Gekommen, um zu bleiben (und zu wachsen)

Im Blickpunkt: Prozessfinanzierung – Was 2020 bringt

Von Dr. Volker Knoop

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Die Prozessfinanzierung ist in der Welt der Wirtschaftsanwälte, Großkanzleien, Litigation-Boutiquen und ihrer Mandanten angekommen. Mancher Anwalt mag zwar glauben, die Finanzkraft seiner Mandantin stehe der Risikoübernahme durch Prozessfinanzierer denklogisch entgegen. Er verkennt aber die Entwicklung der Prozessfinanzierung vom reaktiven „Kriseninstrument“ zum aktiven „Risikomanagementwerkzeug“. Tendenziell bestätigen Umfragen bekannter Portale immer wieder das Missverständnis einer allzu traditionellen Perspektive, denn Mandanten bemängeln regelmäßig, dass Anwälte zu wenig Verständnis für ihre kaufmännischen Interessen hätten. Bezeichnend: Im Portfolio der Foris AG könnten sich nahezu 100 Prozent der Mandanten die Finanzierung eines Rechtsstreits selbst leisten, wollen es aber aus unternehmerischen Gründen ganz bewusst nicht. Jenseits der rechtlichen Risiken eines Prozesses gibt es zahlreiche Gründe, das Kostenrisiko zu teilen oder ganz abzuwälzen. Unternehmensprojekte mit höherer strategischer Priorität oder positive Bilanzeffekte gehören zu solchen Gründen, in die ein Litigation-Team, das isoliert den einzelnen Rechtsstreit zum Erfolg führen soll, kaum Einblicke erhält.
Immerhin dürfte inzwischen das Gros führender Kanzleien Prozessfinanzierungen für ihre Mandanten anfragen, um ein flexibles Management der Kostenrisiken zu verbessern. Aber auch den ganz eigenen anwaltlichen Vorteil –„What’s in it for me?“ – haben zahlreiche Kanzleien inzwischen für sich entdeckt.
Wie wird sich nun die Prozessfinanzierung im Jahr 2020 entwickeln? Wird der Markt vor allem für Prozessfinanzierer selbst noch interessanter – oder auch für Mandanten und Anwälte? Wird es wenige internationale Player geben oder viele kleine wie derzeit (noch) in der Legal-Tech-Branche? Wie wird sich Prozessfinanzierung aus Mandantensicht operativ verändern? Wird es teurer oder günstiger, Kostenrisiken abzuwälzen? Wird Prozessfinanzierung zum Commodity wie das Non-Disclosure Agreement (NDA) am Anfang fast jeder Transaktion oder zum Tailormade-Geschäft mit neuen Elementen für eine unternehmerische Konfliktlösung?

Das sind unsere drei Erwartungen für 2020:

1. Weiteres dynamisches Marktwachstum von zwei Seiten
Der Markt für Prozessfinanzierung wird national und international weiter dynamisch wachsen. Auf Nachfrageseite werden Unternehmen – zunehmend Mittelstand und Großkonzerne – neue Aspekte des Risikomanagements durch Prozessfinanzierer schätzen lernen. Dazu werden finanzierungsspezifische Lösungen wie das Portfolio-, Defense- oder Seed-Funding gehören, zudem finanzierungsfremde Lösungen wie (außergerichtliche) Verhandlungsbegleitungen oder das Case-Management, das nicht mehr nur den isolierten Prozesserfolg im Auge behält, sondern unternehmerische Aspekte der kosteneffizienten Bearbeitung des gesamten Streitportfolios im Kontext einer übergeordneten Unternehmensstrategie berücksichtigt.
Nicht, dass es diese Lösungen nicht in der einen oder anderen Form schon jenseits der Prozessfinanzierung gäbe, etwa als anwaltliches Zusatzangebot oder als externe Softwarelösung. Allerdings setzen wohl die meisten Angebote Fehlanreize. Kaum ein Anbieter verdient seine Vergütung nur, wenn es dem Mandanten finanziell messbar genutzt hat. Prozessfinanzierer hingegen arbeiten in der Regel ausschließlich oder überwiegend erfolgsbasiert. Die Besonderheit ihres Geschäftsmodells ermöglicht ein „Value Pricing“: Nur dort, wo messbarer Nutzen geschaffen (und nicht nur versprochen) worden ist, verdient der Prozessfinanzierer.
Ein Beispiel: Viele – nicht alle – Anwälte sind ausgezeichnete Verhandler. Dennoch wird so mancher Rechtsstreit durch die Instanzen getrieben. Es ist kein besonders gut gehütetes Geheimnis, dass derjenige Anwalt mehr verdient, der erst nach erfolgreicher zweiter Instanz triumphiert – und nicht derjenige, der Jahre zuvor einen außergerichtlichen Vergleich erreicht hätte. Der psychologisch begründbare Zwang, vorrangig sein (anwaltliches) Eigeninteresse zu befriedigen, ist nun einmal stärker als eine altruistische Motivation. Hinzu kommt, dass Mandanten gerade dann, wenn sie sich auf Stundenhonorare einlassen, oftmals kritisch mit denjenigen Kosten umgehen, die zur Verhandlungsvorbereitung erforderlich sind. Was bringt schon eine Stakeholder- oder Szenarioanalyse, wenn diese auf den ersten Blick wenig unmittelbaren Wert hat, aber mehrere tausend Euro kostet?
Beide Fehlanreize – das anwaltliche Eigeninteresse und das fehlende Investment des Mandanten in eine außerjuristische Vorbereitung der Konfliktlösung – kann ein Prozessfinanzierer kontern. Zwar ist auch der Prozessfinanzierer vorrangig vom eigenen wirtschaftlichen Interesse getrieben, er kann allerdings aus dem Zweierverhältnis Anwalt-Mandant ein balanciertes Dreierverhältnis bilden, mit Vorteilen für alle drei Seiten. Entscheidend ist, dass bei der Prozessfinanzierung eines außergerichtlichen Rechtsstreits mit Verhandlungsbegleitung der Prozessfinanzierer in eine intensive (nicht-juristische) Vorbereitung der Verhandlungen viel Zeit und Geld investiert und der Mandant nur dann zahlt, wenn feststeht, dass die Vorbereitung ihr Geld messbar wert war. In 2020 werden mehr Mandanten ihre Anwälte aktiv auf die Möglichkeiten der Prozessfinanzierung ansprechen und seltener auf die anwaltliche Empfehlung warten.
Auch auf der Angebotsseite wird der Markt 2020 weiter wachsen. Die steigende Nachfrage zieht neue Prozessfinanzierer und Investoren an. Neben Start-up-Teams und Anwaltskanzleien mit „angeschlossener“ Prozessfinanzierung suchen zunehmend Finanzinvestoren, Hedge Funds, institutionelle Anleger, Family Offices und Private Equity nach dem richtigen Einstiegsvehikel. In Zeiten von Niedrig- und Strafzinsen und einem Wirtschaftszyklus der beginnenden Restrukturierungswelle stellt die Prozessfinanzierung mehr denn je eine reizvolle Branche für Investoren dar – trotz einer Reihe kritischer Aspekte: Dass Prozessfinanzierung branchenbedingte Tücken aufweist, zeigen einige prominente Beispiele. Schon 2011 stieg die Allianz aus dem Neugeschäft aus, 2017 veräußerte die Roland-Versicherung ihren Prozessfinanzierungsbereich. Ende 2018 meldete Calunius Capital einen vorübergehenden Rückzug aus dem Neugeschäft, 2019 erlebte der bisherige Branchenprimus, Burford Capital, ein Börsendesaster nach Berichten über angebliche Bilanzauffälligkeiten. Ein anderer Global Player, Vannin Capital, sagte seinen Börsengang ab und wurde später unter Aufgabe zahlreicher Standorte übernommen. Auch die klassischen drei deutschen Prozessfinanzierer, darunter die Foris AG, überzeugten über die Jahre jedenfalls aus Investorensicht nicht gerade mit herausragender Performance. Gleichwohl werden 2020 die Anziehungskräfte für Investoren größer sein als jemals zuvor und für mehr Kapital und Wettbewerb sorgen. Manch führender Private-Equity-Anbieter wartet mit dreistelligen Millionenbeträgen darauf, in den Markt einzusteigen. 2020 wird es voraussichtlich so weit sein.

2. Veränderungen im Wettbewerberfeld
Das erwartete Marktwachstum wird das Wettbewerberfeld beeinflussen. Schon in den vergangenen Jahren konnte man Trends zur Spezialisierung und zur Internationalisierung erkennen. So verfolgt IMF Bentham nicht erst seit dem Erwerb von Omni Bridgeway eine „Global Reach“-Strategie. Die Legial AG aus München ist seit Jahren bekannt für ihren Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit Insolvenzverwaltern, und die Nivalion AG mit Sitz in der Schweiz hat sich seit 2016 einen ausgezeichneten Ruf für die Finanzierung großvolumiger Rechtsstreitigkeiten erarbeitet. Wieder andere Finanzierer spezialisieren sich im Massengeschäft auf bestimmte Rechtsgebiete (etwa Fluggastrechte oder Widerruf von Darlehens- und Lebensversicherungsverträgen) oder gar auf einzelne Rechtsfälle wie den VW-Diesel-Komplex.
In allen Bereichen wird der zunehmende Wettbewerbsdruck durch neue Player Veränderungen erzwingen. Zu erwarten ist, dass kapitalstarke Investoren zuerst die für am profitabelsten gehaltenen Segmente anvisieren: das High-end-Geschäft internationaler Schiedsverfahren und die Portfoliofinanzierung, daneben wohl auch kapitalmarktnahe und kartellrechtliche Rechtsstreitigkeien, in denen hohe Schadenssummen Begehrlichkeiten wecken. Auch die Foris AG hat sich etwa über ihre Exklusivpartnerschaften mit der DSW und dem europäischen Kartellschadensersatzprojekt „Foris Cartel X“ positioniert. Hoher Wettbewerbsdruck wird zudem im Insolvenzrecht entstehen, das mit Restrukturierungswelle und in Deutschland günstigen Klägerperspektiven attraktiv für neue Player wird – Chance und Gefahr für Platzhirsche.
Agile Player werden ihre USP – Unique Selling Proposition – schärfen. Ausreichende Kapitalkraft wird für Prozessfinanzierer noch wichtiger werden, denn Lösungen wie Portfoliofinanzierungen verlangen eine besonders hohe Risikotragfähigkeit. Allerdings wird Kapital allein kaum reichen, denn es ist im Markt reichlich vorhanden und daher kaum als echtes Unterscheidungskriterium geeignet. Entscheidender wird der Dienstleistungsansatz der einzelnen Prozessfinanzierer sein. Neue, innovative, digitale und vor allem kundenorientierte Leistungen entscheiden den Wettbewerb des Jahres 2020 – vor allem die Bereitschaft, nicht nur Geld in ein Geschäftsmodell zu investieren, sondern gemeinsam mit Anwälten und Mandanten Lösungen zu entwickeln. Für höchste Ambitionen – etwa Predictive Analysis – kommt 2020 noch zu früh. Sicher wird es spannende Ansätze geben – aber keinen, der 2020 die Branche prägen wird. Eine Ausweitung von Portfoliofinanzierungen und Verhandlungsbegleitungen scheint wahrscheinlicher. Die Foris AG hat hierzu eine eigene Gesellschaft für Verhandlungsmanagement gegründet und bereits etwa ein Dutzend Verhandlungsmandate gemeinsam mit den Anwälten der Mandanten außergerichtlich zum Erfolg geführt.

3. Operative Aspekte aus Mandantensicht
Die Häufigkeit, mit der Unternehmen direkt oder über ihre Anwälte Prozessfinanzierungen anfragen, wird nicht das Niveau erreichen, mit dem NDAs geschlossen werden. Allerdings wird die Häufigkeit stark steigen. Außerhalb des (Verbraucher-)Massengeschäfts wird das Tailormade-Geschäft überwiegen. Dementsprechend werden individuelle Preismodelle verhandelt werden – und diejenige Seite begünstigen, die sich mit ihren Optionen inhaltlich mehr beschäftigt. Wir erwarten, dass großvolumige Finanzierungen eher günstiger für Kunden werden. Rechtsstreitigkeiten im mittleren Segment zwischen 500.000 Euro bis 15 Millionen Euro Streitwert werden sich in 2020 weiterhin an einem Wert von 30 Prozent als Erlösanteil für den Prozessfinanzierer orientieren – allerdings im Einzelfall mit einer hohen fall- und finanziererspezifischen Spreizung.

volker.knoop@foris.com