Ein Aufruf: Gender-Equality in der Kanzleipartnerschaft verbessern!

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Mehr Frauen in der Partnerschaft von Wirtschaftskanzleien – dafür braucht es nicht nur ambitionierte Ziele, sondern auch konkrete Ansätze. Die Rechtsabteilung von PGIM Real Estate in Deutschland unterstützt Kanzleien mit einem umfassenden Mentoring-Programm und lädt andere Rechtsabteilungen dazu ein, Ähnliches zu versuchen.

Am Anfang stand eine einfache Frage: Wo sind eigentlich all die schlauen, fleißigen und ehrgeizigen Kommilitoninnen aus dem Studium gelandet? Denn auch wenn das Bewusstsein für diese Problematik in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, arbeiten diese talentierten Kolleginnen von damals noch viel zu selten in Führungspositionen – auch nicht in denen von Kanzleien.

Die aktuelle Lage: Offenheit, ambitionierte Initiativen, aber (noch?) keine signifikante Verbesserung

Seit 2013 sammelt PGIM Real Estate in Deutschland Daten zur Gender-Equality bei den wichtigsten Wirtschaftskanzleien. Es geht um den weiblichen Anteil in der Partnerschaft, aber auch bei Einstellung, Beförderung und in ­Führungspositionen (Managing Partner, Practice-Group-Leader etc.).

Diese quantitative Sicht haben wir kombiniert mit intensiven Gesprächen mit Vertretern der Kanzleien über deren Initiativen im Bereich „Equality“. Die gute Nachricht vorweg: An gutem Willen und Initiativen mangelt es auf Kanzleiseite nicht. Die Zeiten, in denen man über Themen wie „Frauen können doch keine M&A-Deals führen“ diskutieren musste, sind lange vorbei. Nicht zuletzt, weil heute eine modernere Generation von Partnern die Kanzleien führt. Dennoch haben wir diese Gespräche eben noch häufig mit männlichen Managing Partnern geführt. Und das ist die schlechte Nachricht, denn die Zahlen sind eher ernüchternd.

Die Benchmark, die wir anlegen, sind die aktuell verfügbaren Quoten bei den Absolventen des zweiten Staatsexamens: Hier waren im Jahr 2018 insgesamt 57% weiblich, Tendenz steigend.

In den Partnerschaften der von uns befragen Kanzleien (keine repräsentative Umfrage, aber eine relevante Stichprobe nationaler und internationaler Wirtschaftskanzleien aus 2020) liegt der Anteil weiblicher Partner zwischen 10% und 25% und bei Kanzleiführungspositionen bei nur 6%. Besonders überraschend ist, dass die Kurve über die Jahre seit Beginn der Erhebung 2013 sehr flach ist, das heißt, die Lage hat sich bei diesen beiden Benchmarks nicht signifikant verbessert. Und dies trotz vieler Initiativen der Kanzleien, die sich in den weiteren Zahlen zeigen: verstärktes Einstellen von Absolventinnen mit Quoten von 50% und mehr oder auch ambitionierte Beförderungsrunden mit einem hohen Anteil neuer Partnerinnen (im Durchschnitt in unserer Umfrage fast 40%).

Doch die Ergebnisse sind weiterhin ernüchternd: Der ­nachhaltige Anteil von Frauen in den jeweiligen Partnerschaften hat sich nur marginal verbessert. Es tut sich also etwas, aber die Frauen kommen einfach oben nicht an. Dass liegt laut den Kanzleien unter anderem daran, dass es natürlich hervorragende Kandidatinnen für die Partnerschaft gibt, diese jedoch auf dem Weg dorthin die Kanzleien verlassen.

Exkurs: Was passiert bei den Juristen außerhalb des Anwaltsmarkts?

Bei den Syndizi sind nach der Auswertung der Bundesrechtsanwaltskammer zum Stichtag 01.01.2022 immerhin 58% weiblich, was in etwa unserer Benchmark (=Absolventinnen) entspricht. Für Führungspositionen (Leiter Recht, General Counsel) waren aktuell keine belastbaren Zahlen für Deutschland erhältlich, aber „gefühlt“ ist die Situation bei GC-Roundtable-Veranstaltungen wesentlich weiblicher als bei vergleichbaren Veranstaltungen der Wirtschaftskanzleien. Die Richterbank ist auch kein reiner Altherrenclub mehr. Beim Bundesverfassungsgericht sind mittlerweile neun von 16 Richtern weiblich, bundesweit liegen die Anteile je nach Bundesland rund um die 50%, beim BGH leider noch darunter.
Die gut ausgebildeten Juristinnen bleiben zumindest in der Vielzahl der Fälle dem Rechtswesen erhalten, wenn auch zu viele in den Wirtschaftskanzleien auf dem Weg zur Partnerschaft aussteigen.

Focus-Attorney-Programm

Hier setzt das sogenannte Focus-Attorney-Programm ein, eine Art Mentoring des Inhouse-Teams für weibliche Senior Associates auf dem Weg in die Partnerschaft. Unser US-Mutterkonzern, die Versicherung Prudential Financial Inc., setzt dieses Programm seit Jahren sehr erfolgreich ein und hat so bereits viele Frauen auf dem Weg zur Partnerin unterstützt. Aktuell sind bis zu zehn Anwälte in dem Programm, und in der vergangenen Partnerernennungsrunde im Winter 2021/22 haben die jeweiligen Kanzleien drei Focus-Attorneys zur Partnerin ernannt. Es gibt also eine langjährige Erfolgsgeschichte, die wir seit vergangenem Jahr auch bei PGIM Real Estate in Deutschland fortschreiben wollen.
Was bedeutet das in der Praxis: Die Auswahl von geeigneten Kandidatinnen ist naturgemäß anspruchsvoll und erfolgt gemeinsam mit den Kanzleien, denn diese können am besten einschätzen, wer sich auf einem vielversprechenden Karriereweg befindet. Im konkreten Fall haben wir das Konzept mit mehreren Kanzleien diskutiert, die dann wiederum Vorschläge unterbreitet haben, aus denen wir anschließend gemeinsam Kandidatinnnen ausgewählt haben. Ausschlaggebend für uns war eine vorangegangene gemeinsame und erfolgreiche Arbeitserfahrung, die die Basis für eine auch in Zukunft vertrauensvolle Zusammenarbeit darstellt.

Konkret bedeutet dies vor allem eine verstärkte Präsenz in der Mandatsarbeit. Dazu gehört zum Beispiel, vermehrt Projekte verantwortlich zu leiten (je nach Kanzleistruktur mit Unterstützung eines Partners, einer Partnerin), Teams durch Transaktionen zu führen, in Verhandlungen eine aktive Rolle zu spielen. Aber auch die Übernahme von Aufgaben der internen Mandatsverwaltung, die Anlage neuer Mandate, Budgetverwaltung, Rechnungserstellung etc. gehören hierzu.

Für uns bedeutet das aber auch, dass wir noch gezielter Anfragen an den Focus-Attorney senden und auch bei der Mandatsvergabe mehr darauf achten, passende Mandate zu identifizieren.

Zur erhöhten Visibilität gehört auch eine aktive Rolle innerhalb der jeweiligen Kanzlei, etwa als Vortragende bei unternehmensinternen Fortbildungsveranstaltungen. Diese Selbstvermarktung und Möglichkeit der Profilierung als Spezialistin fragen wir regelmäßig bei unseren Panelfirmen ab.

Insgesamt wird der Focus-Attorney durch das Mentoring in der Mandatsbeziehung spürbar nach vorne gerückt. Denn bei aller Institutionalisierung bleibt die Rechtsberatung ein „People’s Business“, und Partnerin wird nur, wer aus der Menge hervortritt. Wir wollen, dass die Anwärterinnen mehr Wertschätzung und Beachtung erfahren. Das stärkt auch die eigene Wahrnehmung als ein Pfeiler der Mandatsbeziehung innerhalb der Kanzlei. Die Übernahme von partnerähnlicher Verantwortung intern und extern ermöglicht ein Hineinwachsen in die Rolle, natürlich in der Hoffnung, dass der so wichtige Schritt in die Partnerschaft dann eher als eine Formalität als eine zunächst unüberwindbare Hürde wahrgenommen wird.

Einladung an den Rechtsmarkt, uns zu kopieren und von unseren Erfahrungen zu lernen

Begeistert und motiviert von den Erfolgen unserer Konzernkollegen und den positiven Reaktionen von unseren deutschen Kanzleipartnern, wollen wir diese Idee mit möglichst vielen Marktteilnehmern teilen und ein branchenweites Momentum schaffen.

Durch die Vermittlung von Prof. Dr. Thomas Wegerich hat sich mit ihm, der Diversity-Trainerin Anna Engers und Matthias Birkholz, Managing Partner von lindenpartners, eine kleine Gruppe zusammengefunden, mit der wir das Thema weitergetrieben haben. Im Sommer 2021 haben wir einen Kreis von großen Wirtschaftskanzleien und Vertretern von Rechtsabteilungen an einen Tisch gebracht, die daran interessiert sind, diese Anregung auch in ihren Unternehmen und Kanzleien auszuprobieren. Wir vier als Koordinatoren geben Ideen und Handlungsvorschläge in die Runde, die gerne von Teilnehmern im Rechtsmarkt aufgegriffen und an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können. Ein nächster Roundtable mit weiterem Erfahrungsaustausch wird folgen, und interessierte Vertreter von Wirtschaftskanzleien und Rechtsabteilungen sind hierzu herzlich eingeladen.

Gemeinsam wollen wir den Markt der Wirtschaftskanzleien in Deutschland weiblicher und damit erfolgreicher gestalten.

Machen Sie mit! – matthias.meckert@pgim.com ist die ­richtige Adresse.

 

Hinweis der Redaktion:
Matthias J. Meckert ist Mitglied des Advisory Board des BWD. (tw)

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