Sich neu erfinden

Im Blickpunkt: Die Bank von morgen – von der Vertriebsgesellschaft zum Technologiekonzern

Von Dr. Nadejda Kysel und Thorsten Schenk

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Einleitung

Getrieben sowohl von den großen Internetriesen Apple, Google, Amazon und Facebook als auch von den vielen kleineren, aber sehr erfolgreichen Fintechs, suchen die etablierten Banken ihren Weg in die digitale Zukunft. Die Deutsche Bank treibt beharrlich trotz aller sonstigen Unruhen um das Geldhaus den Umbau zum Technologiekonzern voran, und auch die Commerzbank gibt sich eine klare strategische Richtung: Sie will sich zu einem digitalen Unternehmen entwickeln. Volksbanken und Sparkassen tun sich hier naturgemäß aufgrund der regionalen Aufstellung schwerer, aber auch sie haben große Digitalisierungsprogramme aufgelegt. Nebenbei folgen die Direktbanken in Deutschland weiter ihrem digitalen Wachstumskurs, wie etwa die ING DiBa. Fünf skandinavische Großbanken, SEB, Nordea, Danske Bank, DNB und Svenska Handelsbanken, wollen gemeinsame Plattformen zur Speicherung sensibler Firmenkundendaten aufbauen, sie  gaben vor kurzem bekannt, eine entsprechende Infrastruktur zu entwickeln.

Das digitale Feld, in das sich Banken bewegen müssen, ist dabei offen und weit. Es reicht von der neuen (und überzeugenden) digitalen Customer-Journey bei bestehendem Geschäftsmodell bis hin zu neuen disruptiven Bankinggeschäftsmodellen. Zum ersten Bereich – der neuen digitalen Customer-Journey – gehört:

  • der komplette Bereich User-Experience im Onlinebanking, das die Kundebetreuung in der Filiale ersetzt
  • das ganze Digital Marketing, das 1:1 den Vertrieb in der Beratung ersetzt
  • alles im Umfeld Digital Advisory – etwas Robo-Advisory, das die Beratung in der Filiale ersetzt

Mit diesen drei Maßnahmen befinden wir uns dann im neuen Direktbanking, das dem klassischen Retailbanking weit überlegen ist. Die Reise geht aber weiter: Erst richtig spannend wird es mit den technologiegetriebenen neuen disruptiven Bankinggeschäftsmodellen. Um nur drei zu nennen:

  • neue Bank-Kunden-Kommunikation über intelligente Voice-Bots
  • neue Zahlungsflüsse oder Kryptowährungen auf der Basis von Blockchain
  • neue Vermögensallokation auf der Basis von Artificial Intelligence

Digitalisierung als globaler Strukturwandel

Wie oben dargestellt, wird das Thema Bankendigitalisierung vielfach auf Internet und Mobile Banking reduziert, also auf die Vertriebskanäle zum Kunden hin. Digitalisierung erfüllt damit in erster Linie die Bedürfnisse der Kunden nach Bequemlichkeit und durchgehender Verfügbarkeit. Dies ist zu eng gefasst, denn darüber hinaus ist die Digitalisierung als ein globaler Strukturwandel in der Bankenlandschaft zu begreifen, als ganzheitliche Digitalisierungsstrategie, die alle Bedürfnisse moderner Kunden und die Anforderungen der Aufsicht adressiert. Denn die Banken haben es gegenwärtig nicht leicht. Vor allem im Kreditgeschäft kämpfen sie mit steigenden Kosten im Niedrigzinsumfeld. Darüber hinaus drängen Wettbewerber auf den Markt – aus Near- und Nonbanking. Banken müssen eine Balance dazwischen anstreben, ihre Betriebskosten zu senken und dennoch die regulatorischen Bestimmungen zu erfüllen.

Im Zusammenhang mit dem Strukturwandel stehen die Banken vor vielen rechtlichen Herausforderungen, vor allem im regulatorischen Bereich. Die potentiellen Auswirkungen des Wandels auf das Finanzsystem sind schwer einschätzbar, da sich die Entwicklungen im Anfangsstadium befinden und sehr dynamisch fortschreiten. Es entstehen daher Lücken in der Regulierung, die flexible Anpassungen durch die Aufsichten und Gesetzgeber erfordern.

Nach der Finanzmarktkrise wurden schärfere Vorschriften hinsichtlich des Eigenkapitals, der Risikotragfähigkeit, der Liquidität sowie der Einlagensicherung erlassen. Zudem müssen die Banken innerhalb ihrer Strukturen Compliancerichtlinien einhalten. Einige Maßnahmen, die den Berichtsaufwand besonders steigern, seien im Folgenden herausgegriffen.

Konkrete Anforderungen an Banken

Die Anforderungen des Baseler Ausschusses (BCBS 239) fordern eine nachvollziehbare und vollumfängliche Darstellung der Gesamtrisikoposition der Bank. Dies verlangt wiederum eine einheitliche, also technisch und fachlich vollintegrierte IT über alle Bereiche hinweg. Denn in der Bankenkrise 2008 hat man festgestellt, dass die Risiko-IT nicht gut performte, da es zu viele heterogene Einzelsysteme gab. Als Folge wurden die Grundsätze für die Unternehmensführung der Banken, die IT-Infrastruktur, Risikodatenaggregation und Risikoberichterstattung betreffen, neu aufgestellt. Weitere vergleichbare Anforderungen an die automatische Datenaggregation und Datenqualität werden von der 5. MaRisk-Novelle festgelegt. Auch durch die Umsetzung der europäischen Wertpapierverordnung (MIFID II) müssen die Banken ihre Prozesse in der Wertpapierberatung und -abwicklung restrukturieren und automatisieren.

Seit 2016 ist eine Leitlinie zu aufsichtsrechtlichen Überwachungs- und Überprüfungsprozessen der European Banking Authority (EBA) in Kraft (SREP). Im Unterschied zum bislang in Deutschland bekannten Ansatz kennt der europäische Ansatz neue Elemente wie etwa die umfangreiche Analyse des Geschäftsmodells oder auch die Erwartungen hinsichtlich eines integrierten Risikomanagementprozesses für Liquidität und Funding (Internal Liquidity Adequacy Assessment Process, ILAAP). Daneben arbeitet man mit umfangreichen Datenanalysemodellen: aufsichtsintern werden etwa von der EZB sogenannte Challenger-Modelle eingesetzt, mit deren Hilfe die bankinternen Rechnungen hinterfragt werden. Das endgültige Ergebnis der SREP-Überwachung wird bestimmt durch die Überprüfung umfangreicher Dokumentationen, zum Beispiel zur internen Governance, der ICAAP- oder auch ILAAP-Berichte, durch die Resultate von Aufsichtsgesprächen und Workshops und nicht zuletzt durch die Ergebnisse der Vor-Ort-Prüfungen. Letztlich führt der Ansatz in der Regel zu aufsichtsrechtlich  vorgegebenen Kapitalzuschlägen.

Ein steigender administrativer Aufwand ist zu erwarten. Die Umsetzung fordert jedoch eine bessere IT von den Banken, hier schließt sich der Kreis Regulierung und Digitalisierung – ein adäquates Berichtswesen ist nur mit einer qualitativ hochwertigen Datenbasis und hochleistungsfähigen Analytics-Systemen möglich. Die Regulierung kann daher auch als treibende Kraft für die Digitalisierung gesehen werden. Die regulatorischen Anforderungen sind zwar sehr aufwendig in der Umsetzung, werden aber von vielen Banken als Chance gesehen, ihr gesamtes Datenmanagement neu aufzustellen und die Datenqualität zu verbessern.

Ausblick

Die Banken brauchen jedoch mittelfristig neue Ertragsperspektiven, die sie über eine flexible und dynamische Entwicklung von Produkten schaffen müssen. Und genau dafür werden die digitalen Plattformen für den Vertrieb und Backofficeprozesse benötigt. Beispielsweise ist die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs zwingend notwendig – hierzu gibt es bereits einige rechtliche Vorstöße. So stellt etwa die im Januar 2018 in Kraft getretene EU-Zahlungsrichtlinie PSD2 einen Meilenstein in der regulatorischen Entwicklung in Bezug auf den Zahlungsverkehr dar. Denn PSD2 zwingt die Banken dazu, ihre Kundenbeziehungen für Dritte zu öffnen, die im Markt digitale Zahlungsdienstleistungen anbieten. Die Banken werden verpflichtet, Schnittstellen (APIs) einzurichten, die es den sogenannten TPPs (Drittanbietern, wie Fintechs) ermöglichen, auf Wunsch des Bankkunden Zahlungen zu veranlassen oder Kontoinformationen abzurufen. Die Umsetzung von PDS2 macht zwar in erster Linie Fintechs als Lösungsanbieter interessant. Jedoch können die Banken durch Kooperationen Produkte entwickeln, die sie heute noch nicht im Angebot haben.

Darüber hinaus wird die Digitalisierung die bereits vorhandenen Produkte effizienter machen; beispielsweise im Kreditgeschäft werden die Konditionen immer transparenter durch die vielen Vergleichsportale, und das gesamte Geschäft wird damit zum Massengeschäft. Im Privatkundengeschäft werden inzwischen die Kredite fast ausschließlich online abgeschlossen und von den Banken vollautomatisch verarbeitet. Im Geschäfts- und Firmenkundengeschäft sind die Entscheidungen komplexer, doch werden schon heute viele manuelle Schritte automatisiert und der menschliche Entscheidungsträger in einem geringeren Rahmen eingebunden. Allerdings ist, um allen Herausforderungen gerecht zu werden, eine Revolutionierung des Kreditgeschäfts erforderlich, die eine vollständige Digitalisierung und Automatisierung notwendig macht.

Die zentrale rechtliche Anforderung ist die Prüfung von Kreditwürdigkeit und Bonität des Kreditnehmers, die auf Basis ausreichender Daten durch die Bank vorgenommen werden muss. Dies kann auf der elektronischen Datenbasis erfolgen, die rechtlich auf der PSD2 basiert. Eine weitere Hürde aber ist die Legitimation des Kunden sowie seiner Unterschriften auf den Urkunden und Verträgen. Hier sind die Vorschriften in Bezug auf Geldwäscheprävention und Schriftformerfordernisse zu beachten. Als Lösung bieten sich elektronische Unterschriften an, die die Identität des Unterzeichners dokumentieren und mit der handschriftlichen Unterschrift gleichgesetzt sind. Mit der elDAS(Electronic Identification, Authentification and Trust Service)-Verordnung der EU von 2016 wurde europaweit der Rahmen für Fernsignaturen geschaffen. Grenzen finden diese Regelungen jedoch bei dem Erfordernis der notariellen Form.

Fazit

Die etablierten Banken haben keinen einfachen Weg vor sich: Um auch in Zukunft relevant zu bleiben und Geschäft machen zu können, müssen sie sich als Digitalunternehmen neu erfinden. Dies wiederum geht nur mit dem Umbau von einer vertriebsorientierten Unternehmung hin zu einem Technologiekonzern. Auf dem Weg dahin müssen sie sowohl für das traditionelle Banking als auch für das neu zu definierende Digital Banking der wachsenden Regulierung genügen. Die Banken, die den Umgang mit Regulierung als eine ihrer Kernkompetenzen verstehen, werden den Weg in die Zukunft am leichtesten gehen. Denn genau das – der geübte Umgang mit Regulierung – kann die etablierten Banken herausheben und ihnen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber neuen Digitalunternehmen verschaffen, die in den Bankensektor drängen. Sowohl die Internetriesen als auch die Fintechs müssen ihre Regulierungshärte erst noch erlernen und für die Aufsicht unter Beweis stellen.

n.kysel@asd-law.com

Thorsten.schenk@cognizant.com