Die neue Welt der Nachhaltigkeitsberichterstattung erfasst mittelbar auch kleine und mittlere Unternehmen

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Was passiert eigentlich mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung der schätzungsweise 2,6 Millionen kleinen und mittelgroßen Unternehmen (KMU) in Deutschland? Es ist mittlerweile landläufig bekannt, dass mit der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung von etwa 15.000 großen haftungsbeschränkten Unternehmen in Deutschland spätestens ab dem Geschäftsjahr 2025 eine neue Qualität erhalten werden. Das Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) hat jüngst darauf aufmerksam gemacht, dass zusätzlich bis zu 18.000 öffentliche Unternehmen, vorrangig im kommunalen Bereich, auch von den Berichtspflichten für große haftungsbeschränkte Unternehmen erfasst werden. Bisher nicht ausreichend beleuchtet ist die Situation der etwa 2,6 Millionen KMU in Deutschland. Auch diese werden mittelbar Gegenstand der europäischen Berichtspflichten und müssen daher Nachhaltigkeitsinformationen vorhalten.

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz ist erst der Anfang

Für KMU rührt dies insbesondere aus ihrer Rolle als Teil von Wertschöpfungs- beziehungsweise Lieferketten her. Auftraggeber oder Lieferanten, die den Berichtspflichten der CSRD unterliegen, benötigen deren Nachhaltigkeitsdaten zum Beispiel zur Berechnung eigener Scope-3-CO2-Emissionen oder zur Klärung der Sicherstellung der Menschenrechte bei bezogenen Leistungen oder Produkten. Dies ist Teil der Anforderungen der CSRD. Ähnliche Wirkungen zeigen sich aktuell schon im Zusammenhang mit den Berichtspflichten des deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LkSG), die KMU zu Adressaten solcher Informationsanfragen machen. Hierfür haben sich allerdings noch keine einheitlichen Marktstandards zu den zur Verfügung zu stellenden Informationen herausgebildet; der Informationsaustausch erfolgt bisher durch individuell ausgestaltete Anfragen. Der Anwenderkreis des LkSG wird in den kommenden Jahren schrittweise ausgeweitet und wird damit diese Praxiswirkungen für KMU noch verstärken. Auch die nächste grundlegende Überarbeitung des LkSG könnte bereits ins Haus stehen: In Brüssel wird derzeit der Vorschlag für ein europäisches Lieferkettengesetz – die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) – in bereits fortgeschrittenem Stadium verhandelt. Die entsprechende Berichterstattung nach CSDDD wird voraussichtlich eng mit der CSRD-Berichterstattung verknüpft sein.

Kreditgeber und Versicherer brauchen mehr Informationen

Auch im Kontext der Kreditvergabe oder der Versicherung von Betriebsgebäuden oder Anlagen werden KMU zukünftig nachhaltigkeitsbezogene Informationen erheben und offenlegen müssen. Im Zusammenhang mit der europäischen Sustainable-Finance-Gesetzgebung werden Banken und Versicherungsunternehmen dazu veranlasst, Nachhaltigkeitsinformationen in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Finanzunternehmen benötigen daher in zunehmendem Maße nachhaltigkeitsbezogene Informationen ihrer Kunden, auch, um ihr eigenes Risikoprofil einschätzen zu können, zum Beispiel mit Blick auf die Erfüllung von Green-Asset-Ratios. Auch für diese Informationsanfragen an die betroffenen KMU haben sich noch keine allgemeingültigen Anforderungen herausgebildet.

Brüssel wird in 2023 verbindliche Standards für kapitalmarktorientierte KMU entwickeln

Auch im Zusammenhang mit der Entwicklung detaillierter Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung im Rahmen der CSRD werden KMU bereits im kommenden Jahr in den Fokus rücken. Die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) wird voraussichtlich bis Ende 2023 besondere KMU-Berichtsstandards entwickeln. Diese betreffen zunächst nur kapitalmarktorientierte KMU, deren Anzahl in Deutschland mit etwa 70 betroffenen Unternehmen überschaubar ist. Seitens des EU-Gesetzgebers wird in diesem Zusammenhang jedoch eine Ausstrahlungswirkung der KMU-Berichtsstandards auch auf andere KMU erwartet. Mit Blick auf diese anderen KMU, die zahlenmäßig für Deutschland den überwältigenden Anteil bilden, sind unverbindliche Leitlinien vorgesehen. Von der Brüsseler Seite wird sich also der Druck erhöhen, stärker harmonisierte Berichtsvorgaben für die gesamte Breite der KMU zu entwickeln.

DRSC und RNE starten Pilotgruppe zum deutschen KMU-Reporting

Nach einer bereits erfolgreichen Zusammenarbeit in der Phase der Erarbeitung der europäischen Berichtsstandards für große Unternehmen bei EFRAG haben das Deutsche Rechnungslegungs Standards Committee e.V. (DRSC) und der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) im Herbst dieses Jahres eine formale Kooperationsvereinbarung geschlossen. Das DRSC vertritt deutsche Interessen in europäischen und internationalen Standardsetzungsgremien wie EFRAG und dem International Sustainability Standards Board (ISSB). Der RNE hat auf nationaler Ebene mit der Schaffung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) einen wichtigen Referenzpunkt für die Berichterstattung deutscher Unternehmen zu Nachhaltigkeitsaspekten geschaffen. Ein Schwerpunkt dieser Kooperation ist die gemeinsame Pilotgruppe zur KMU-Berichterstattung. Die Pilotgruppe unter Leitung von Prof. Alexander Bassen verbindet in ihrer Zusammensetzung verschiedene Perspektiven, das heißt, die Sichtweise der KMU-Berichtersteller sowie die Sichtweise der Nutzer dieser Informationen wie beispielsweise Banken und Versicherungsunternehmen. Einbezogen ist ebenfalls die Berichterstattung über Lieferketten. Noch im laufenden Jahr soll ein Eckpunktepapier zur Ausgestaltung des KMU-Reportings beschlossen werden. Dies soll insbesondere EFRAG über die Kernanliegen aus deutscher Sicht informieren. Es ist zudem geplant, die Brüsseler KMU-Vorschläge zu evaluieren, die voraussichtlich im Frühjahr 2023 konsultiert werden.

In gleicher Weise soll konzeptionell mit Blick auf die deutsche Situation überlegt werden, wie eine weitere Standardisierung im Bereich des KMU-Reportings aussehen könnte. Dies kann auch in eine Weiterentwicklung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex münden.

 

lanfermann@drsc.de

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