Die klugen Köpfe sind entscheidend

„Acqui-Hire“ – neuer Transaktionstrend in disruptiven Industrien?
Ein Gastbeitrag von Dr. Maximilian Grub und Dr. Sabina Krispenz

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Die Digitalisierung der Industrie schreitet unaufhaltsam voran. In vielen Branchen kommt es zu einer echten „Disruption“, einer Unterbrechung und Verdrängung des bisherigen Geschäftsmodells. Dazu zählen beispielsweise die Automobilindustrie, die Energiewirtschaft oder auch der traditionelle Maschinenbau. Um den digitalen Wandel zügig voranzutreiben, greifen die Unternehmen immer häufiger auf Akquisitionen und auf das Mittel „Acqui-Hire“ zurück. Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, und welche Besonderheiten prägen „Acqui-Hire“-Transaktionen?

Der Begriff „Acqui-Hire“

Der Begriff „Acqui-Hire“ setzt sich aus den Begriffen ­„Acquisition“ und „Hire“ zusammen. Gemeint ist die gezielte Übernahme ganzer Teams von Arbeitnehmern, um diese im eigenen Unternehmen anzustellen.

Geprägt haben den Begriff „Acqui-Hire“ die Technologiebranche und die Start-up-Szene. Oftmals wird die Digitalisierung der Industrie durch Start-ups vorangetrieben, deren Kapital weniger in kapitalintensiven Maschinen und Anlagen als vielmehr in den Köpfen der Mitarbeiter oder eigenentwickelten Anwendungen und Geschäftsmodellen liegt. Die Arbeitnehmer sind damit das wertvollste Asset. Mit der Übernahme dieser Arbeitnehmer sichern sich die Unternehmen in kürzester Zeit das notwendige Know-how, um bei der Digitalisierung Schritt halten zu können. Mittlerweile sind „Acqui-Hire“-Transaktionen über die Technologiebranche hinaus aber auch in klassische Industrien und Branchen, in denen der Fachkräftemangel groß ist, vorgedrungen.

Mögliche Struktur einer „Acqui-Hire“-Transaktion

Ein Team von Mitarbeitern kann sowohl im Wege eines Share- als auch im Wege eines Assetdeals übernommen werden. Wird die „Acqui-Hire“-Transaktion als Sharedeal durchgeführt, steht das Zielunternehmen als rechtliche Einheit im Fokus. Die Umsetzung als Assetdeal erfolgt in der Regel über den Abschluss von dreiseitigen Vereinbarungen zwischen den Mitarbeitern, dem Käufer als neuem Arbeitgeber und dem Verkäufer.

Aus Sicht des Käufers ist zu beachten, dass auch bei einem „Acqui-Hire“-Assetdeal die Regelung des § 613a BGB über die Folgen des Betriebsübergangs Anwendung finden kann. Dies wird dann relevant, wenn zwar die Hauptbelegschaft, aber nicht alle Mitarbeiter die dreiseitigen Vereinbarungen der „Acqui-Hire“-Transaktion akzeptieren. Der Betriebsübergang bewirkt, dass auch die Mitarbeiter auf den Käufer übergehen, welche die dreiseitige Vereinbarung nicht akzeptiert haben. Der Käufer hat damit ein großes Interesse daran, dreiseitige Vereinbarungen mit allen Mitarbeitern abzuschließen und hierfür ein attraktives Gesamtpaket für die gesamte Belegschaft zu schnüren.

Herausforderungen bei der Due Diligence

Eine Due Diligence bei Start-up-Unternehmen kann den Käufer vor einige Herausforderungen stellen. So verfügt ein Start-up-Unternehmen häufig in den Bereichen Finance, Controlling, Vertrieb oder Marketing nicht über Strukturen, die denen eines Konzerns vergleichbar sind. Der Käufer sollte sich daher darauf einstellen, nicht alle Informationen und Auswertungen in der gewohnt aufbereiteten Form vorzufinden. Das Start-up-Unternehmen dagegen ist hier gut beraten, frühzeitig und ausreichend Ressourcen auf den Due-Diligence-Prozess zu allokieren.

Eine weitere Besonderheit der Due-Diligence-Phase besteht darin, dass der Erwerber im Rahmen der Due Diligence am liebsten von Beginn an die Schlüsselmitarbeiter des Start-ups kennenlernen möchte, wohingegen der Veräußerer den Zugang zu den Schlüsselmitarbeitern erst in einem Stadium mit relativ hoher Transaktionssicherheit gewähren wird. Hierfür bietet sich ein abgestufter Due-Diligence-Prozess an, der mit zunehmender Transaktionssicherheit dem Interessenten auch den Zugang zu den Schlüsselmitarbeitern und den sensiblen Informationen über sogenannte Key-Expert-Treffen ermöglicht. Der Verkäufer sollte hierbei darauf achten, mit dem Käufer frühzeitig Abwerbeverbote für die betreffenden Schlüsselmitarbeiter für den Fall des Abbruchs der Transaktion zu vereinbaren. Auch spezielle Geheimhaltungsvereinbarungen mit den Schlüsselmitarbeitern selbst können angezeigt sein, um zu verhindern, dass in einem sehr frühen Stadium der Transaktion die Pläne des Veräußerers in der Belegschaft für Verunsicherung sorgen.

Deal-Point: Arbeitnehmererfindungen

Das Innovationspotential der Mitarbeiter von Start-up-Unternehmen findet auch in Arbeitnehmererfindungen ihren Ausdruck. Bei einer „Acqui-Hire“-Transaktion wird daher die ordnungsgemäße Abwicklung von Arbeitnehmererfindungen in der Vergangenheit für den Käufer eine wichtige Rolle spielen. Wurden Rechte an Arbeitnehmererfindungen nicht ordnungsgemäß von den Mitarbeitern (auf das Start-up-Unternehmen) übertragen oder wurde keine angemessene Vergütung hierfür gezahlt, kann den Käufer nach Abschluss der Transaktion eine nicht unerhebliche Haftung treffen. Der Käufer wird daher schon im Rahmen der Due Diligence eine sehr genaue Prüfung der Abwicklung von Arbeitnehmererfindungen anstellen und zudem im Vertrag eine Freistellung hinsichtlich der ausstehenden Vergütungsansprüche der Arbeitnehmer verlangen, um das mögliche Risiko von Ansprüchen der Arbeitnehmer auf den Verkäufer abzuwälzen.

Der Schlüssel für eine erfolgreiche Integration

Die Kommunikation zwischen Käufer, Verkäufer und Zielgesellschaft bzw. den Mitarbeitern ist in jeder Phase einer „Acqui-Hire“-Transaktion von ganz wesentlicher Bedeutung. Schon im Rahmen der Due Diligence werden sich zum Beispiel im Rahmen von Key-Expert-Treffen erste Berührungspunkte zwischen Käufer und künftigen potentiellen Mitarbeitern ergeben. Um eine Verunsicherung der Belegschaft zu vermeiden, kann es also sinnvoll sein, schon frühzeitig die Pläne des Käufers im Hinblick auf die künftige Integration der Mitarbeiter zu kommunizieren. Damit können die Beteiligten schon sehr früh einen wichtigen Grundstein für eine erfolgreiche Integration des Zielunternehmens nach Abschluss der Transaktion legen.

Da die Mitarbeiter eines Start-ups oft ein anderes Arbeiten gewohnt sind, sollte sowohl während der Transaktions- als auch später während der Integrationsphase die Heranführung an die etwas strafferen Konzernstrukturen behutsam erfolgen. Der Kontrast zwischen organisch gewachsenem Start-up und einem Konzern mit etablierten Organisationsstrukturen birgt aber nicht nur Konfliktpotential, sondern auch eine Chance für Synergieeffekte und Effizienzsteigerungen. Im Rahmen der Post-Merger-Integration kommt es daher für beide Seiten besonders darauf an, die relevanten Bereiche mit Nachholbedarf wie Marketing, Vertrieb und Controlling zu identifizieren und Schritt für Schritt an die neuen Strukturen heranzuführen.

Fazit

Die Bedeutung von „Acqui-Hire“-Transaktionen in disruptiven Industrien wird in naher Zukunft zunehmen. Die Geschwindigkeit der Digitalisierung macht es erforderlich, schnell kleinere oder auch größere Teams von hochqualifizierten Mitarbeitern einzusetzen, um so den Wandel der klassischen Industrien zu Technologiekonzernen voranzutreiben.

Neben den rechtlichen Besonderheiten von „Acqui-Hire“-Transaktionen sehen sich Käufer, Verkäufer sowie das Zielunternehmen insbesondere der Herausforderung ausgesetzt, die Mitarbeiter durch geeignete Anreize und eine klare sowie strukturierte Kommunikation aus den Start-up-Strukturen in die für die Mitarbeiter oft ungewohnte Welt eines Konzerns zu überführen.

Maximilian.grub@cms-hs.com

sabina.krispenz@cms-hs.com