Kristallkugeln, Sterntaler und Änderungen am Horizont

Was erwartet uns 2014? – Einige Gedanken über die Entwicklung des Rechtsmarkts in Deutschland
Von Markus Hartung,  Rechtsanwalt, Direktor des Bucerius Center on the Legal Profession an der Bucerius Law School, Vorsitzender des Berufsrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins, Berlin/Hamburg

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Eine Kristallkugel wäre gut, aber wer hat die schon? – Gleichwohl ist dies der Versuch, wenn schon nicht vorherzusagen, so doch zu erahnen und zu skizzieren, welche Themen und Trends den deutschen Rechtsmarkt im Jahr 2014 kennzeichnen werden.

Wirtschaftsberatende Kanzleien
Um mit den wirtschaftsberatenden Kanzleien zu beginnen, also den Top-50 in Deutschland: In diesem Segment werden wir keine spektakulären Änderungen erleben. Das Beratungsvolumen im Rechtsmarkt insgesamt wird wieder steigen, wie in den letzten Jahren, und der Anteil der Top-50 wird etwas höher sein als in den vorangegangenen Jahren. Diesen Trend beobachten wir seit einigen Jahren, und es zeigt sich nichts am Horizont, was auf eine Änderung hinweisen würde. Wirtschaftsberatende Kanzleien entwickeln sich deutlich dynamischer und erfolgreicher als der Rest des Marktes, aus verschiedenen Gründen: Der Bedarf an wirtschaftsrechtlicher Beratung wird nicht geringer, im Gegenteil, und die Kanzleien in diesem Segment haben sich wesentlich strategischer aufgestellt als vor Jahren. Die gute Performance vieler großer deutscher Sozietäten hat gezeigt, dass klare strategische Ausrichtung und der Wille zur Umsetzung längst kein Privileg der englisch oder amerikanisch dominierten Kanzleien mehr sind.

Global Firms
Innerhalb des Segments der wirtschaftsberatenden Kanzleien verläuft das Wachstum jedoch unterschiedlich: Das Segment der sehr fokussierten Global Firms entwickelt sich weniger dynamisch als diejenigen Kanzleien, die auf eine breitere Beratung setzen und im Midcap-Segment stark sind. Das liegt an mindestens zwei Gründen: Das Transaktionsgeschäft im Midcap war 2013 sehr stark und wird 2014 weiter anziehen. Zum anderen führt der Fokus der Global Firms dazu, dass Marktanteile freigegeben worden sind, die von den deutschen Kanzleien aufgegriffen werden. Wir nennen das Sterntaler-Strategie. Die freigewordenen Marktanteile, verbunden mit einer besseren Aufstellung der deutschen Kanzleien, führen zu deutlich stärkerem Wachstum. Wenn Sie aus berufenem Mund hören wollen, wie sich die Segmente innerhalb der Top-50 verschieben, dann schauen Sie sich das Video des Vortrags an, den Prof. Dr. Leo Staub (St. Gallen) auf der Herbstkonferenz des Bucerius Center on the Legal Profession gehalten hat (www.bucerius-online.de).

Unternehmensrechtsabteilungen
Aus Sicht der wirtschaftsberatenden Kanzleien haben es Rechtsabteilungen einfach: Sie sitzen am längeren Hebel und können fast nach Belieben Druck auf die Preise ausüben. Aber das wäre eine verkürzte Sicht der Dinge: Rechtsabteilungen stehen unter einem immensen Druck und müssen ihren Wert für das Unternehmen täglich rechtfertigen. Das geschieht nicht nur dadurch, dass die Kosten der Rechtsfunktion gesenkt werden, vielmehr müssen Rechtsabteilungen mehr denn je integraler Teil der Unternehmenswertschöpfung werden. Dass sie das auch von externen Beratern erwarten, ist selbstverständlich. Diese Erwartung besteht aus mehr als nur dem finanziellen Aspekt. Es ist vielmehr die Erwartung, dass externe Dienstleister alles tun, um zu verstehen, wie sie dazu beitragen können, dass ein Unternehmen seine Ziele rechtssicher erreichen kann. Darauf wird der Fokus in diesem Jahr liegen, und Kanzleien tun gut daran, nicht länger über den Kostendruck zu klagen, sondern sich den Erwartungen des Unternehmens zuzuwenden.

Blick auf den Gesamtmarkt – zwei Strömungen sind erkennbar
Also – steady state, nichts Neues in 2014? Das gilt nur für die wirtschaftsberatenden Kanzleien. Im gesamten Rechtsmarkt wird sich eine Menge tun, aber das wird sich erst mit Verzögerung bei den Top-50 auswirken. Im Wesentlichen gibt es zwei maßgebliche Entwicklungen.

Alternative Rechtsdienstleister
Zunächst treten immer mehr alternative Rechtsdienstleister auf den Plan. Das sind die Legal-Process-Outsourcing-Provider, die Personaldienstleister und viele andere Dienstleister, die Rechtsdienstleistungen unterhalb der Anwaltsschwelle bieten und das Beratungsmonopol der Anwaltschaft faktisch bedrohen – faktisch deshalb, weil das Rechtsberatungsmonopol als solches in Deutschland zwar unangetastet bleibt, allerdings der Prozess der Sequentialisierung der Rechtsdienstleistung dazu führt, dass immer mehr von der eigentlichen Anwaltsdienstleistung als nicht-anwaltlich abgespalten wird. Das klingt zunächst nach etwas viel Theorie, und tatsächlich werden diese alternativen Dienstleister den Marktführern (noch) nicht gefährlich. Ob sich hier allerdings so etwas wie die klassische Situation der „disruptive innovation“ anbahnt, lässt sich noch nicht sagen: in der Theorie schon, aber in der Praxis?

Sind die alternativen Anbieter im Rechtsmarkt das, was die Erfindung der digitalen Fotografie im dortigen herkömmlichen Markt bewirkt hat? Den einstigen Marktführer Kodak gibt es nicht mehr. Ist Vergleichbares im Rechtsmarkt denkbar? – Auch damit haben wir uns bei der letzten Herbsttagung des Bucerius CLP befasst. In diesem Jahr wird das aber noch kein Thema werden, jedenfalls noch kein bedrohliches Thema für die Top-50. Die alternativen Anbieter sind noch zu klein, zu zersplittert und zu wenig etabliert. So etwas wie Axiom gibt es hierzulande noch nicht. Aber das wird nicht so bleiben: In dem Maße, in dem Unternehmen den Mehrwert dieser Anbieter kennen- und schätzen lernen, wird es sich auf die Top-50 auswirken. Aber, wie gesagt, nicht 2014. Wiedervorlage 2015. Dann werden wir auch besser wissen, wie sich die alternativen Anbieter bei gewerblichen Mandanten in England geschlagen haben. Dort sorgen sie für einige Furore, wie etwa Riverview Law: Diese Kanzlei verspricht immerhin einen solchen Erfolg, dass viele Partner von DLA Piper sich entschlossen haben, daran Anteile zu erwerben, anstatt solche Anbieter als irrelevant zu belächeln.

Game Changer Bundesverfassungsgericht?
Die zweite maßgebliche Entwicklung wird sich durch mindestens zwei Bundesverfassungsgerichtsentscheidungen ergeben: Derzeit befasst sich das BVerfG mit der Verfassungsmäßigkeit des anwaltsspezifischen Gesellschaftsrechts und insbesondere mit dem Verbot der sogenannten interprofessionellen Zusammenarbeit; darunter versteht man die Assoziierung von Anwälten mit Nichtanwälten über den Katalog des § 59a BRAO hinaus. Sie erinnern sich: Der BGH hatte in einer aufsehenerregenden Entscheidung das Verbot einer Sozietät zwischen Anwalt und Ärztin für verfassungswidrig erklärt. Ob das BVerfG dem folgt, ist natürlich offen, aber: Der BGH hatte schon sehr gründlich und eingehend argumentiert, und angesichts der grundsätzlichen Haltung des BVerfG, Freiheitsrechte ernstzunehmen, ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass sich das Berufsrecht in 2014 maßgeblich ändern wird und ändern muss. Ob der Fremdbesitz an Anwaltskanzleien auch dazu gehört, ist eher zweifelhaft. Allerdings befasst sich die EU-Kommission sehr eingehend mit der Struktur der Anwaltschaft in Europa, und es sieht so aus, als könnten wir sehr maßgebliche Änderungen erwarten. Das alles betrifft, wie gesagt, eher den Markt der Allgemeinanwälte, aber es wird die Wirtschaftskanzleien erreichen, mit Verzögerung.

Fazit und Ausblick
Lassen Sie uns aber eins nicht vergessen: Es geschieht selten, dass das Berufsrecht den Markt vollständig umwälzt. Die letzten Entscheidungen dieser Art waren die Bastille-Beschlüsse des BVerfG im Jahr 1987 sowie die Zulassung der überörtlichen Sozietät im Jahr 1989 durch den BGH. Ansonsten verändert sich der Markt eher schleichend. Änderungen gehen nicht von etablierten Marktteilnehmern aus. Tatsächlich sind es in den letzten Jahren die Rechtsschutzversicherer, die für stille Umwälzungen sorgen, in einem Bereich, der für die Wirtschaftskanzleien uninteressant ist, nicht aber für den Rest der Anwaltschaft (siehe dazu eingehend HIER den Beitrag von Georg Kordges). Schauen Sie sich mal die Serviceangebote der D.A.S., der HUK Coburg und der ARAG an, die heute schon quasi gratis Vertragsdienstleistungen anbieten, mit denen Anwälte früher Geld verdient haben. Es bedarf nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, dass solche Dienstleister auch für gewerbliche Mandanten interessant werden. Die Rechtsschutzversicherer sind ungleich innovativer als die Anwaltschaft, aus einem einfachen Grund: Sie sind nicht Teil des Rechtsberatungsmonopols, finanzieren das Monopol aber sehr weitgehend. Sie wollen daher in diesem Markt mitwirken. Wir Anwälte, wir Monopolisten verhalten uns so: Wir schätzen das Monopol und meinen allenfalls, es wäre gut, wenn es weniger Monopolisten geben würde. Man braucht keine Kristallkugel, um vorherzusagen, dass das nicht mehr lange gutgehen wird.

Hinweis der Redaktion:
Der Beitrag ist die etwas erweiterte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser bei der halbjährlich stattfindenden Sitzung der Strategischen Partner, Fachbeiräte und Kooperationspartner des Deutschen AnwaltSpiegels am 10.12.2013 in Frankfurt am Main gehalten hat. Die Vortragsform wurde beibehalten.

markus.hartung@law-school.de