschaftlicher Tätigkeit ist gegenwärtig nicht angemessen. Die Möglichkeiten zu einer Externalisierung von Kosten unternehmerischer Tätigkeit sind zu hoch, und das Bestreben nach einer verstärkten Internalisierung derartiger Kosten ist daher richtig. Richtig ist daher auch das von der EU ausgehende Bemühen nach Transparenz. Das aber geht nicht anders als durch Klassifizierung und Taxonomie.

Der Krieg lehrt uns aber, dass ESG mehr ist als bloßes „box ticking“. Anders als eine nur oberflächliche Bezugnahme auf ESG und/oder Nachhaltigkeit nahelegt, gibt es im Hinblick darauf, was wir für gesellschaftlich sinnvoll halten, keine festgefügten Antworten. Vielmehr reden wir insoweit über moralische und/oder politische Urteile, kurz gesagt über Werturteile. Es geht um die Bewertung von Folgen. Und da wirtschaftliche Tätigkeiten eine Vielzahl von möglicherweise gegenläufigen und disparaten Folgen haben, geht es um die Gewichtung dieser Folgen gegeneinander. Mitunter hat selbst unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten dieselbe Tätigkeit auf der einen Seite positive, auf der anderen negative Folgen. Es gibt Trade-offs. Diese sind, wie sich gerade in Krisenzeiten zeigt, manchmal schmerzhaft.

Vor allem aber wird deutlich, dass Entscheidungen zu ESG-Aspekten möglicherweise wechselhaft und veränderlich sind. So macht es in einem geänderten Gesamtumfeld heute möglicherweise Sinn, bei Gas und Kernkraft für eine Übergangszeit den Einsatz mindestens zweifelhafter Energieträger zu tolerieren, um auf diese Weise unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten positive Ziele zu erreichen. In die gleiche Kategorie fällt die Erkenntnis, dass auch Rüstungsgüter nicht per se Teufelszeug, sondern in bestimmten Situationen notwendige Mittel zur Abwehr eines kriegsverbrecherischen und menschenverachtenden Autokraten sind.

Binärer Ansatz hilft nicht weiter

Dabei hilft aber ein binärer Ansatz, der nur eine Antwort zulässt und möglicherweise disparate Effekte unter einem Oberbegriff zusammenzufassen versucht, nicht weiter. Vielmehr geht es darum, auch möglicherweise konfligierende Ziele herauszuarbeiten und zu benennen. Ob man zum Beispiel Tesla wegen seiner wegweisenden Elektroautos für ein tolles Unternehmen hält oder wegen dessen zweifelhafter Corporate Governance vom Kauf eines Teslas oder von einem Investment in Tesla-Aktien absieht, ist eine Wertentscheidung, die davon abhängt, wieviel Gewicht man den einzelnen Faktoren gibt. Einer einheitlichen Bewertung ist das kaum zugänglich, und das muss es auch nicht sein.

Auch darf das Hauptaugenmerk nicht auf einer staatlichen Vorgabe durch die Schaffung einheitlicher Label im Hinblick auf ESG-Konformität liegen. Derartige staatliche Kennzeichnungen machen allenfalls im Hinblick auf Einzelaspekte (etwa Klimaschutz) Sinn, aber nicht, wenn es um das Ergebnis der Gewichtung einer Vielzahl von völlig unterschiedlichen Faktoren geht. In erster Linie sollten die entsprechenden Wertentscheidungen Investoren und Unternehmen überlassen bleiben. Voraussetzung dafür im Rahmen der Corporate Governance ist allerdings, dass derartige gesamtgesellschaftlich wichtigen Aspekte von Unternehmenslenkern tatsächlich auch dann berücksichtigt werden dürfen, wenn das für das Unternehmen ökonomisch nachteilig ist. Das ist gegenwärtig in Deutschland nach überwiegender Meinung allerdings noch nicht der Fall. Auch insoweit mag unter dem Eindruck des Krieges ein Umdenken beginnen.

Klar ist auf jeden Fall, dass ESG im Endeffekt nicht zu den vielen Opfern Putins gehören wird. Im Gegenteil. Der Krieg führt uns vor Augen, wie fragil die Welt gerade im Hinblick auf pauschal unter dem Oberbegriff ESG zusammengefasste Faktoren ist. Und dass deren Nichtberücksichtigung im Endeffekt viel brutalere Folgen hat als die mit dem Verzicht auf die Ausnutzung von Ertragschancen verbundenen monetären Einbußen.

 

birkholz@lindenpartners.eu

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