Handbuch Wirtschaftsmediation nach 19 Jahren neu aufgelegt

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Mit der provokanten Frage „Is Litigation dead?“ eröffnet Dr. Jörg Risse – wie schon bei der Erstauflage – seine Ausführungen zur Wirtschaftsmediation. Seit der Erstauflage sind 19 Jahre vergangen; 19 Jahre, in denen sich viel in der Welt der Wirtschaftsmediation getan hat. Dies führt dazu, dass – wie Risse, langjähriger Partner bei Baker McKenzie, im Vorwort zur nunmehrigen, zweiten Auflage selbst anmerkt – in seinem Werk kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Die Zweitauflage ist daher auch für Leser der ersten Auflage wie ein völlig neues Buch. Aber der Reihe nach.

Handbuch, Nachschlagewerk und Kommentar

Risses „Wirtschaftsmediation“ kommt mit stolzen 678 Seiten daher. Inhaltlich eignet sich das sehr gefällig und kurzweilig geschriebene Werk sowohl als ein in Gänze zu lesendes Handbuch (für Mediationseinsteiger und Interessierte) als auch – dank der übersichtlichen und guten Struktur – als Nachschlagewerk für schon erfahrenere Mediationspraktiker.

Im Rahmen einer prägnanten Einführung (§ 1) grenzt Risse die Wirtschaftsmediation von anderen Mediationsformen ab und stellt die (noch ausbaufähige, da recht geringe) Verbreitung der Wirtschaftsmediation dar. Die dann folgenden Ausführungen zu den verhandlungstheoretischen Grundlagen einer Mediation (§ 2) sind schon das erste echte Highlight des Buches – selten hat man auf so engem Raum eine ähnlich ansprechende Kurzdarstellung zu Grundprinzipien einer Verhandlung, Verhandlungspsychologie und -führung gelesen. Dabei sieht Risse, wie auch in einem spannenden Interview im Podcast „Gut durch die Zeit“ mit Sascha Weigel nachzuhören ist, die vornehmliche Aufgabe des Mediators darin, den Parteien ein „besseres Verhandeln“ zu ermöglichen.

Sodann folgt der Aufbau des Buches zunächst dem Gang einer Mediation. Beginnend bei der Einleitung des Mediationsverfahrens (§ 3) über den Weg zur ersten Mediationsverhandlung (§ 4) und einem Überblick über den Verfahrensablauf (§ 5) bis hin zur Darstellung der fünf einzelnen Mediationsphasen (§§ 6-10).

Praxisnahe Empfehlungen, Tipps & Tricks

In den vorgenannten Kapiteln ist „der Risse“ immer dann besonders stark, wenn er dem Leser Muster, Beispiele oder praktische Tipps an die Hand gibt (etwa Musterklauseln, S. 122; Beispiel für einen Mediationsvorschlag, S. 135 oder einen Mediationsantrag, S. 142; Beispiel eines Verhandlungsvertrags, S. 208; praktische Durchführung eines Caucus, S. 276). Auch wegen dieser Fokussierung auf Praxisfragen und -probleme gehört das Buch in jeden Mediatoren-Haushalt. Risse profitiert an dieser Stelle von seinen umfassenden Erfahrungen als Wirtschaftsmediator, die ihm wohl nicht zuletzt aufgrund der Erstveröffentlichung der „Wirtschaftsmediation“ zuteilgeworden sind. Als besonders erwähnenswertes Beispiel sei die Darstellung eines Vergleichsvertrags genannt, bei dem Risse absatzweise Fallstricke und geeignete Formulierungen aufzeigt (S. 486 ff.).

Mediator (IHK) oder Mediator (ABC)

In zwei Kapiteln wendet sich Risse der Person und der Rolle des Mediators beziehungsweise der Rechtsanwälte zu (§§ 11, 12).

Die Frage, welche Qualifikation Mediatoren haben sollten, treibt sowohl Medianden als auch Mediatoren um. Dabei ist Risses Einschätzung sowohl zu den gesetzlich an den „zertifizierten Mediator“ gestellten Anforderungen („viel ist das wirklich nicht“, S. 147) als auch in der klaren Wortwahl (Gesetzeslage als „eine Katastrophe, eine einzige Katastrophe“ und der zertifizierte Mediator als „Mogelpackung“, S. 497 f.) zutreffend. Dabei weist der Autor zugleich darauf hin, dass auch im Rahmen der Schiedsgerichtsbarkeit die Qualifikation der Schiedsrichter seit jeher nicht geregelt ist und Schiedsverfahren gleichwohl im Wirtschaftsleben fest verankert sind (S. 493).

Risses Ansicht, nach der die Teilnahme von Rechtsanwälten für die Mandanten in Wirtschaftsmediationen regelmäßig erforderlich sei (S. 5), mag man – aus Mediatorensicht – teilen oder nicht. Jedenfalls finden Rechtsanwälte im zwölften Kapitel umfangreiche Gedankenanstöße und Handlungsanweisungen für den Fall, dass der Mandant an einem Mediationsverfahren teilnehmen will.

BATNA, Logrolling und die „Sechs-Hüte“-Technik

Auch in der Mediation gibt es zahlreiche Fachbegriffe und -methoden, die im vorliegenden Werk anschaulich und nachvollziehbar erläutert werden. Jeder, dem Begriffe wie Harvard-Konzept, BATNA/WATNA/RATNA, die „10-10-10“-Technik, Caucus, Logrolling, die „Sechs-Hüte“-Technik, „Adjusted-Winner“-Methode oder Agent of Reality nichts sagen, sollte schon aus diesem Grund das Buch zur Hand nehmen. Auch die Vorzüge und Nachteile der Mediation trägt Risse noch einmal zusammen und entwirft eine Checkliste für die Verfahrenswahl (§ 13, S. 566). Sodann wendet sich das Buch dem Mediationsgesetz zu und bietet einen entsprechenden, gelungenen Kurzkommentar zum Mediationsgesetz und einen Überblick über die Verordnung über die Ausbildung zum zertifizierten Mediator (§ 14).

Letztlich wagt Risse noch einen Parforce-Ritt durch weitere ADR-Verfahren und Möglichkeiten des Konfliktmanagements (§ 15).

Ist es perfekt?

Angesichts des Umfangs des Buches und der sonst vorherrschenden Liebe zum Detail ist die doch recht kurze Darstellung des sogenannten Singapur-Übereinkommens ein wenig enttäuschend. Denn das Singapur-Übereinkommen, das die Anerkennung und Vollstreckung von Mediationsergebnissen in internationalen Handelssachen ermöglicht, weist zum November 2022 genau 55 Unterzeichnerstaaten auf, ist in zehn Staaten schon in Kraft und hätte damit mehr Raum verdient als die ihm eingeräumten zwei Seiten, was in etwa so viel ist, wie Risse für die Abgrenzung zwischen Wirtschafts- und Familienmediation aufwendet. Dass die Ausführungen an dieser Stelle zudem noch teils ungenau sind („über 60 Unterzeichnerstaaten“; Verwechslung von „Abkommen“ und „Übereinkommen“), liegt wohl auch an Risses Einschätzung, dass die Erzwingbarkeit und Vollstreckbarkeit von Vergleichsverträgen zu großen Teilen eine „Scheindiskussion“ darstelle (S. 468). Ob letzteres so ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen, erfreut sich die Mediation – wie der Autor einführend selbst schreibt (S. 3) – gerade in grenzüberschreitenden Konflikten zunehmender Beliebtheit.

Auch der Frage der Haftung des Mediators misst Risse keine praktische Relevanz bei (S. 515). Dies mag als gegenwärtiger empirischer Befund stimmen, hilft aber einem (angehenden) Mediator nicht weiter, wenn konkret ein Haftungsfall im Raum steht. In diesem Zusammenhang wäre die Frage, ob und wie sich ein Mediator versichern sollte, erörterungswürdig gewesen; insbesondere, da Risse sich als „lückenlose Begleitlektüre“ für angehende Mediatoren empfiehlt (S. 1). Der bloße Hinweis auf einen „Abgleich mit der Haftungspflichtversicherung des Mediators“ kann hier nicht genügen, auch wenn bei Rechtsanwälten die Tätigkeit als Mediator regelmäßig in der Berufshaftpflicht mitversichert sein wird.

Fazit

Alles in allem gelingt Jörg Risse mit seinem Buch „Wirtschaftsmediation“ (wiederum) Großartiges. Unabhängig vom eigenen Erfahrungsgrad und der jeweiligen Rolle in einer Mediation lohnt sich der Kauf. Die Arbeit mit dem vorliegenden Werk dürfte für alle Mediationsinteressierten gewinnbringend sein.

 

simon.heetkamp@th-koeln.de

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Hinweis der Redaktion:
Jörg Risse, Wirtschaftsmediation, C.H. Beck/Helbing Lichtenhahn, 2. Auflage 2022, 129 €. (tw)

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