Im Blickpunkt: Konfliktlösung und Legal Design

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Seit jeher sind juristische Auseinandersetzungen vor staatlichen Gerichten oder Schiedsgerichten zu einem großen Teil ein Wettstreit der Sprache. Weltweit entwerfen hochbezahlte Anwälte umfangreiche Schriftsätze in der Hoffnung, die (Schieds-)Richter mit Hilfe ihrer Ausführungen davon zu überzeugen, ihrer Geschichte Glauben zu schenken und ihren Argumenten statt denen der Gegenseite zu folgen. Dabei vertrauen sie vor allem auf ihre Sprachfertigkeit. Das hat sich mittlerweile geändert. So führen wir unseren anwaltlichen Vortrag nicht nur schriftlich aus, sondern nutzen zunehmend Visualisierungen, oft auch Legal Design genannt, um die zentralen Botschaften unseres Falls zu übermitteln, die schwierigsten Argumente einfach zu erklären und um die Bühne für alles Weitere zu bereiten. In diesem kurzen Aufsatz möchte ich Ihnen näherbringen, warum, wann und wie wir das machen.

Warum Visualisierungen?

Jeder kennt Gehirnsportler aus dem Fernsehen, die sich 100 Ziffern oder 50 beliebige Worte innerhalb kürzester Zeit in der richtigen Reihenfolge merken. Und die meisten werden gehört haben, dass sie dafür eine spezielle Technik nutzen – sie transferieren Informationen in Bilder, um daraus eine visuelle Geschichte zu kreieren. Diese kann sich das Gehirn wesentlich leichter merken als die Ziffern oder Worte selbst. Der Grund dafür ist, dass das menschliche Gehirn in Bildern denkt. Wenn wir Sprache hören oder lesen, wandelt unser Gehirn die gerade erhaltenen Informationen automatisch in eine visuelle Darstellung davon um. Unser Gehirn speichert diese visuelle Darstellung der erhaltenen Informationen – nicht den Text – zur späteren Nutzung.

Warum verpacken Juristen dann immer noch 99 % aller juristischen Informationen ausschließlich als Text?

Metaphorik – also Bildsprache – ist sehr kraft- und wirkungsvoll, weil Redewendungen wie „Auf keinen grünen Zweig kommen“ oder „Da platzt einem die Hutschnur“ sofort ein Bild im Kopf des Empfängers entstehen lassen. Das passiert unterbewusst und so schnell, dass man es kaum merkt. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine bildhaft verpackte Information gespeichert wird, ist deutlich erhöht. Visualisierungen sind dabei die perfekten „Transmitter“ einer Botschaft, weil diese vom Empfänger noch nicht einmal eigenständig in Bilder übersetzt werden müssen. Die vom Sender bereits visualisierte Information ist nicht so anfällig für Fehlübersetzungen des Empfängers. Diese Bilder sind die Bühne für später hinzukommende Zusatzinformationen, Gedanken und Argumente. Und zwar sowohl für Ihre als auch für die von der Gegenseite vorgebrachten! Es wird sich alles um Ihre Bilder und damit Ihre Sichtweise drehen.

Indem wir die Sprache unseres Gehirns sprechen – die visuelle Sprache – können wir direkt beeinflussen, was die Empfänger, in juristischen Streitigkeiten die (Schieds-)Richter, denken und fühlen. Wir können sie einfacher erreichen. Wir können besser erklären und besser überzeugen. Das ist der Grund, warum Legal Design so ein wirkungsvolles Instrument ist, von dem jeder Jurist Gebrauch machen sollte. Und warum wir davon überzeugt sind, dass Legal Design in naher Zukunft nicht nur einen großen Einfluss auf die Art und Weise haben wird, wie wir Prozesse führen, sondern auf die gesamte Juristerei.

Wann sollte man Legal Design verwenden?

Visualisierungen sollte man nur dann nutzen, wenn sie einen Mehrwert für den Empfänger bringen. Niemals nur, weil sie schön aussehen.

Mit dieser Einschränkung versuchen wir Visualisierungen so oft zu nutzen, wie es geht. Sowohl in Schriftsätzen als auch in mündlichen Verhandlungen. Idealerweise nutzen wir in der mündlichen Verhandlung die gleichen Visualisierungen, die wir vorher schon in Schriftsätzen verwendet haben. Die Hirnforschung hat gezeigt, dass die Mehrfachverwendung von Darstellungen einen erheblichen Effekt hat: Je vertrauter einem etwas ist, desto schwieriger wird es, dem zu widersprechen.

Wie erstellt man Visuals?

Hat man sich einmal dazu entschieden, seinen Vortrag durch Visualisierungen überzeugender und verständlicher zu machen, stellt sich die Frage nach dem Wie. Das ist zu Beginn sicher der schwierigste Teil, insbesondere weil Anwälte von Natur aus einen gewissen Drang zum Perfektionismus haben und die Visualisierungen möglichst professionell wirken sollen.

Die Darstellung muss sich naturgemäß immer an dem zu übermittelnden Sachverhalt oder Argument orientieren. Im Arsenal befinden sich dabei typischerweise jede Art von Diagrammen, Zeitstrahle, Stammbäume etc.

Dabei gilt aber grundsätzlich Folgendes: Eine visuelle Darstellung wird nie so vollständig sein wie der gesamte schriftliche Vortrag. Sie kann und soll diesen daher nicht ersetzen. Eine gute Visualisierung ist die Brücke zwischen dem Geschriebenen und dem Gedächtnis des Empfängers. Sie ist gerade deshalb wirkungsvoll und eingängig, weil sie ohne zu viele Details auskommt oder auskommen sollte. Weniger ist dabei mehr. Gerade Juristen fällt die Konzentration auf das Wesentliche manchmal schwer. Wir neigen dazu, nach einer möglichst vollständigen Informationswiedergabe zu streben – ein in Ausbildung und Praxis jahrelang antrainierter Habitus. Nutzt man Visualisierungen, muss man sich davon frei machen, um den bestmöglichen Effekt zu erzielen. Denn das Hinzufügen von immer mehr Sachverhaltsinformationen „die noch fehlen“, führt in den seltensten Fällen zu einer besseren Visualisierung.

Dann geht es ans Experimentieren. Beim Visualisieren muss man probieren, verwerfen, neu ansetzen, verbessern und sich langsam an das optimale Ergebnis herantasten. Gerade zu Beginn ist es äußerst hilf- und auch lehrreich, mit einem professionellen Designer zusammenzuarbeiten. Denn Anwälte und Designer haben verschiedene Arten zu denken. Die Kombination dieser Denkweisen führt meist zu den besten Ergebnissen. Aber auch als Anwalt kann man sich die Denkweise eines Designers aneignen und gute Visualisierungen entwerfen – idealerweise nicht allein, sondern als Team.

Hat man dann einmal ein Konzept und eine Skizze erstellt, muss diese Visualisierung professionell umgesetzt werden. Um unsere Visualisierungen einfach, schnell und höchst professionell erstellen zu können, haben wir ein maßgeschneidertes Software-Tool, das „Greenfort Studio“, entwickelt und drei nicht-anwaltliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in grafischer Gestaltung geschult. Und für besonders komplexe Visualisierungen, die einen echten, professionell ausgebildeten Designer benötigen, bringen wir externe Experten an Bord.

Die Rückmeldungen von (Schieds-)Richtern und von Mandanten sind dabei ausnahmslos positiv. Wir haben es schon mehr als einmal erlebt, dass unsere Visualisierungen während der mündlichen Verhandlung vor den (Schieds-)Richtern liegen und zur Vorbereitung auf und Führung durch die Verhandlung genutzt werden. Diese Vereinfachung und Reduzierung der entscheidungserheblichen Themen auf das Wesentliche ist bei den Meisten sehr willkommen.

glienke@greenfort.de

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