Die Revolution fällt aus, Unternehmen treiben die Evolution

Rechtsmarkt in Deutschland: Bedrohung durch alternative nichtanwaltliche Rechtsdienstleistungsanbieter? – So einfach ist es nicht.
Von Markus Hartung

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Vor kurzem fanden sich in einem von einer Kanzleiberatung herausgegebenen Onlinemagazin folgende Thesen: „Die Rechtsbranche wird sich radikal wandeln. Etablierte Marktteilnehmer werden verschwinden. Neue Wettbewerber werden ihren Platz einnehmen“. Diese Thesen, die den Vorhersagen von Richard Susskind in nichts nachstehen, fanden sich im Zusammenhang mit einem Trendbarometer, dem wiederum eine Umfrage unter 100 deutschen Wirtschaftskanzleien zugrunde lag. Ausgewertet wurden „168 auswertbare Rückmeldungen“. Was das statistisch bedeutet, lässt sich aufgrund dieser Umfrage nicht sagen. Gleichwohl wurden fünf Ergebnisse präsentiert, die für eine hohe Veränderungsdynamik im Rechtsmarkt sprechen sollen – 49% der Befragten meinten, der Rechtsmarkt durchlaufe „starke Veränderungen“, die wiederum Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle der Kanzleien hätten.
Die Frage, ob Kanzleien auf die anstehenden (nicht näher beschriebenen) Veränderungen ausreichend vorbereitet seien, spaltete die Gruppe der Befragten: 41% der Befragten sahen „die meisten Kanzleien … auf einem guten Weg“, während 42% der Befragten meinten, „die meisten Kanzleien (hätten) bisher keine vernünftigen Antworten auf die anstehenden Veränderungen“. Allerdings war die Antwort auf die Frage, ob alternative Rechtsdienstleistungsanbieter, beschrieben als „Technologie, LPO-Anbieter oder Plattformen“, den klassischen Großkanzleien Arbeit wegnehmen würden, eher eindeutig: 52% hielten diese Anbieter für Einzelerscheinungen, aber nicht für ein ernstzunehmendes Problem, nur 5% waren der Auffassung, diese Anbieter würden „den Markt komplett verändern“, immerhin 12% waren der Auffassung, diese Anbieter hätten als Konkurrenten überhaupt keine Chance, weder heute noch in Zukunft.

Im Vergleich: Rechtsmarkt in den USA und in Deutschland

Lässt man einmal methodische Einwände außen vor und betrachtet die Trendaussagen als informierten Diskussionsbeitrag, dann handelt es sich um einen erheblichen Unterschied im Vergleich zur Situation in den USA: Nach einer ebenfalls nicht repräsentativen Umfrage in New York City aus dem Jahr 2013 antworteten gut 30% der Befragten auf die Zukunftsfrage sehr pessimistisch – Kanzleien hätten mit ihrem traditionellen Geschäftsmodell keine Zukunft. Gut 40% der Befragten waren der Auffassung, Kanzleien hätten nur bei Änderung ihres Geschäftsmodells eine Überlebenschance, und der Rest vertrat die Auffassung, es werde sich nichts Wesentliches ändern.
In den USA sieht der Rechtsmarkt tatsächlich ganz anders aus als bei uns. Dort machen alternative Anbieter Furore. Während man in Deutschland solche Anbieter fast an einer Hand abzählen kann, ist die Situation in den USA kaum noch überschaubar. Alle diese Unternehmen sind technologiebasiert, viele haben das Ziel, die anwaltliche Tätigkeit, wenn nicht gänzlich, so doch so weitgehend zu ersetzen, dass für die klassische anwaltliche Tätigkeit nur noch ein vergleichsweise kleiner Raum bleibt. In diese Unternehmen fließt viel Risikokapital, etwa allein im Jahr 2013 mehr als 150 Millionen US-Dollar. Das Jahr 2014 war verhaltener. Geld kommt nicht nur von klassischen Venture-Capital- oder Private-Equity-Häusern, sondern auch von strategischen Investoren wie Google, Wolters Kluwer oder Thomson Reuters. Diese Investoren wissen in der Regel, was sie tun. Viele dieser alternativen Anbieter haben sich selbst zu Global Playern entwickelt, die den etablierten Kanzleien bedrohlich nahekommen. Das gilt insbesondere für die großen LPO-Unternehmen wie CPA Global, pangea3 oder Integreon, aber auch für einen alternativen Anbieter wie axiom, dessen Umsatz an die 200 Millionen US-Dollar heranreicht und von dem unlängst berichtet wurde, dass er einen Mehrjahresvertrag mit einer Bank wegen der Prüfung und Risikobewertung von Tausenden von Standardverträgen mit einem Volumen von 73 Millionen US-Dollar abgeschlossen habe. Sollte man dies nur als Achtungserfolge ansehen, dann sind es ganz schön erhebliche Achtungserfolge.

Wie sich der Markt der alternativen Rechtsdienstleister entwickelt

Natürlich überleben längst nicht alle dieser alternativen Anbieter, viele schaffen die zweite Finanzierungsrunde nicht mehr, fast alle passen ihre Geschäftsmodelle ständig an. Scheitern ist kein Drama, sondern die Ermutigung, es beim nächsten Mal besser, jedenfalls anders zu machen; an dieser Branche kann man den Unterschied zwischen dem US-amerikanischen und dem kontinentaleuropäischen Unternehmertum besonders gut betrachten.
Zwischen diesen Polen bewegt sich die Diskussion über Marktveränderungen durch alternative Anbieter: Hier die – mindestens auf empirischem Impressionismus basierende – Aussage, solche Anbieter hätten keine nennenswerte Chance, dort hingegen Investitionssummen im dreistelligen Millionenbereich, alternative Anbieter mit beachtlichen Erfolgen und pessimistische Marktteilnehmer.
Können deutsche oder internationale Kanzleien in Deutschland sich also zurücklehnen? Oder sollten sie sich besser nicht auf Trendbarometer oder Ähnliches verlassen, sondern tätig werden? Immerhin spüren die meisten Marktteilnehmer Veränderungen in unterschiedlichen Auswirkungen – aber man weiß eben nicht, ob sich ein heftiges Gewitter von bisher unbekanntem Ausmaß oder nur ein starker Regen ankündigt.

„Trends in the legal market“: Ergebnisse einer neuen Studie – die Player

Mit diesen Fragen hat sich eine Studie befasst, welche die Boston Consulting Group zusammen mit der Bucerius Law School und dem Bucerius Center on the Legal Profession durchgeführt hat. Diese trägt den Titel „Trends in the legal market – Disruptions, evolution or just hype?“ und behandelt die Entwicklungen in Deutschland ebenso wie die anstehenden Veränderungen auf den bedeutenden internationalen Rechtsmärkten.
Im Verlauf der Studie wurden zunächst alle Marktteilnehmer getrennt voneinander betrachtet. Dazu wurden unter anderem mehr als 60 Interviews mit Vertretern aus Wirtschaftskanzleien, aus Unternehmensrechtsabteilungen, von alternativen Dienstleistern und mit neutralen Markbeobachtern geführt. Daneben fand eine intensive Analyse zahlreicher Bücher, Artikel und Case-Studies statt. Im Anschluss wurden die Trends in verschiedenen Märkten identifiziert und den einzelnen Entwicklungen maßgebliche Treiber zugeordnet. Insgesamt ergibt sich daraus eine sehr eingehende, differenzierte und in vergleichbarer Form bisher nicht verfügbare Analyse der Zukunft des Markts für wirtschaftsrechtliche Beratung.
Eine Besonderheit der Studie liegt darin, dass unter anderem erstmals eine Kategorisierung der alternativen Anbieter vorgenommen und anhand von Fallstudien untersucht wurde, in welchen Geschäftsfeldern diese Anbieter tätig sind. Insgesamt identifizierte die Studie acht Kategorien solcher Dienstleister, vom klassischen Legal-Process-Outsourcing-Anbieter (LPO) über Vermittlungsgesellschaften für Projektanwälte und Anbieter, die gleich ganze Rechtsberatungsprojekte übernehmen und in eigener Verantwortung bearbeiten (etwa axiom, vgl. oben), sowie Virtual Law Firms, Recherche- und Informationsdienstleister, Big-Data-Analysten bis zu Netzwerkplattformen, auf denen sich Unternehmensjuristen über ihre Erfahrungen mit Kanzleien austauschen und Know-how teilen. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wollte man alle Anbieter detailliert beschreiben. Interessant ist, dass die Marktdurchdringung mit solchen Anbietern in England und den USA viel stärker ist als in Kontinentaleuropa; die Studie zeigt aber auch, dass diese Anbieter in Deutschland präsenter sind, als man annehmen würde. Das liegt unter anderem daran, dass Deutschland trotz nationaler Besonderheiten Teil eines globalen Markts, auch des globalen Rechtsmarkts, ist und Entwicklungen in internationalen Kanzleien auch Auswirkungen auf die deutschen Büros haben, ob man will oder nicht. Das gilt auch für globale Unternehmen mit Sitz in Deutschland: Veränderungen im Ausland führen fast immer zu Veränderungen im Inland.

Neue Mitspieler: Folgen für etablierte Geschäftsmodelle im Rechtsmarkt?

Neben der Kategorisierung dieser Dienstleister untersucht die Studie auch sehr detailliert, welche tatsächlichen Auswirkungen diese Anbieter auf das Geschäftsmodell von Kanzleien haben, untersucht anhand praktischer Beispiele Strategien von Kanzleien, mit denen diese sich den Anforderungen stellen. Mindestens genau so umfangreich ist die Analyse von Unternehmensrechtsabteilungen, die mit Hilfe alternativer Anbieter ihren Einkaufsprozess grundlegend reformieren und erhebliche und nachhaltige Einsparerfolge erzielen.

Die erste Botschaft

Was ist die Kernbotschaft der Studie? Mindestens zweierlei: Der Erfolg alternativer Dienstleister hängt nicht davon ab, wie sie von Kanzleien eingeschätzt oder ob sie ernst genommen werden. Vielmehr wird der Erfolg maßgeblich davon abhängen, inwieweit es diesen Anbietern gelingt, mit den Unternehmen ins Geschäft zu kommen. Die bloße Existenz dieser Anbieter, seien sie auch noch so interessant und gut finanziert, bewirkt keine nennenswerten Veränderungen. Diese werden ausschließlich dadurch bewirkt, dass Unternehmen mit Hilfe solcher Dienstleister ihre Einkaufsprozesse weiter rationalisieren und dass diese Dienstleister in Bereiche vordringen, die heute noch durch das Beratungsmonopol des Rechtsdienstleistungsgesetzes geschützt sind. Aber darauf ist kein Verlass, denn schon in Europa ist dieses Monopol sehr brüchig geworden, in England ist es solchen Anbietern inzwischen erlaubt, klassische Rechtsdienstleistungen anzubieten. Das dürfen sie auch grenzüberschreitend in Deutschland, selbst wenn eine Niederlassung nicht erlaubt wäre (mit dieser offenen regulatorischen Flanke des deutschen Berufsrechts befasst sich eine weitere Untersuchung aus dem Bucerius CLP).

Die zweite Botschaft

Eine Revolution oder disruptive Veränderungen werden nicht stattfinden. Für alle entgegenstehenden Annahmen oder Behauptungen gibt es keinen Beleg. Veränderungen finden auf Rechtsmärkten eher evolutionär statt, aber sie finden statt, niemand kann sich ihnen entziehen. Angesichts der Reaktionszeiten bei großen Änderungen in Kanzleien ist es sehr riskant, erst einmal abzuwarten. Einige internationale Kanzleien haben daher bereits begonnen, ihre internen Abläufe zu überprüfen, um Leistungen für Mandanten besser und kosteneffizienter anzubieten. Die Studie befasst sich mit zahlreichen Beispielen aus der Praxis. Das Feld der mittelständischen Kanzleien bewegt sich deutlich langsamer, aber das Geschäftsfeld dieser Kanzleien ist nicht so anders, dass man alles so lassen könnte wie bisher. Für Kanzleien in allen Marktsegmenten gilt indes, dass große Unsicherheit darüber besteht, was denn nun genau geändert werden müsse. Die Studie gibt darauf naturgemäß keine detaillierte Antwort, liefert aber umfangreiches Anschauungsmaterial und Beispiele für solche Prozesse.

Markus.hartung[at]law-school.de