Die Macht des digitalen Wandels in der Rechtsberatung

Interview mit Dr. José A. Campos Nave,
Geschäftsführender Partner, Rödl & Partner

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Die fortschreitende Digitalisierung ist derzeit eine der spannendsten Entwicklungen im Rechtsmarkt überhaupt. Hier entscheidet sich der zukünftige Erfolg oder Miss­erfolg von Kanzleien. In loser Folge berichten wir darüber im Deutschen AnwaltSpiegel, um die verschiedenen Konzepte der Marktteilnehmer transparent zu machen. Thomas Wegerich sprach mit Dr. José Campos Nave, ­Geschäftsführender Partner von Rödl & Partner in Eschborn bei Frankfurt am Main.

Deutscher AnwaltSpiegel: Herr Dr. Campos Nave, vor vier Jahren sind Sie Geschäftsführender Partner bei Rödl & Partner geworden. Wie hat sich die ­Rechtsberatung von Rödl & Partner in dieser Zeit ­verändert?

Dr. Campos Nave: In den vier Jahren haben wir viel umgesetzt. Ich habe zwei Führungskreise (national und international) für die anwaltliche Arbeit eingerichtet. Die Kollegen, die ich mir für diese Leitungsgremien ausgesucht habe, kenne ich sehr gut, da ich seit mehr als 14 Jahren bei Rödl & Partner bin. Ich konnte daher die besten Anwälte für die unterschiedlichen Aufgaben auswählen. Innerhalb der Führungskreise haben die einzelnen Anwaltspartner konkrete Verantwortlichkeitsbereiche.

Ergebnisse dieser Arbeit sind die Konzeption und Einführung von „smartUp“, einem Nachwuchsprogramm für junge Berufsträger, oder die Einführung unserer eigenen Rechtsanwaltssoftware „Rockfish“ sowie die Einführung neuer Beratungsfelder, beispielsweise das Lebensmittelrecht, das Facility-Management-Recht oder Legal Tech. Zudem haben wir die fachliche Arbeit in neugeschaffenen nationalen und internationalen Praxisgruppen organisiert. Für ein multidisziplinäres Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen wie Rödl & Partner ist es von strategischer Bedeutung, die Synergien unter den einzelnen Geschäftsfeldern (Rechtsberatung, Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung, BPO und Unternehmensberatung) nutzbar zu machen.

Dies ist eine ambitionierte Aufgabe, insbesondere, wenn wir mit Kollegen aus mehr als 52 Rödl-&-Partner-Ländern Projekte gemeinsam bearbeiten. Da ist es von strategischer Bedeutung, Führungsstrukturen klar zu organisieren sowie Entscheidungsprozesse zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Erklären Sie unseren Lesern doch bitte das strategische Konzept hinter der globalen Aufstellung von Rödl & Partner.

Dr. Campos Nave: Wir expandieren in die einzelnen Länder, um unseren Mandanten, den global agierenden mittelständischen Weltmarktführern, eine kompetente Beratung in unseren fünf Geschäftsfeldern möglichst „vor Ort“ anbieten zu können. Wir sind in den Ländern und Städten, in denen unsere Mandanten ihre Niederlassungen aufbauen. Mit unserem Büro in Teheran haben wir Mandanten geholfen, den Markteintritt zu vollziehen. Die neuen Büros in Lissabon und Porto runden unser Beratungsangebot auf der Iberischen Halbinsel ab. Zuletzt haben wir ein weiteres Büro in Linz eröffnet und damit unser Engagement in Österreich erweitert.

Deutscher AnwaltSpiegel: Die Digitalisierung erfasst die gesamte Wirtschaft. Welchen Einfluss hat diese ­Entwicklung auf die Rechtsberatung in Ihrem Haus?

Dr. Campos Nave: Die Digitalisierung erfasst nicht nur unsere Mandanten, sondern auch alle Teilnehmer im Wirtschaftsverkehr. Wir werden von unseren Mandanten sehr konkret zu unserer Digitalisierungsstrategie befragt und müssen darlegen, welche Arbeitsprozesse wir digitalisiert haben. Dies betrifft immer mehr auch den Angebotsprozess. Mandanten möchten verstehen, welche technische Umgebung wir nutzen, um dann möglichst gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Beispielsweise betrifft dies Projekte, bei denen wir auf den technischen Systemen der Mandanten arbeiten, als „ausgelagerte Rechts- oder Steuerabteilung“. Zudem müssen wir bei internationalen Projekten sehr konkret unsere Compliancemaßnahmen beschreiben und deren technische Umsetzung darlegen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Prozesse sind das konkret?

Dr. Campos Nave: Rödl & Partner hat mit „Rockfish“ eine eigene Rechtsanwaltssoftware entwickelt, die es erlaubt, länderübergreifend an gemeinsamen Projekten zu arbeiten und Dokumente sowie die Beratungszeiten einheitlich über „Rockfish“ zu erfassen und abzurechnen. Das ist eine große Erleichterung, denn die Lösungen aus der Vergangenheit, mit verschiedenen Programmen in den einzelnen Ländern, und die schwierige Zusammenführung von Dokumenten und Zeiten sind damit obsolet. Jeder Berater, der länderübergreifend arbeitet, versteht diese Problematik sehr genau. Damit haben wir insbesondere bei komplexen Transaktionen die digitale Arbeitsgrundlage geschaffen.

Zudem wurden in bestimmten Praxisgruppen sogenannte Vertragsgeneratoren programmiert, die es den Mandanten ermöglichen, für standardisierbare Bereiche die Verträge selbst zu konzipieren. Beispielsweise ist dies für den Bereich „Facility-Management“ erfolgt. Als weiteres Beispiel möchte ich die Programmierung von eigenen verschlüsselten Datenräumen nennen, „RDoX“, auf die unsere Berater und die Mandanten mittels der „RDoX“-App zugreifen können. Wir setzen ebenfalls bei unseren Veranstaltungen auf digitale Lösungen. Eine „Zettelwirtschaft“ gibt es nicht mehr. Beispielsweise haben wir für unseren jüngst stattgefundenen –Lawyer-Summit in Riga eine App programmiert, um diese Veranstaltung digital umzusetzen. Das Ziel besteht auch für die Zukunft darin, die konkreten Einsatzfelder zu identifizieren, in denen digitale Lösungen zu einer qualitativen Verbesserung der anwaltlichen Leistung führen. Die Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck.

Hinzu kommt: Letztlich arbeiten unsere Anwälte bereits seit mehreren Jahren in der eigenen Rödl-&-Partner-Cloud. Dies bedeutet, dass von jedem Ort weltweit auf den eigenen digitalen Arbeitsplatz zugegriffen werden kann. Notwendig sind lediglich eine Internetverbindung und das Passwort. Diese Aufzählung ließe sich noch fortsetzen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Fällt durch all diese von Ihnen skizzierten Entwicklungen nicht ein wesentlicher Teil der anwaltlichen Arbeit weg?

Dr. Campos Nave: Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass ein Teil der anwaltlichen Arbeit wegfallen wird, insbesondere bei Arbeiten von geringer Komplexität und bei Tätigkeiten, die standardisiert werden können. Hierzu zähle ich die Erstellung von Massenverträgen, einzelne Arbeiten bei einer Due Diligence etc. Bereits jetzt entstehen Lösungen, die für einfach gelagerte Sachverhalte den Anwalt überflüssig machen. Ein Beispiel hierfür ist „flightright.de“ bei Ansprüchen wegen Flugverspätungen und Ausfällen.

Allerdings wird eine Software nicht die juristische und die steuerrechtliche Gestaltungsarbeit übernehmen können – schon gar nicht, wenn die Mandate länder­übergreifende Sachverhalte betreffen. Ich prognostiziere, dass in den nächsten fünf Jahren rund ein Drittel der aktuellen anwaltlichen Arbeit wegfallen wird. Gleichzeitig entsteht ein steigender Bedarf an komplexen länderübergreifenden Beratungsthemen, der diesen zuvor benannten Arbeitswegfall mehr als kompensieren wird. Dies bedeutet aber, dass sich Anwälte auf diese neuen Herausforderungen einstellen und entsprechend qualifizieren müssen. Ich sehe große Chancen für multidisziplinäre Berater, die weltweit die Mandanten begleiten können.

Deutscher AnwaltSpiegel: Sind dies nur Einzelmaßnahmen, oder hat Rödl & Partner eine umfassende Digitalisierungsstrategie?

Dr. Campos Nave: Mit Einzelmaßnahmen zur Digitalisierung kommt man nicht weit. Wir haben bereits vor Jahren eine unternehmensumfassende Digitalisierungsstrategie beschlossen. Zu deren Umsetzung haben wir bei Rödl & Partner ein „Digital House of Competence“ gegründet. Diese Einheit überprüft systematisch die Arbeitsprozesse auf die Umsetzung der Digitalisierung hin. Davon werden nicht nur die Rechtsberatung, sondern auch unsere weiteren Geschäftsfelder Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung, BPO und die Unternehmensberatung erfasst. Die qualitative Verbesserung unserer Dienstleistungen wurde uns auch extern bescheinigt. So konnten wir 2017 einen „Digital-Champions-Award“ (verliehen von Telekom und Wirtschaftswoche) gewinnen und sind auch 2018 als „Digital Champion – Unternehmen mit Zukunft“ (verliehen von Focus Money) ausgezeichnet worden.

Deutscher AnwaltSpiegel: Wie beurteilen Sie insgesamt die Umsetzung der Digitalisierung im Rechtsberatungsumfeld?

Dr. Campos Nave: Hier muss ich sehr differenziert antworten. Bei einer Befragung von Wirtschaftskanzleien im Rahmen der Lünendonk-Studie 2018 „Führende Wirtschaftskanzleien in Deutschland“ gibt eine große Mehrheit der Befragten an, sich mit Digitalisierung und Legal Tech zu beschäftigen. Gleichzeitig sind die Budgets, die mehrheitlich für die Digitalisierung angegeben werden, nur in einer sehr überschaubaren Höhe. Daraus folgt, dass die grundsätzliche Bedeutung der Digitalisierung jedem Managing Partner bewusst sein dürfte. Allerdings ist die Umsetzung noch sehr eingeschränkt. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass viele Wirtschaftskanzleien einen völlig anderen Investitionshorizont haben als Rödl & Partner. Wir beraten international agierende Familienunternehmen und sind selbst ein Familienunternehmen. Unser Investitionshorizont ist an langfristigen Strategien und Zielen ausgerichtet und nicht an einer kurzfristigen Politik der Ausschüttung an die Partner.

Deutscher AnwaltSpiegel: Was bedeutet Digitalisierung für die weitere Entwicklung für Ihr Haus?

Dr. Campos Nave: Unternehmerisches Handeln kennt kaum geographische Grenzen. Die kontinuierliche Fortentwicklung unserer Geschäftsfelder auf der Grundlage einer modernen, zukunftsorientierten IT-Struktur hilft uns, unsere Mandanten auch in entlegenen Regionen zu unterstützen. Hierbei muss nicht mehr, wie bei klassischen Strukturen, in verfestigte Strukturen investiert werden, sondern wir entkoppeln unsere Wertschöpfung von einem physischen Erfordernis lokaler Bürostrukturen. Damit steigern wir die Effizienz unserer Beratung und geben diesen Effizienzgewinn an unsere Mandanten weiter.

Deutscher AnwaltSpiegel: Vielen Dank für dieses ­Interview, Herr Dr. Campos Nave. Wir werden die weitere Entwicklung von Rödl & Partner im Rechtsmarkt eng begleiten.