Von Patrick Narr, White & Case LLP, Hamburg
Unternehmen sind immer komplexeren rechtlichen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Und weil ihr Geschäft auch zunehmend internationaler wird, kommen noch die Fallstricke unterschiedlicher Rechtssysteme hinzu. Das hat Folgen: Rechtsberatung bleibt immer seltener auf die eigenen nationalen Grenzen beschränkt. Zusammen mit dem härter werdenden Wettbewerb unter den Kanzleien steigen somit die Anforderungen an die Anwälte enorm. Und damit auch die an den Nachwuchs.
Aufgabenstellung für Kanzleien
Dabei ist das gern bemühte „Training on the Job“ zwar ein wichtiger Bestandteil, und in der Tat tun Kanzleien wie Anwälte gut daran, möglichst schnell auf möglichst viel Eigenverantwortung zu drängen. Dennoch bieten die meisten großen Kanzleien zusätzlich umfassende interne Schulungsprogramme, um wichtige persönliche Schlüsselqualifikationen zu fördern. Neben dem Training von Kommunikations- und Präsentationsfähigkeiten stehen heute etwa auch Personalführung oder strategisches Marketing auf der Agenda. Ersteres, weil auch junge Anwälte schnell Verantwortung für andere Mitarbeiter tragen. Letzteres, weil zur guten Leistung auch immer die möglichst gute Vermarktung dieser Leistung gehört. Auch das muss ein unternehmerisch denkender Anwalt können – allein schon, um seine Mandanten besser zu verstehen.
Gesucht werden also Anwälte, die sich zu echten Beratern auf Augenhöhe mit dem Mandanten entwickeln wollen. Denn häufig sind sie nicht nur Rechtsberater, sondern auch Transaktionsmanager und Verhandlungsführer in einer Person. Hier stehen internationale Großkanzleien für viele Berufsanfänger ganz oben. Denn zur Mischung aus herausfordernden Mandaten, grenzüberschreitender Zusammenarbeit und interner Förderung kommt dort im Idealfall noch eine Arbeitskultur hinzu, die auch jungen Anwälten früh eine sehr verantwortungsvolle Rolle zugesteht.
Internationalität und eigenverantwortliche Einbindung in Mandate von Beginn an sind daher neben dem Gehalt die meistgenannten Kriterien für die Entscheidung, bei welcher Kanzlei man anheuert. Aber auch eine gute Arbeitsatmosphäre sowie eine ausgewogene Work-Life-Balance gehören zu den Prioritäten des Anwaltsnachwuchses. Den Berufseinsteigern ist dabei sehr wohl bewusst, dass ihnen ein überdurchschnittlich hohes Arbeitspensum abverlangt wird – das sich allerdings auch in Einstiegsgehältern von zum Teil deutlich über 100.000 Euro widerspiegelt.
Wer hier also Blauäugigkeit vermutet, liegt falsch. Vielmehr stecken dahinter zwei richtige Gedanken. Erstens: Wenn schon viel Zeit für die Karriere aufgewendet werden muss, dann aber bitte ohne Kompromisse beim Arbeitsumfeld. Und zweitens: Auch ein stark vom Beruf bestimmtes Leben sollte genügend Freiräume für die ganz persönliche Lebensplanung lassen.
Dazu zählt auch das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Hier haben große internationale Kanzleien erkannt, dass sie durch flexiblere Beschäftigungsmodelle zum einen wichtige Leistungsträger gewinnen und halten. Zum anderen haben sie durch die Vielfältigkeit ihrer Mandate überhaupt erst die Möglichkeit, etwa mit bestimmten Teilzeitmodellen jonglieren zu können. Die Flexibilisierung zahlt auch noch auf ein weiteres Konto ein: Je vielfältiger die Lebensentwürfe und -hintergründe innerhalb einer Kanzlei sind, desto mehr profitieren davon die „Soft Skills“ aller. Denn wer sich permanent in einem homogenen Orbit bewegt, wird außerhalb dieser Umlaufbahn kein guter Netzwerker.
Das Profil
Sie haben erstklassige Abschlüsse, im Ausland gearbeitet und erste Erfahrungen in Topkanzleien gesammelt: Nie zuvor waren Nachwuchsanwälte so gut ausgebildet wie heute. Gefragt sind heute aber nicht mehr nur Fachkenntnisse, sondern auch unternehmerisches und interdisziplinäres Denken, Kommunikationsfähigkeit sowie Serviceorientierung. Auch in großen Mandaten wird nicht immer ein Heer von Associates aufgestellt, das dann diese Kompetenzen quasi „in Summe“ abdeckt. Vielmehr wird heute erwartet, dass jeder Anwalt selbst eine sehr umfassende Persönlichkeit mitbringt – beziehungsweise bei Einsteigern die Bereitschaft, sich schnell zu einer solchen zu entwickeln.
Kontakt: pnarr@whitecase.com

