Carve-outs in einer disruptiven Welt

Beitrag als PDF (Download)

Im Rahmen des AlixPartners Disruption Index 2022 gaben 96% der befragten deutschen Führungskräfte an, dass sich das Geschäftsmodell ihrer Unternehmen innerhalb der kommenden drei Jahre verändern muss, 60% beobachten diesen Wandel bereits jetzt oder erwarten ihn innerhalb eines Jahres.
Wesentliche Gründe für diese Erwartung sind insbesondere disruptive Entwicklungen wie der weiter beschleunigte technologische Wandel, Unterbrechungen und Störungen von Lieferketten, ein fragiles Wirtschaftswachstum mit steigenden Inflationsraten sowie neue ESG-Regulierungen. Der Krieg in der Ukraine ist ein weiterer externer Schock, auf den Unternehmen reagieren müssen. Weitere Disruptionen, die heute noch niemand voraussehen oder planen kann, sind in den kommenden Jahren zu erwarten.

Um starken disruptiven Kräften wirkungsvoll begegnen zu können, müssen sich Unternehmen permanent den veränderten Gegebenheiten anpassen, Aktivitäten priorisieren und Ressourcen bündeln. Resultate solcher Anpassungsprozesse können Veränderungen in der Aufbau- und Ablauforganisation sein, in vielen Fällen wird aber auch die Transformation bestehender Geschäftsmodelle erfolgen müssen.

Unternehmenseinheiten, deren Geschäftsmodell durch Disruption signifikant bedroht wird oder deren Geschäftsgrundlagen perspektivisch ganz verschwinden werden, benötigen indessen weitreichendere Handlungsoptionen.

Der Carve-out als mögliche Antwort auf disruptive Veränderungen

Eine dieser mögliche Handlungsoptionen, mit der Unternehmen auf disruptive Veränderungen reagieren können, kann die Ausgliederung und anschließende Veräußerung oder der Zusammenschluss mit einem Joint-Venture-Partner sein. Im Extremfall ist auch die Abwicklung von Unternehmenseinheiten, zum Beispiel im Wege einer solventen Liquidation, eine Möglichkeit, der Problemstellung sachgerecht zu begegnen.

Tatsächlich erwarten laut AlixPartners‘ jüngster globaler Turnaround-Studie 76% der befragten Führungskräfte eine Zunahme von M&A-Aktivitäten mit Beteiligung angeschlagener Unternehmen.

Da die betroffenen Einheiten nur in seltenen Fällen operativ von anderen Unternehmensteilen separiert sind, ist eine vorherige Trennung des Geschäftsbereichs durch einen operativen und finanziellen Carve-out notwendig. Oftmals sollte diese Separierung auch durchgeführt werden, um die nicht von Disruption betroffenen Vermögenswerte eines Unternehmens vor einem Wertverlust zu schützen (sogenanntes Ringfencing).

Kritische Erfolgsfaktoren für Carve-outs in einer disruptiven Welt

Jedes Carve-out-Projekt hat eigene Regeln und Besonderheiten, die es bei der Implementierung zu berücksichtigen gilt. Allerdings gibt es gewisse „Projekt-Drehbücher“, die – für jedes Projekt leicht angepasst – die Umsetzung erleichtern. Unabdingbar für die erfolgreiche Implementierung eines Carve-out-Projekts sind dabei immer eine sorgfältige Planung sowie die konsequente Umsetzung der definierten Ziele.

Insbesondere der Definition eines klaren Zielbilds kommt unter disruptiven Bedingungen eine entscheidende Bedeutung bei, also der Bestimmung der strategischen, operativen und finanziellen Ziele des Carve-outs. Nur durch ein klar definiertes Zielbild können jederzeit im Prozess die diversen Carve-out-Parameter und -Optionen entsprechend bewertet und notwendige Entscheidungen getroffen werden.

In einem disruptiven Umfeld bedeuten die Vorbereitung und die Implementierung eines Carve-outs vor allem ein „Arbeiten unter Unsicherheit“, und dies in den meisten Fällen unter Vorgabe sehr knapper Zeitpläne. Das strikte Festhalten an standardisierten Projekthandbüchern ist hier im Zweifel eher kontraproduktiv, da sich die Rahmenparameter und das Risikoprofil, unter denen der Carve-out konzipiert und umgesetzt wird, konstant ändern.

Um die erfolgreiche Umsetzung eines Carve-outs in einem disruptiven Umfeld zu gewährleisten, sind insbesondere die folgenden fünf Faktoren zu berücksichtigen:

Klare Definition des Carve-out-Scopes und Bewertung aller Implikationen

  • Eine umfassende Klärung des Carve-out-Scopes ist für das Ringfencing von gesunden Assets von entscheidender Bedeutung.
  • Um den Scope klar zu definieren, müssen betroffene Vermögenswerte und Verbindlichkeiten frühzeitig identifiziert werden und Lösungen für sogenannte Zebrawerke erarbeitet werden – dies sind Standorte, die mehrere verschiedene Einheiten beheimaten und deren operative Trennung voneinander in der Regel sehr komplex ist.
  • Nach Klärung der Zuordnung der Assets muss ein detailliertes Zielbild erarbeitet werden, bei dem vor allem die Auswirkungen der neuen Organisations- und Legalstrukturen eingehend geprüft und bewertet werden müssen. Das Risiko zeitaufwendiger Anpassungen im weiteren Projektverlauf wird damit reduziert.

Planung mit Szenarien und größtmöglicher Flexibilität

  • Die Entwicklung von Planungsszenarien hilft, eine robustere Grundlage für das Carve-out-Projekt zu schaffen, damit Entscheidungen unter Kenntnis aller Parameter getroffen werden können.
  • Die entwickelten Szenarien gewährleisten im weiteren Projektverlauf Flexibilität, damit schnell auf Änderungen von Rahmenparametern reagiert werden kann. Dies betrifft sowohl Anpassungen bei der operativen Umsetzung des Carve-outs als auch bei der Auswahl und Implementierung des Exit-Szenarios.
  • Gewählte Exit-Szenarien können beispielsweise nach einiger Zeit schon keinen Bestand mehr haben. So kann ein geplanter Verkaufsprozess aufgrund Desinteresses möglicher Käufer oder unterschiedlicher Wertvorstellungen abgebrochen und stattdessen das Szenario einer raschen Abwicklung realisiert werden.

Fokus und Pragmatismus in der Umsetzung

  • Da von Disruption geprägte Carve-outs unter Zeitdruck umgesetzt werden müssen und signifikante Änderungen jederzeit eintreten können, muss das Projektteam eine „Can-Do“-Einstellung sicherstellen und Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit ohne lange Abstimmungswege gewährleisten.
  • Geschwindigkeit bei der Umsetzung muss über gewünschte Perfektion priorisiert werden.
  • Ein „80/20-Mindset“ ist unerlässlich, um aufwendige Analysen und Diskussionen zu vermeiden, rasche Entscheidungen zu ermöglichen und schnelle Implementierungserfolge zu erreichen.

Weniger ist mehr: Kleine Teams mit erfahrenen Carve-out-Experten

  • Komplexe Carve-outs profitieren in einem disruptiven Umfeld nicht von aufgeblähten Projektteams mit unzähligen Projektmodulen.
  • Der Schlüssel zum Erfolg ist ein Kernteam mit erfahrenen „Machern“, die das Projekt trotz aller Unsicherheiten zum Erfolg führen.
  • Ein erfahrenes Kernteam und die optimale Zusammensetzung seiner Mitglieder bilden die Klammer um alle weiteren Erfolgsfaktoren und sind der Wegbereiter für eine erfolgreiche Implementierung des Carve-outs.

Change Management und Kommunikation

  • Ein Carve-out unter disruptiven Vorzeichen ist immer mit einem großen Umbruch und mit Verunsicherung bei den betroffenen Mitarbeitern verbunden.
  • Fortlaufende Mitarbeiterkommunikation hilft, die Betroffenen für die komplexe Zeit der Umsetzungsphase zu motivieren.
  • Gut geplante und umgesetzte Kunden- und Lieferantenkommunikation begünstigt die ökonomische Transformation des Carve-outs.

Fazit

Da Planung und Implementierung unter Unsicherheit erfolgen, darf für die erfolgreiche Umsetzung einer Carve-out-Strategie in einer disruptiven Welt nichts dem Zufall überlassen werden. Wegbereiter eines erfolgreichen
Carve-outs sind kleine, erfahrene Carve-out-Teams, die in der Lage sind, schnell auf sich verändernde Rahmenparameter zu reagieren und den Carve-out sicher und verlässlich durch die Disruption zu steuern.

 

mszerencses@alixpartners.com

bstamm@alixpartners.com

Aktuelle Beiträge