Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen

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Es ist kein Geheimnis: Der Energiemarkt steht derzeit vor großen Herausforderungen. Seit Herbst 2021 zogen bereits mehrere Energieversorgungsunternehmen die Reißleine, darunter das Hamburger Unternehmen Smiling Green Energy, der Brandenburger Strom- und Gasspezialist Otima Energie AG, die Neckermann Strom AG, Kehag Energiehandel und der Kieler Energieanbieter Enqu sowie zahlreiche weitere Anbieter. Sie alle haben einen Insolvenzantrag gestellt. Es stellt sich die Frage, wodurch diese großen Probleme für die Betriebe entstehen und ob eine Sanierung dieser Unternehmen möglich ist.

Die grundlegenden Probleme sind dabei leicht auszumachen. Nach den Erfahrungen aus mehreren Verfahren, die die PLUTA-Sanierungsexperten bereits im Sektor der Strom- und Gasversorger ohne eigene Produktionskapazitäten begleitet haben, zeigen sich mehrere Faktoren, die diese Unternehmen belasten. Ganz oben auf dieser Liste stehen die aktuell sehr hohen Preise auf diesem Markt.

Spotmarkt vs. Terminmarkt

Energiehändler können die Energie, die sie an die Kunden verkaufen möchten, auf verschiedene Arten einkaufen. Eine Möglichkeit ist der Einkauf am Spotmarkt. Solche Märkte zeichnen sich dadurch aus, dass hier kurzfristig lieferbare Strommengen gehandelt werden.

Die zweite Möglichkeit ist der Terminmarkt, auf dem längerfristige Lieferverträge mit einer Vorlaufzeit von bis zu sechs Jahren geschlossen werden. Da der Lieferant des Stroms sich in diesem Fall für einen längeren Zeitraum an den Abnehmer bindet, sind Vorauszahlungsforderungen üblich, die nur kapitalkräftige Firmen leisten können. Je nach Preisentwicklung kann es einen entscheidenden Unterschied machen, wie der Händler einkauft. Vor allem in Verbindung mit der Vereinbarung, die für die Kunden des Energiehändlers gelten, entstehen hier große finanzielle Risiken.

Besonders prekär war die Einkaufspolitik im Fall eines insolventen Energiehändlers. Als Ursachen für die Probleme des Betriebskonzepts haben wir schnell ausgemacht, dass der Schuldner ausschließlich am Spotmarkt einkaufte. Seine Beschaffungskosten hat er folglich nicht korrekt in seinen langfristigen Verkaufskontrakten abgebildet und bei entsprechenden Preisentwicklungen teilweise erhebliche Verluste erwirtschaftet. Den Spotmarkt nutzte er, da er die für den Terminmarkt längerfristigen Kontrakte nicht finanzieren und zudem die dort üblichen Sicherheiten nicht bereitstellen konnte.

Längerfristige Kontrakte ermöglichen einen Einkauf zu einem festen Preis auf eine bestimmte Zeit und für eine bestimmte Menge. Auf den so eingekauften Strom kann das Unternehmen die eigene Marge addieren und fest fixierte Mengen an die Kunden verkaufen. Im Spotmarkt jedoch ändert sich der Preis jede Viertelstunde, so dass jeder längerfristige Verkaufsabschluss mit einem Kunden ein reines Spekulationsgeschäft ist. Denn: Der tatsächlich geflossene und an der Spotmarktbörse eingekaufte Strom kann günstiger oder teurer sein als der Strom, den der Händler seinem Kunden mit einem auf mehrere Jahre festgelegten Kontraktpreis verkauft hat. In Zeiten sinkender Spotmarktbörsenpreise mag sich möglicherweise ein Gewinnpotential auftun, ist der Markt allerdings sehr volatil, kann sich dieses Potential auch in die Verlustzone verschieben. Da die Preise für Strom und Gas in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen sind, fallen hohe Verluste an.

Der Terminmarkt bietet ebenfalls Risiken für den Händler. Als Unternehmer muss er abschätzen, in welcher Zeit er die eingekauften Mengen mit einem ausreichend kalkulierten Zuschlag für die eigenen Kosten verkaufen kann. Es besteht das Risiko, nicht die ganze Menge am Markt unterbringen zu können, weil der Marktpreis in der Zwischenzeit schon wieder gesunken ist. Die Kunden decken sich dann bei einem anderen Versorger zu einem Preis ein, welcher für das Unternehmen nicht (mehr) auskömmlich ist. Dieses Risiko ist jedoch wesentlich geringer, da mit einer geringen Menge gestartet und dann nachgekauft, im Einzelfall für einen Kunden auch eine konkret vorgesehene Menge am Terminmarkt eingekauft werden kann. Mit Spotmarktpreisen kann man die täglichen Ausgleichsmengen abdecken, die sich gegenüber den in den Terminkontrakten festgelegten Kundenkontrakten (Prognosemenge) ergeben.

Sieht man sich die Entwicklungen der Preise von 2007 bis 2020 an, entsteht ein gemischtes Bild. Danach konnte man zwar am Spotmarkt von 2009 bis 2016 ein Plus erzielen, wenn man auf Basis von Terminkontraktpreisen längerfristige Kundenverträge abgeschlossen hat. Das gilt allerdings nur, wenn die Verkaufskontrakte nicht länger dauerten als bis Ende 2016. Rückblickend gesehen, stellt sich zu jedem Entscheidungszeitpunkt die Frage, wie sich die Terminkontrakt- und Spotmarktpreise weiterentwickeln, was natürlich nicht absehbar ist. Es ist also immer mit einem hohen Risiko verbunden, nach Kontraktdauer und Kontraktmenge nicht deckungsgleiche Kontrakte in Einkauf und Verkauf abzuschließen.

Aus langjähriger Erfahrung kann diesen Betrieben nur zu einer konservativen Planung geraten werden. Im besten Fall verfügt der Versorger über ein digitales Tool zur Optimierung der richtigen Verkaufsstrategie. Dies zeigt unter Beachtung der aktuellen Marktlage Ober- und Untergrenzen an, ab denen ein Vertragsabschluss nicht mehr sinnvoll für den Betrieb ist. Ein solches Tool kann ein Erfolgsfaktor für ein Unternehmen sein, das mit Energie handelt und hier die Einnahmen erzielt.

Hohe liquide Mittel durch Zeitverzug und Abgaben

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Finanzierungssituation. Viele Energiehändler verfügen über sehr hohe liquide Mittel, die erst mit zeitlicher Verzögerung für die Zahlung der öffentlichen Abgaben verfügbar sein müssen. Grund hierfür ist die zeitliche Spanne zwischen Kundenzahlungen, die oftmals im Voraus getätigt werden, und der tatsächlichen Lieferung oder dem entsprechenden Einkauf. Ein weiterer Zeitverzug ergibt sich, weil die Strom- und Gaserlöse zu einem weit überwiegenden Anteil mit öffentlichen Abgaben und Steuern belastet sind. Die direkten reinen Energiebeschaffungskosten für den Strom/das Gas schmälern die Erlöse nur zu einem Prozentsatz der Gesamtkosten, der unter 20% liegen kann.

Auch bei der Meldung der Mengen kann sich ein finanzieller Spielraum für die Energieunternehmen ergeben. Der Energieversorger muss zwar monatliche EEG-Abgabenmeldungen an die Übertragungsnetzbetreiber (die die EEG-Abgabe für den Staat eintreiben) abgeben. Ermittelt werden diese aus den Prognosewerten der von den Kunden im Kundenportal eingegebenen vorläufig geschätzten Abnahmemengen. Diese werden dann auch vom Dienstleister monatlich anhand der tatsächlichen Abnahmemengen angepasst. Oft werden die Mengen aber von den später insolventen Versorgern, so die Erfahrungen der Sanierungsexperten, nicht entsprechend der prognostizierten Menge im EEG-Portal als Meldemenge an die Übertragungsnetzbetreiber gemeldet, obwohl nach § 74 EEG die Mengen sogar bilanzkreisscharf zu melden sind.

Der Übertragungsnetzbetreiber stellt deshalb monatlich einen zu geringen Betrag in Rechnung. Es entsteht eine Differenz. Der Übertragungsnetzbetreiber kann die Fehlmenge erst anhand der bilanzierten Menge (Kilowattstunden) feststellen, die jedoch wesentlich zeitverzögert (in einem Beispielfall handelte es sich um sechs Monate) durch Bilanzierung der Einkaufs- und Verkaufsmengen zu Tage tritt. Der Übertragungsnetzbetreiber fordert somit die Differenz zwischen zu niedrig gemeldeten EEG-Mengen und bilanzierten EEG-Mengen erst nach einer gewissen Zeit ein. Bei einem progressiven Wachstum durch Neukundenakquisition beim späteren insolventen Schuldner führt das zu einer dauerhaften Differenz zwischen gemeldeten Mengen und tatsächlichen Mengen, wodurch der spätere insolvente Schuldner sich erneut zusätzliche Liquidität verschafft.

Ein noch größeres Handlungsspielfeld ermöglicht die Strom- und Gassteuer, deren Meldungen immer aufgrund eines Wahlrechts des Versorgers nach § 39 EnergieStG oder § 8 StromStG sogar nur jährlich abgegeben werden können. Entscheidet sich das Energieunternehmen hierfür, wird eine monatliche Abschlagszahlung aufgrund der Vorjahresmeldung festgesetzt. Der Versorger muss die Jahresmeldung erst fünf Monate nach Ablauf des Veranlagungszeitraums nachreichen und damit die Differenz zwischen der Vorjahresschätzung und der wahren, wesentlich höheren Abnahmemenge nachversteuern. Auch hier bewirkt ein progressives Wachstum durch Kundenneuakquisition ungeahnte kurzfristige Finanzierungsspielräume.

In einem Beispielfall konnte der Schuldner so rund 60 Millionen Euro vorläufigen Finanzspielraum nutzen, bevor die Änderungsbescheide der Steuer ergingen. Es entstand somit ein großer finanzieller Handlungsspielraum, der für andere Investitionen genutzt wurde. Diese erreichen dann aber nicht den gleichen kurzfristigen Rückfluss. Eine gefährliche Spirale, die einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren zur Folge haben kann.

Sanierungsfähigkeit von Energieunternehmen

Es bleibt die Frage für Sanierungsexperten: Lassen sich die Unternehmen im Energiesektor, die sich bereits in Liquiditätsschwierigkeiten befinden oder einen Insolvenzantrag gestellt haben, restrukturieren?

Ein Energiehändler kann nur Erfolg haben, wenn die Hauptmengen auf Einkaufs- und Verkaufsseite je Kunde weit überwiegend kongruent in Bezug auf Menge und Abnahmedauer abgedeckt sind. Das ist bei den Futures (Terminkontrakthandel) grundsätzlich mit hohen Sicherungsrechten zugunsten der Lieferanten abzusichern. Außerdem gilt: Nur die Differenz zwischen prognostizierter und tatsächlicher Abnahmemenge sollte dann am Spotmarkt zugekauft werden.

Hierfür benötigt der Versorger ein geeignetes Tool sowie ausreichend Kapital, um die langfristigen Kontrakte vorfinanzieren zu können. Eine höhere Abdeckung der langfristig verkauften Mengen am Spotmarkt setzt sehr gute Kenntnisse im Energiemarkt voraus. Lässt sich das im Krisenunternehmen umsetzen, bestehen Chancen zur Sanierung und Existenz in diesem herausfordernden Markt.

Kongruenz zwischen Einkaufsmenge und Verkaufsmenge kann zudem auch geschaffen werden, wenn der Endkunde mit der Berechnung der gelieferten Mengen zu den sich viertelstündlich ändernden Spotmarktpreisen zuzüglich eines Vertriebsaufschlags einverstanden ist.

Es lässt sich festhalten: In die Krise geratene Handelsunternehmen im Strom- oder Gasversorgungsmarkt lassen sich angesichts der aktuellen Preissituation am Energiemarkt nicht sanieren, wenn sie längerfristige Kundenverträge abschließen und ausschließlich am Spotmarkt einkaufen. Hier entstehen die oben erläuterten Probleme und hohe Verluste.

Fazit: Umfassende Analyse und Fachkenntnisse nötig

Energiehändler können auch mit Blick auf die derzeitige herausfordernde Preisentwicklung erfolgreich wirtschaften. Es gilt, die nötigen Fachkenntnisse und entsprechende Tools für den Einkauf zu nutzen und den Vertrieb und die Preispolitik der Lage flexibel anzupassen. Stimmen die Voraussetzungen, können auch Krisenunternehmen restrukturiert werden. Das ist aber nur in bestimmten Fällen möglich und nicht für jeden Betrieb umsetzbar. In vielen Fällen ist eine Betriebseinstellung unumgänglich. Die langjährige Expertise im Energiesektor hilft, schnell die richtigen Entscheidungen zu treffen.

 

martina.hengartner@pluta.net

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