Im Blickpunkt: der richtige Umgang mit gefälschten Produkten

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Pro Jahr 83 Milliarden Euro Umsatzeinbußen, Imageschäden, Gesundheitsgefahren – Produktpiraterie ist ein ernstes Problem, das durch die Digitalisierung noch verschärft wird. Neue Lösungsansätze und spezialisierte Technologien können helfen, den Umsatzrückgang aufzuhalten und Imageschäden zu verhindern. Der Einsatz von Legal Tech hilft dabei, Aufwand und Kosten im Griff zu halten.
Kriminalität im Bereich des geistigen Eigentums ist komplex und entwickelt sich infolge von technologischen Möglichkeiten und globalen Trends rasch weiter. Diese wachsende weltweite Herausforderung für Unternehmen, die angesichts der Gefahren für Gesundheit und Sicherheit der Verbraucher wie auch für die Umwelt besondere Bedeutung besitzt, erfordert dringend koordiniertes internationales Handeln der betroffenen Unternehmen. Die gefälschten Produkte stammen häufig aus dem (außereuropäischen) Ausland, wobei die Täter die Fälschungen online verkaufen und für die Verschleierung der Herkunft technisch bestens ausgerüstet sind. Durch gefälschte Produkte kommt es zu Schäden für Umsatz, Image, Arbeitsplätze und sogar zu Gefahren für Verbraucher, wobei die Gefährdung der Allgemeinheit am Beispiel der Arzneimittelfälschung besonders deutlich wird. Gefälschte Medikamente, Kosmetika und Kinderspielzeug sind nur einige der drastischen Problembereiche. Auch die Covid-19-Pandemie wurde rasch von Kriminellen ausgenutzt, die mit gefälschten Pharma- und Gesundheitsprodukten schnellen Profit witterten. Der zunehmende Anteil des Online-Handels stellt zwar eine Chance für Unternehmen dar, jedoch profitieren auch die Fälscher. Denn der Großteil der gefälschten Produkte wird online verkauft. Der Einsatz von Legal Technology zur intelligenten Analyse von Big Data online und offline im Kampf gegen Produktpiraterie trägt zur effektiven Verfolgung bei. Die entscheidenden Erfolgsfaktoren im Kampf gegen Produktpiraten sind technologische Aufrüstung, rechtliche Expertise in den betroffenen Ländern und lokale Präsenz. Bei dieser ernstzunehmenden Form der Wirtschaftskriminalität sollten sich Unternehmen sowohl im eigenen Interesse als auch aus gesellschaftlicher Verantwortung zur Wehr setzen.

Eine wachsende globale Herausforderung
Produktpiraterie stellt ein globales Phänomen dar, das Unternehmen vor große Herausforderungen stellt. An den europäischen Grenzen wurden im Jahr 2019 etwa 90.000 gefälschte Artikel beschlagnahmt, was wiederum einem Warenwert von etwa 760 Millionen Euro und Umsatzverlusten in Höhe von circa 83 Milliarden Euro entspricht.1 Zu den Top-fünf-Kategorien der beschlagnahmten Waren gehörten laut Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) zu 23 % Lifestyle- und Luxusgüter, zu 21 % Zigaretten, zu 14 % Verpackungsmaterialien, zu 10 % Spielzeug und zu 4 % Bekleidung.2 Die Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums im internationalen Handel wurde laut einer 2019 vom EUIPO und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) durchgeführten Studie für 2016 auf bis zu 3,3 % des Welthandels geschätzt, wobei der Anteil der gefälschten Waren an den EU-Einfuhren bis zu 6,8 % pro Jahr beträgt.3 Die Tendenz steigt, und das nicht nur, weil die Corona Pandemie einen Turbo für den Online-Handel bedeutet.
Auch auf den Arbeitsmarkt hat die Produktpiraterie großen Einfluss und sorgt für gravierende wirtschaftliche Schäden. Mehr als schätzungsweise 671.000 Arbeitsplätze gingen 2019 in der EU aufgrund von Produktpiraterie verloren. Den Mitgliedstaaten entgingen jährlich Steuereinnahmen in Höhe von geschätzten 15 Mrd. EUR, wodurch auch weniger staatliche Mittel für öffentliche Dienstleistungen vorhanden sind.4
Besonders schwer wiegen jedoch die Schäden für die öffentliche Gesundheit sowie den Verbraucher- und Umweltschutz. Nicht nur Lifestylemedikamente, sondern auch Medikamente zur Behandlung schwerer Krankheiten werden gefälscht. Dies kann für Patienten im schlimmsten Fall sogar tödliche Folgen haben.5 Jährlich sterben aufgrund der Einnahme von gefälschten Medikamenten weltweit 1 Million Menschen.6 Insbesondere der Ausbruch von Covid-19 Ende 2019 hat neues Potential für Fälscher geschaffen. Es werden nicht nur gefälschte Virentests und Schutzkleidung, sondern sogar falsche Medikamente gegen die Krankheit hergestellt und verkauft.7

Entscheidend ist, dass ein Großteil der Verbraucher die Hauptverantwortung in Bezug auf das Thema Produktpiraterie bei Händlern und Verkäufern und gefälschte Waren immer im Zusammenhang mit dem Hersteller der Originale sieht. Diese seien dafür verantwortlich, dass keine Fälschungen angeboten werden. Eine große Mitverantwortung trage Umfragen zur Folge auch die Politik.

Digitalisierung – Chancen und Risiken
Durch die Digitalisierung entstehen sowohl Chancen als auch Risiken für Unternehmen. Der Umsatz im E-Commerce Bereich lag 2019 bereits bei 59,2 Milliarden Euro und hat sich in den letzten 20 Jahren fast vervierzigfacht.8 Der zunehmende Online-Handel bietet zwar neue Möglichkeiten für die Unternehmen, jedoch entstehen dadurch auch neue Vertriebskanäle von Produktpiraten, wie Social Media oder App-Stores. Andere fördernde Faktoren sind das Aufkommen neuer Big Player, die Vermehrung von Freihandelszonen und die Digitalisierung von Handel und Transport.
Bei den aktuellen Entwicklungen im Online-Handel spielt insbesondere die Covid-19-Pandemie eine große Rolle. Die Coronalockdowns treiben immer mehr Konsumenten weg von physischen Geschäften hin zum Online-Shopping. Zudem sinkt durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen sinkenden Einnahmen und steigenden Arbeitsplatzunsicherheiten die Bereitschaft, viel Geld für den Konsum auszugeben. Dies führt dazu, dass Verbraucher günstigere Waren und gegebenenfalls auch bewusst Fälschungen kaufen.
China ist ein Hauptherkunftsland gefälschter Produkte. Die Fälscher operieren auf Online-Plattformen wie Alibaba, Taobao, Tmall, JD, Pinduoduo und Social-Media-Apps wie Little Red Book (Xiaohongshu), WeChat und anderen. Am 01.01.2019 trat in China das E-Commerce Gesetz in Kraft, wonach gegen Plattformanbieter, die nicht gegen Produktpiraterie auf ihrer eigenen Plattform vorgehen, eine Geldbuße in Höhe bis zu 260.000 EUR verhängt werden kann. Fälscher verlieren den Marktplatz und werden von den E-Commerce-Plattformen auf eine schwarze Liste gesetzt.
Im digitalen Zeitalter müssen Marken-Hersteller eine
“Big Data”-Lösung auf den Tisch bringen. Eine effektive IP-Durchsetzungsstrategie kombiniert Einzelhandelsmarktkontrollen, Export- und Zollkontrollen sowie eine konsequente Online-Überwachung. Eine erfolgreiche Bekämpfung der Produktpiraterie, mit dem Internet als Vertriebsweg Nr. 1, ist nur möglich, wenn Online-Verkaufsplattformen in die Pflicht genommen werden.

Legal Technology – Vorteile im Kampf gegen Produktpiraterie
Mithilfe von Technologie kann eine große Anzahl von Angeboten in kürzester Zeit unabhängig von Sprache, Tageszeit und Territorium aufgefunden werden, was entscheidende Vorteile bietet – nämlich Zeit- und Kostenersparnis und eine ungleich höhere Reichweite und Effektivität. Besonders wichtig ist auch ein globales Netzwerk, wenn es um die Verfolgung von Produktfälschungen geht.
Die unterschiedliche Handhabung der Unternehmen im Umgang mit Produktpiraterie führt schnell zu einer Überforderung durch die Flut der Ergebnisse. Die eingesetzten Technologien suchen teil-automatisiert nach Fälschungen auf Online-Marktplätzen, Webseiten, Social Media und teilweise sogar im Dark Web.
Erfahrungen von Unternehmen zeigen, dass Produktpiraten von solchen Marken ablassen, sobald sie merken, dass sich die Inhaber der Marken zur Wehr setzen. Der Aufwand ist ihnen zu hoch: Wenn sie von attraktiven Marktplätzen ausgesperrt werden, müssten die Fälscher immer wieder mit immensem Aufwand neue Accounts anlegen – da ist es leichter, sich ein anderes Opfer zu suchen.
Von den 2019 rund 41 Millionen an europäischen Grenzen beschlagnahmten Artikeln wurden nur bei etwa 5 Millionen dieser Fälschungen Ansprüche gerichtlich geltend gemacht.9 Aufgrund der hohen Kosten und des großen Aufwands für die Unternehmen wird deutlich, dass eine Vereinfachung zur Durchsetzung der Ansprüche gegen Produktfälscher notwendig ist.

1 Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.
2 Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.
3 Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.
4 Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.
5 Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.
6 MIS Quarterly Executive, 2019, How an Enterprise Blockchain Application in the U.S. Pharmaceuticals Supply Chain is Saving Lives.
7 Statusbericht 2020 über Verletzungen von Rechten des geistigen Eigentums des EUIPO.
8 https://de.statista.com/statistik/daten/studie/3979/umfrage/e-commerce-umsatz-in-deutschland-seit-1999/
9 Report on the EU customs enforcement of intellectual property rights der Europäischen Kommission.

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