Die Herausforderung meistern

Innovation in Sozietäten und Rechtsabteilungen: ein AnwaltSpiegel-Panel in Kooperation mit ACC Europe, Epiq Systems und der UBS
Von Arne Gärtner, M.A.

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Immer mehr gerät Innovation in den Fokus der Entwicklungen auf dem Rechtsmarkt. Inzwischen suchen alle Teilnehmer des Marktes nach innovativen Ideen und Konzepten: Kanzleien, um sich durch innovative Ansätze von ihren Wettbewerbern abzusetzen, Unternehmen, um durch Innovationen leistungsfähiger und effizienter zu werden, und alternative Anbieter, die sich nicht auf der Suche nach Innovationen befinden, sondern sich vielmehr als diejenigen betrachten, deren Konzepte und Ideen per se innovativ sind und die mit ihren neuen Strukturen den Markt aufrütteln.

Dennoch sind viele Fragen bisher ungeklärt: Was bedeutet Innovation auf einem Markt, der so stark durch Regulierung und althergebrachte Strukturen gekennzeichnet ist? Welche Ideen und Konzepte versprechen langfristige Erfolge? Wie kann ich Innovationen erkennen und auch in meinem Unternehmen beziehungsweise meiner Kanzlei implementieren? Welche Rolle spielen technische Entwicklungen und alternative Anbieter dabei?

Panel des Deutschen AnwaltSpiegels

All diese Fragen wurden nun bei einem Panel des Deutschen AnwaltSpiegels, in Kooperation mit ACC Europe, Epiq Systems und UBS Deutschland, am 14.07.2015 in Frankfurt am Main unter dem Thema „Die Herausforderung meistern – Innovation in Sozietäten und Rechtsabteilungen“ diskutiert. Die sieben Panelisten aus Kanzleien, Rechtsabteilungen, von der Hochschule St. Gallen und von Epiq Systems diskutierten, unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Wegerich, gemeinsam mit 90 Teilnehmern über das weitreichende Thema Innovation auf dem Rechtsmarkt und brachten neben vielen interessanten Überlegungen vor allem viele Beispiele an, wie sich der Markt verändert.

Gleich zu Beginn der Diskussion machte Dr. Bruno Mascello (Executive School der Hochschule St. Gallen) in seinem Impulsreferat deutlich, dass der Begriff Innovation zunächst schlicht als die Kombination von Idee, Nutzen und Implementierung zu betrachten sei und sich daher nicht auf einen Bereich der Kanzlei oder Rechtsabteilung beschränken lasse. Das wurde dann auch in der Diskussion deutlich, in deren Verlauf vielseitige Bereiche wie das Geschäftsmodell großer Kanzleien, die Entwicklung von Technologie/LegalTech, die Beziehung zwischen Unternehmen und Kanzleien, die operativen Herausforderungen im Management der Rechtsabteilung, der „War for Talents“ und Kosten/Nutzen alternativer Anbieter thematisiert wurden.

State of the Play: Innovation auf dem Rechtsmarkt

Am Anfang der Diskussion standen zunächst eine Bestandsaufnahme und die generelle Frage: Wie weit ist Innovation überhaupt schon in den Markt vorgedrungen? Markus Hauptmann (White & Case) sorgte gleich zu Beginn für Ernüchterung unter den Anwesenden: Die theoretische Diskussion zum Thema Innovation sei deutlich weiter als die praktische Umsetzung in Kanzleien; es gäbe aktuell keine „disruptive Innovation“ auf dem Rechtsmarkt. Dennoch seien gerade Entwicklungen im Bereich Technologie sehr wichtig und würden hohes Potential aufweisen. Auch Dr. Reiner Loges (Gleiss Lutz) schloss sich dieser Einschätzung an. Die Art der Zusammenarbeit zwischen Kanzleien und Unternehmen hätte sich zwar deutlich verändert, aber dennoch würde bisher mehr diskutiert als tatsächlich umgesetzt. Ingrid Kalisch (Kaye Scholer) sieht vor allem die deutlich veränderte Kommunikation zwischen Mandanten und Beratern als Innovation an. Gerade für die von Mandanten häufig geforderte Effizienzsteigerung seien innovative Arbeitsabläufe sehr wichtig und würden schon heute spürbar zur Veränderung in der Leistungserbringung von Rechtsdienstleistungen beitragen.

Für die beiden Vertreter aus Rechtsabteilungen, Dr. Michael Fischer (UBS) und Carsten Lüers (Verizon Enterprise Solutions und ACC Europe, Board Member & Country Representatives Coordinator für Deutschland), zeigten sich dann deutlich andere Schwerpunkte beim Begriff Innovation: Michael Fischer betonte, dass er nach wie vor insgesamt dem Kostendruck auf seine Abteilung gerecht werden und mit immer weniger Personal immer mehr Output produzieren müsse. Darüber hinaus beobachtet er, dass sich die Tätigkeit von Inhouse-Juristen immer weiter in Richtung Wertschöpfungskette verschiebt und die Rechtsabteilung zunehmend direkt im operativen Geschäft beratend tätig ist. Carsten Lüers betonte zunächst, dass der Kostendruck zumindest in seiner Branche nichts Neues sei, und wandte sich dann direkt mit einem Appell an die anwesenden Kanzleien: Er wünsche sich mehr Innovationen von Seiten der Kanzleien, von denen auch die Mandanten direkt profitierten.

Behnam Sadough (Epiq Systems) wandte sich sodann dem Thema Innovation aus Sicht eines alternativen Anbieters zu und ging dabei vor allem auf das Thema LegalTech ein. Das Verständnis dafür, welche Veränderungen schon heute durch Technologie möglich seien, fehle derzeit noch am Markt. Die alternativen Anbieter seien in ihrer Entwicklung schon deutlich weiter als viele Unternehmen und Kanzleien. Sie seien dem Markt voraus.

Alle Teilnehmer waren sich darin einig, dass zwar viel über Innovation gesprochen werde, es aber bisher kaum tiefgreifende Veränderungen gegeben habe – aus Sicht der Kanzleien ist das mit hohen Beharrungskräften (ein Panelist verwandte den Begriff „Selbstzufriedenheit“) erklärbar, aus Sicht der Rechtsabteilungen damit, dass diese im Tagesgeschäft sehr stark belastet seien und kaum Zeit hätten, über Innovationen nachzudenken. Für die alternativen Anbieter bedeutet das vor allem, dass sich der Markt, zumindest in Deutschland, weniger schnell entwickelt, als ihnen lieb wäre.

Trends im Rechtsmarkt als Treiber für Innovation

Nachdem Bruno Mascello eingangs schon festgestellt hatte, dass sich Innovation nicht auf einen Bereich eingrenzen lasse, begann eine gemeinsame Suche nach möglichen Innovationsbereichen.

Zunächst wurde über die Rolle der Einkaufsabteilung beim Einkauf von Rechtsdienstleistungen und die sich damit verändernde Beziehung zwischen Rechtsabteilung und Kanzlei diskutiert. Die Erfahrungen der Anwesenden mit der Einkaufsabteilung waren keineswegs negativ. So wurde von Kanzleiseite berichtet, dass die Einkaufsabteilung im Angebotsprozess teilweise die Rolle des „Bad Cop“ übernehme, wodurch das Verhältnis zwischen Rechtsabteilung und Kanzlei unbelastet bliebe. Die beiden Unternehmensvertreter haben bisher noch keine Erfahrung mit ihrer Einkaufsabteilung gemacht – es zeichnet sich aber in beiden Fällen ab. Insgesamt wird die Einkaufsabteilung jedoch keine Rolle für die langfristigen Entwicklungen im Rechtsmarkt spielen, da sie ihre Aufgabe vor allem darin sieht, die Kosten für externe Berater zu senken und Beschaffungsprozesse zu standardisieren und zu optimieren.

Auch die Partnerschaft zwischen Unternehmen und Kanzleien wurde thematisiert, wobei diskutiert wurde, ob das partnerschaftliche Miteinander, das sich nur im Rahmen von Mandaten abspiele, nicht erweitert werden könnte: Der Vorschlag der gemeinsamen Ausbildung von jungen Juristen durch Rechtsabteilungen und Kanzleien würde in diesem Kontext eine echte Innovation darstellen und jungen Juristen von Anfang an einen breiteren Fokus auf den Rechtsmarkt ermöglichen. Des Weiteren wurde darüber diskutiert, ob das Vergütungsmodell von Kanzleien und insbesondere die immer noch sehr lebendige „Billable Hour“ nicht eigentlich als Feind – oder zumindest Verhinderer – von Innovation betrachtet werden müsste und ob sich Innovation nicht erst durch eine Abkehr vom klassischen Vergütungssystem entfalten könnte. Dieser Standpunkt wurde von den Anwesenden einstimmig abgelehnt, da nicht die Billable Hour, sondern vielmehr die Selbstzufriedenheit Grund dafür sei, dass die Veränderungen nur langsam vorangingen. Es fehle also der Druck zu Veränderungen.

Wirklich innovatives Potential wurde dem zunehmenden Trend zu „Decomposing“, also dem Zerlegen der Wertschöpfungskette in einzelne Teilbereiche, zugeschrieben. Vor allem aus Sicht der Rechtsabteilung findet dabei zunehmend ein stärkerer Reflexionsprozess statt. Im Zentrum steht die Frage, welche Aufgaben Rechtsabteilungen selbst erledigen können und welche sie nach außen geben (diese Frage ist sicher nicht neu, lässt sich aber in Verbindung mit Decomposing völlig anders und differenzierter beantworten als auf Basis einzelner Mandate). Dafür wird zunächst analysiert, welche Services-Requests aus dem operativen Geschäft in der Rechtsabteilung nachgefragt werden. Dann wird überlegt, welche Aufgaben komplett nach außen verlagert werden (Outsourcing), damit die Rechtsabteilung sich auf wichtigere Fragen konzentrieren kann. Die zunehmende Zerlegung der Wertschöpfungsleistung bietet viel Potential für Innovation, der damit einhergehende Trend zur Industrialisierung der Leistungserbringung gibt Raum für Prozessoptimierung und Standardisierung.

All das ist aber nicht neu und beschreibt vor allem Trends, die schon seit einigen Jahren zu beobachten sind. Abschließend wurde über den Bereich Produktentwicklung und, damit zusammenhängend, Produktinnovation gesprochen. Auch in diesem Bereich sind vor allem Kanzleien bestrebt, ihre bisherige Betrachtung von Rechtsprodukten zu überdenken und standardisierte und teilautomatische Produktionsverfahren zu entwickeln. Allerdings ist eine Kanzlei mit Forschungs- und Entwicklungsabteilung noch nicht in Sicht.

Wo steht der Rechtsmarkt in fünf bis zehn Jahren?

Neben der Frage, was Innovation bedeutet, welche innovativen Ideen und Konzepte bereits auf dem Markt vorhanden sind und wer der Treiber der Innovation ist, wurde die Frage diskutiert, wo der Rechtsmarkt in fünf bis zehn Jahren stehen und was sich bis dahin verändert haben wird. Alle Panelisten waren der Meinung, dass der Markt in zehn Jahren deutlich anders aussehen wird als heute. Keiner konnte allerdings eine Antwort auf die Frage geben, wie genau er aussehen wird. Ein Panelist betonte noch einmal, dass die Beharrungskräfte größer seien als allgemein vermutet. Der Markt wird sich zwar weiter konsolidieren, dadurch aber nicht grundlegend verändern. Auch disruptive Veränderungen, vor allem im Bereich Technologien, sind zu erwarten; bis diese allerdings implementiert sind, wird noch viel Zeit vergehen; langfristig wird sich der Wert juristischen Wissens dadurch drastisch senken.

Die Vertreter der Rechtsabteilung vermuten eine Zunahme von Nichtanwälten wie Paralegals und Wirtschaftsjuristen. Weiterhin kann davon ausgegangen werden, dass sich der Trend zu immer mehr Zentralisierung wieder umkehren wird und Unternehmensjuristen in fünf Jahren wieder deutlich dezentraler und damit direkt im operativen Geschäft tätig sind. Darüber hinaus wird auch für Rechtsabteilungen Technologie eine zentrale Rolle spielen.

Innovation spielt inzwischen in der Diskussion und im Dialog der Marktteilnehmer eine immer größere Rolle. Dennoch ist bisher nicht klar, in welche Richtung die Reise gehen wird, niemand kann letztlich die Zukunft voraussagen und heute schon abschätzen, welche Treiber einen Innovationsschub auslösen können. Die Paneldiskussion hat das deutlich gemacht und gleichzeitig gezeigt, wie viel Potential Innovation als generischer Begriff wirklich beinhaltet.

Arne.gaertner@law-school.de
Hinweis der Redaktion:
Wenn Sie in das Thema Innovation weiter einsteigen möchten, sei Ihnen das Kapitel von Markus Hauptmann in dem Buch Wegerich/Hartung: Der Rechtsmarkt in Deutschland (F.A.Z.-Buchverlag, 1. Auflage 2014) ­empfohlen. Siehe vertiefend auch den Beitrag von Dr. Bruno Mascello („Innovation als Strategie bei Rechtsmarktveränderungen“, Anwaltsrevue 2/2015, S. 57 ff.) ­sowie zwei Beiträge von Markus Hartung und Arne ­Gärtner [„Disruptive Innovation“, in: Slater, L. (ed.), „Innovation in Law Firms – Insights and Practice“, 2015, und „From idea to action: Transform your law firm with innovation“, Managing Partner Magazine, 09/2013].