Iudex non calculat?

Prozesschancen und  -risiken transparent bewerten/Zugleich: Rezension Risse/Morawietz, Prozessrisikoanalyse

Von Dr. Volker Knoop und Michael Korbik

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Einführung

Mandanten erwarten, dass die von ihnen beauftragten Anwälte ihre juristischen Streitfälle zutreffend bewerten und ihnen klare Ratschläge geben. Schwammige Antworten der Berater sind dennoch allgegenwärtig. Zu reizvoll scheint die Verlockung für Anwälte, den schwer vorhersehbaren Prozessverlauf als genauso – eigentlich unvorhersehbar – zu beschreiben, mal mit „eher guten“ Erfolgsaussichten, mal mit einem „gewissen“ Restrisiko. Viele Berater wollen sich nicht genau festlegen, weil „Jura keine Mathematik“ sei. Schließlich gleicht kein Fall dem anderen, so dass eine genaue Prognose zum Ausgang eines Streits in der Tat nicht einfach ist. Statt klarer Einschätzungen dokumentieren Anwälte die Risiken auch aus Angst vor der eigenen Haftung gern umfassend. Die anwaltliche Dokumentation lässt den Mandanten allerdings oftmals allein, wenn er sich fragt, wie er den Anwaltsrat umsetzen soll. Mandanten wissen an dieser Stelle, was gemeint ist.

Das anwaltliche Verweilen im Ungenauen betrifft die Einschätzung der Erfolgsaussichten eines Rechtsstreits ebenso wie die zu erwartenden Gesamtkosten. Anwälte räumen selten ein, dass ihre Einschätzungen aufgrund komplexer Sachverhalte und Rechtsfragen im Ergebnis meist intuitiv geprägt sind.

Rechtsuchende erhalten zu selten eine klare Einordnung von Chancen und Risiken ihrer juristischen Auseinandersetzungen. Einige sagen dies ihren Anwälten auch. In ihrem Buch (Jörg Risse/Matthias Morawietz, Prozessrisikoanalyse – Erfolgsaussichten vor Gericht bestimmen, C.H.BECK u.a., München, 2017. XVIII, 237 S., 45 Euro, ISBN 978-3-406-71480-1) zeigen Risse und Morawietz , wie das Dilemma angegangen werden kann. Anschaulich erläutern die Autoren, wie sich die Prozesschancen- und -risikoanalysen verbessern lassen. Sie beschreiben, wie Chancen und Risiken einer streitigen Auseinandersetzung strukturiert und mathematisch bewertet werden können. Komplexität wird so organisiert statt ausgeblendet.

Die Basis: Entscheidungsknoten

Das Werk empfiehlt hierfür zunächst, sogenannte Entscheidungsknoten zu ermitteln. Diese Knoten betreffen alle tatsächlichen und rechtlichen Aspekte, die im Lauf einer Auseinandersetzung wahrscheinlich streitig werden können. In einem nächsten Schritt werden die Entscheidungsmöglichkeiten in einen Entscheidungsbaum eingestellt und mit ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit einzeln bewertet. So können der Fall mit all seinen Klippen übersichtlich organisiert und aus den gewonnenen Ergebnissen ein erwarteter Gesamtforderungswert errechnet werden. Im Anschluss können ergänzend Streuungs- und Sensitivitätsanalysen zur Sinnhaftigkeit eines etwaigen Rechtsstreits angestellt werden. Juristen sind Entscheidungsbäume und -knoten durchaus bekannt. Viele scheuen sich aber, ihnen konkrete Zahlen und Wahrscheinlichkeiten zuzuweisen.

Ökonomische Risikoanalyse

Risse und Morawietz schaffen den Spagat, eine vorwiegend rechtliche Bewertung für eine ökonomische Risikoanalyse nutzbar zu machen. Der Prozess und die Technik der Prozessrisikoanalyse werden im Buch durch diverse Fallbeispiele und eine Vielzahl von Checklisten erläutert. Insgesamt ist das Werk in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben. Mit dem Konzept von Risse und Morawietz können komplexe Prozesssituationen gut verständlich dargestellt und rational bewertet werden. Die Bedeutung – und das Risiko – anwaltlicher Intuition verringern sich auf diese Weise.

Das besondere Verdienst der Autoren liegt darin, dass die aufgezeigte strukturierte Bewertung von Prozessrisiken (für Anwalt und Mandanten) transparente Entscheidungen eher ermöglicht. Vage Beschreibungen wie „insgesamt eher gute Aussichten“ verlieren so an Bedeutung. Der Prozessentwicklung kann laufend Rechnung getragen werden. Verändert sich ein Risikofaktor (etwa durch Vorlage eines nachteiligen Gutachtens), kann der Gesamterwartungswert ohne weiteres angepasst werden. So werden das Risikobewusstsein deutlich verbessert und das Konflikt-, aber auch das Investitionsmanagement versachlicht. Dieses Vorgehen ermöglicht es auch, konkrete Renditeerwartungen zu formulieren und weitgehend objektiv zu begründen.

Natürlich gehen die Bewertungen an den Entscheidungsknoten mit Ungenauigkeiten einher. Ob beispielsweise ein Gericht ein Verhalten dahingehend versteht, dass es den Lauf der Verjährungsfrist in Gang setzt oder nicht, lässt sich selbst nach umfassender Recherche manches Mal allenfalls näherungsweise klären. Regelmäßig dürften die Abweichungen in einem strukturierten Prozess allerdings geringer ausfallen als ohne Risikomanagement. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass eine verlässliche Risikoanalyse Zeit und Geld kostet. Den Aufwand einer strukturierten Risikoanalyse mag mancher Anwalt (intuitiv) unterschätzen. Jedenfalls der kaufmännisch ausgerichtete Mandant wird den Aufwand spüren. Zumindest bei größeren Auseinandersetzungen fällt der zusätzliche Aufwand selten ins Gewicht. Sein Nutzen übersteigt die Nachteile deutlich.

Fazit

Das gelungene und lehrreiche Buch empfiehlt sich gleichermaßen für Unternehmen und ihre (Rechts-)Berater als Lektüre vor oder während der nächsten Vergleichsverhandlung oder einem kommenden Rechtsstreit. Chancen, Risiken und Investments können so professionell(er) gemanagt werden. Kurzum: Der erfrischende Denkansatz eines der bekanntesten Prozessanwälte Deutschlands und eines erfahrenen Unternehmensjuristen überzeugt in jeder Hinsicht. Mancher Anwalt wird sich zwar lieber wieder seiner Intuition zuwenden. Anwälte, die den Blick für die Interessen ihrer Mandanten schärfen wollen, werden hingegen die zusätzlichen Mühen einer formalen Risikoanalyse auf sich nehmen. Dann jedenfalls lässt sich sagen, dass Juristen entgegen anderslautenden Redensarten doch mit (einfachen) Methoden und Mitteln rechnen können.

volker.knoop@foris.com

michael.korbik@foris.com