Betriebswirtschaftliche Nutzenpotentiale des elektronischen Rechtsverkehrs (ERV)– aktuelle Entwicklungen
Von André Scheffknecht

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Die BRAK (Bundesrechtsanwaltskammer) wurde 2013 verpflichtet, für alle zugelassenen Rechtsanwälte in Deutschland ein besonderes elektronisches Anwaltspostfach (beA) einzurichten. Die Verpflichtung resultierte aus dem Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs (ERV).

Nachdem es zu einer Verschiebung der Einführung des beA durch die BRAK im November 2015 kam, sollen nun ab dem 29.09.2016 für alle Anwälte die Postfächer funktionieren und zur Verfügung stehen.

Für viele noch immer nicht potentielle Realität – und das Einstellen auf die Zeit nach Einführung des beA mit allen Konsequenzen in deutschen Kanzleien wirkt zäh und zum Teil widerwillig. Das dürfte bei der Einführung neuer Richtlinien und Gesetze normal sein, allerdings wird viel zu wenig betont, wie hoch die Nutzenpotentiale aus dem ERV betriebswirtschaftlich sein werden.

beA: Initialzündung für Veränderungsprozesse im Unternehmen Kanzlei

Deutsche Wirtschaftskanzleien stehen schon lange im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Strukturwandel des Rechtsberatungsmarkts. Am liebsten würde man ohnehin die Forensik verbannen aus der anwaltlichen Tätigkeit, denn sie dauert lange, bindet Zeit und Geld – verlängert die Zeit von Unsicherheiten und macht zum Teil sogar handlungsunfähig.

Sinnvoll allerdings ist es, die Einführung des ERV zu nutzen als Gelegenheit, die eigenen Prozesse innerhalb der Kanzlei zu überdenken und gegebenenfalls zu optimieren. Ein Ja zur Digitalisierung, wie mit dem Gesetz zur Förderung des elektronischen Rechtsverkehrs klar formuliert, wird Konsequenzen für Kanzleien haben, die heute noch unterschätzt werden. Aber eben auch die Potentiale werden unterschätzt. Am Anfang steht der Aufwand, aber unter dem Strich werden Mehrwerte geschaffen werden – und, da man sich nicht verweigern kann als Berufsträger in Deutschland, sollte man besser daran arbeiten, sich bestmöglich zu wappnen und größtmöglichen Nutzen aus der Situation zu ziehen.

Innerhalb der Kanzleien tritt das wirtschaftliche Denken und Handeln in den Vordergrund. Das wird auch häufig angestoßen von kostensensiblen Mandanten. Und Mandanten wollen viel mehr – Mandanten wollen Transparenz –, diese kann sich nur aus perfekt organisierten inneren Abläufen der Kanzlei ergeben. Der Einsatz der richtigen EDV-Systeme, das schnelle Liefern relevanter Zahlen und das aktive Leben eines Kanzleiinformationsmanagements sind wichtige Punkte. Mandanten wollen Effizienz und geringe Kosten und das Gefühl, von der bestmöglichen Kanzlei vertreten zu werden. Und das nicht nur beratend, sondern eben auch im Bereich der Forensik.

Um diesen Eindruck glaubhaft an Mandanten vermitteln zu können, braucht es heute viel mehr als nur einen guten Prozess- und Fachrechtler. Der Mandant will das Gefühl haben, mit Profis zu arbeiten.

Die Chance der Digitalisierung des Rechts und damit auch die Chance des ERV ist eine erzwungene Chance und wird deshalb, naturgemäß, in seiner Möglichkeit nicht im vollen Umfang wahrgenommen.

beA und Benefit – oder: Cui bono?

Die Einführung des beA nutzt allen Beteiligten. Anwälte sind unabhängig von Postdiensten und Auslieferungszeiten (gerade bei prokrastinierenden Anwälten im angespannten Verhältnis zu Fristen ein Highlight). Zeit kann eingespart werden, und die Kosten für Porto, Boten oder sogar Eilboten werden ganz sicher verringert.

Die Digitalisierung wirkt bei Gerichten in Deutschland der Überlastung der Justiz entgegen. Diese wird ungehindert erreichbar, und die Anbindung an die elektronische Kommunikation wird erhöht. Besonders aber bei der Durchdringung von Akten und der Strukturierung von Informationen liegt enormes Potential. Denn es geht nicht mehr nur um Informationen, sondern auch um die Qualität der Information und um die Fähigkeit, in kürzester Zeit Informationen in möglichst hoher Qualität, die gut zu verarbeiten sind, zu erzeugen. Nur so ist der Komplexität, der erwarteten Schnelligkeit und dem erhöhten Erwartungsdruck von Seiten der Mandanten, Anwälte und Gerichte zu begegnen.

In der Wirtschaftskanzlei bedeutet all das auch die Erhöhung des Workflows und damit in der Folge die Erhöhung der eigenen Wertschöpfung. Einerseits werden Prozesse gestrafft und Rentabilität erhöht. Andererseits zwingt die Einführung des beA auch zu Investitionen und der Auseinandersetzung mit der IT und den Prozessen des Unternehmens. Gut aufgestellt ist, wer eine zuverlässige, schnelle Softwarelösung parat hat, die nicht nur unterstützend wirkt, sondern auch Steuerungsmöglichkeiten bietet und das beA als Service begreift und daraus Nutzen zieht.

beA-Visionen – Möglichkeiten für Erfolg

Versucht man mit den Suchwörtern „beA“ in Kombination mit „Visionen“ einen Eintrag bei Google zu finden, hat man keinen Erfolg. Aber denkt man den elektronischen Rechtsverkehr konsequent weiter, kommt man nicht drum herum, auch Visionen zu entwickeln. Wie weit kann die Automatisierung getrieben werden, wie intensiv darf Digitalisierung wirken, und gibt es auch Möglichkeiten im Bereich der künstlichen Intelligenz, die die Kommunikation zwischen Gerichten, Anwälten und Mandanten unterstützen?

Fragen, die sich stellen werden – in Kanzleien, in Gerichten und in der Folge auch bei dem Mandanten. Es ist keine Zeit zu verlieren. Bis zum 01.01.2022 sind es noch gute fünf Jahre. Jeder Berufsträger, der das zeitraubende Tagesgeschäft bewusst erlebt, weiß, dass diese Zeit im Handumdrehen vergehen wird.

Fazit

Die Verpflichtung zum ERV und die Einführung des beA werden in den nächsten Jahren dafür sorgen, dass eine vollständig digital organisierte Justiz verlangt, mit einer ebenso digitalisierten Kanzlei zu kollaborieren. Es ist davon auszugehen, dass am Ende eine elektronische Akte stehen wird, ohne die ein wirklicher Effizienzgewinn nicht realisierbar ist. Die Umstellung der Kanzlei auf ein konsequent digitales Arbeiten muss also erfolgen – je weniger Zeit Kanzleien verlieren, desto besser.

andre.scheffknecht@stp-online.de

 

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