Das „More for less“-Paradox

Wenn sich eine These verselbständigt, dann hilft der Praxistest: Ergebnisse einer Umfrage des Bucerius Center on the Legal Profession und des Deutschen AnwaltSpiegels
Von Markus Hartung und Arne Gärtner

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  • (bildungssprachlich) einen (scheinbar) unauflöslichen Widerspruch in sich enthaltend; widersinnig, widersprüchlich
  • (umgangssprachlich) sehr merkwürdig; ganz und gar abwegig, unsinnig

Worum es geht

Seitdem der Rechtsmarkt infolge der Finanzkrise einem konstanten Wandel unterlag und auf den ersten Blick nichts mehr so schien, wie es war, stellte sich die Frage, welche Trends die zukünftige Entwicklung des Marktes maßgeblich beeinflussen. Dieser Frage hat sich Richard Susskind in seinem Buch „Tomorrow’s Lawyers“ erstmals systematisch gewidmet und dabei drei maßgebliche Treiber erkannt: Es sind dies (i) „the-more-for-less challenge“, sodann (ii) der Prozess der „Digitization“ und schließlich (iii) die „Liberalization“, verstanden als zunehmende Deregulierung, insbesondere verbunden mit der Aufhebung des anwaltlichen Beratungsmonopols.

Mit den Folgen der „Digitization“, also den revolutionären oder vielleicht doch nur evolutionären Auswirkungen innovativer Technologie auf die anwaltliche Beratungstätigkeit, haben sich die letztjährige, insbesondere aber die diesjährige Herbsttagung des Bucerius CLP befasst. Es mag zynisch klingen, aber: Die (inzwischen verschobene) Einführung des „beA“, des besonderen elektronischen Anwaltspostfachs, hat für die Breite der Anwaltschaft offenbar höheres Erregungspotential als Watson, der IBM-Supercomputer, der zukünftig alles auf den Kopf stellen soll. Das Thema Deregulierung ist in der deutschen Anwaltschaft auch noch nicht wirklich angekommen; hier fühlt man sich noch in der Komfortzone des Rechtsdienstleistungsgesetzes und einer eher konservativen Standesvertretung geborgen.

Anders ist es mit dem „More-for-less-challenge“: Dieser Trend soll, kurz gesagt, bewirken, dass General Counsels wegen heftigen und zunehmenden Kostendrucks und Sparzwangs 30% bis 50% ihrer Budgets einsparen müssten, mit direkten Folgen für die externen anwaltlichen Berater: Diese sollen angesichts einer immer komplexeren Regulierungsdichte mehr Leistungen erbringen, aber für deutlich geringere Honorare. Dieser Trend bewirkt in Susskinds Worten: „I believe the more-for-less challenge, above all others, will underpin and define the next decade of legal service. The more-for-less challenge will, I expect, irreversibly change the way that lawyers work.“

More for less: Ein Selbstläufer

Diese These ist unglaublich schnell sehr prominent geworden, fast jeder hat sie sofort für bare Münze genommen. Keine Kanzlei, die nicht unter Verweis auf diesen Trend alles Mögliche zu erklären versucht, kein General Counsel, der nicht seinerseits schulterzuckend auf diese Zwänge verweist, wenn die Verhandlungen mit Kanzleien hart werden. Die These hat auch etwas Bestechendes, und wir, die wir alle auch Nachfrager sind, finden das völlig nachvollziehbar.

Aber ist das wirklich der Inhalt dieser These, ist es so simpel? Susskinds Bücher sind so bekannt wie offenbar ungelesen. Im Bucerius CLP untersuchen wir regelmäßig Marktdaten sowie Entwicklungen einzelner Kanzleien. Seit einiger Zeit hatten wir Zweifel, ob die These so, wie sie stets verstanden wird, stimmt. Die aktuellen Wirtschaftsdaten der nach Umsatz führenden deutschen Kanzleien sprachen eher dagegen, waren aber nicht eindeutig, gleiches galt für die Ergebnisse der Juve-Inhouse-Umfrage 2014/2015. Das Bucerius CLP führte daher in Zusammenarbeit mit dem Deutschen AnwaltSpiegel im Oktober und November 2015 eine kurze Umfrage unter Inhousejuristen durch, um ein Stimmungsbild zu erhalten. Von 700 Befragten antworteten 66 Inhousejuristen, also knapp 10%. Das erreicht nicht die Schwelle der statistischen Signifikanz, sondern bleibt im Bereich des „empirischen Impressionismus“. Dennoch meinen wir, dass mit der Zusammenschau der wirtschaftlichen Daten der großen Kanzleien, der Juve-Inhouse-Umfrage und unserer Umfrage eine ausreichend stabile Basis besteht, aufgrund deren wir sagen können: Die These stimmt so nicht.

Die Fakten zeigen …

Zunächst die Zahlen der Kanzleien: Betrachtet man das Segment der 30 nach Umsatz größten Kanzleien in Deutschland, dann stellen wir eine erhebliche Umsatzsteigerung seit 2006 fest. Im Jahr 2006 lag der Umsatz dieser Kanzleien bei etwa 2,7 Milliarden Euro, im Zeitraum 2014/15 lag er bei etwa 3,5 Milliarden Euro. Das ist eine Steigerung um knapp 30%, trotz eines Rückgangs in 2008/09 nach Ausbruch der Finanzkrise. Gestiegen ist auch die Zahl der in diesem Segment beschäftigten Mitarbeiter, von 5.406 im Jahr 2006 auf 6.771 im Zeitraum 2014/15, was einer Steigerung von 25% entspricht. Der Umsatz pro Berufsträger (UBT) als Messgröße der Produktivität stagniert hingegen seit 2007, allerdings auf einem hohen Niveau von über 500.000 Euro, und hat im Zeitraum 2014/15 wieder den Vorkrisenwert des Jahres 2006 erreicht.

… „More“ ja, aber nicht „for less“

Mit aller Vorsicht: Das belegt allenfalls „More“, aber keinesfalls „for less“. Diese Kanzleien konnten ihr Geschäft immerhin so ausbauen, dass trotz des starken Personalwachstums die Produktivität gleichgeblieben ist, was sowohl für eine stärkere Nachfrage wie auch für ein mehr oder weniger stabiles Preisgefüge spricht. Aber: Es ist ein spezielles Marktsegment, und die zur Verfügung stehenden Zahlen haben eher Indizwirkung, für sich gesehen lassen sich daraus keine belastbaren Schlüsse ziehen.

Entscheidend sind: Effizienz, Qualität, intelligentes Ressourcenmanagement …

Unsere Umfrage ergab zunächst, dass die „More for less“-These einem Viertel der Befragten unbekannt war, und von den verbleibenden 74% gaben 41% an, dass sie in ihrer Funktion mit dieser These nicht konfrontiert seien. Die Frage, ob Inhousejuristen von ihren externen Beratern mehr Leistungen für geringere Honorare erwarten würden, beantworteten 41% mit „ja“, 35% aber mit „nein“. Die verbleibenden 24% gaben sehr differenzierte Antworten, die im Wesentlichen belegten, dass Inhousejuristen in den letzten Jahren deutlich professioneller in ihrem Einkaufsverhalten und ihren Erwartungen geworden sind: denn die Erwartungen richten sich auf mehr Effizienz der anwaltlichen Leistungserbringung und zeigen eine geänderte Qualitätserwartung. Damit ist gemeint, dass Mandanten durchaus verstehen, dass anwaltliche Leistungen „ihren Preis haben“, dass sie aber deshalb von den Kanzleien ein intelligentes Ressourcenmanagement erwarten. Hier entsteht also durchaus ein Druck auf das anwaltliche Geschäftsmodell, den wir bereits untersucht und hier beschrieben haben („Die Revolution fällt aus, Unternehmen treiben die Evolution“, Markus Hartung in Deutscher AnwaltSpiegel, Ausgabe 05/2015).

… Arbeitsbelastung in der Rechtsabteilung, interne Budgets

Abgesehen von diesen Einschätzungen haben wir auch nach der Entwicklung der Arbeitsbelastung in den Unternehmen sowie nach der Entwicklung der internen und externen Budgets gefragt. Diese Ergebnisse waren überraschend und sprechen ebenfalls, wie die Entwicklung der Kanzleizahlen, gegen die These des „More for less“.

Über 80% der Befragten gaben an, dass die Arbeitsbelastung gewachsen oder stark gewachsen sei. An „More“ besteht also kaum ein Zweifel, und das deckt sich mit den Umsatzsteigerungen der Kanzleien. Aber die Strategie der Unternehmen ist längst nicht so simpel, wie es die These nahelegt: denn wiederum fast 80% der Befragten gaben an, dass sie den gestiegenen Anforderungen durch Verbesserung der internen Abläufe und Einsparungen bei externen Anwälten gerecht werden würden – nur 4% gaben an, dass Druck auf anwaltliche Honorare im Vordergrund stehe.

… Mitarbeiterzahlen

Befragt nach der Entwicklung der Mitarbeiterzahlen in den Rechtsabteilungen, berichteten 40% der Befragten, die Mitarbeiterzahl sei stark oder sehr stark gewachsen. Nach der Juve-Inhouse-Umfrage waren es sogar 60%. Eine Reduzierung der Mitarbeiterzahlen gab es nach unserer Umfrage bei 30% der Befragten (Juve: 11%, die Erhebungen gleichen sich aber bei den Angaben nach der gleichgebliebenen Zahl). Das ist wiederum ein sehr starkes Indiz gegen den „for less“-Teil der These; es spricht vielmehr dafür, dass Unternehmen auf den Arbeitszuwachs durch Insourcing reagieren. Auch wenn das mittelbar Druck auf Kanzleien ausübt, belegt es nicht die Richtigkeit der fraglichen These.

… und last but not least: Beraterbudgets

Schließlich haben wir nach der Entwicklung der Beraterbudgets gefragt, und auch hier erweist sich die These als nicht haltbar: denn 31% der Befragten gaben an, die Budgets für die externen Anwälte seien gewachsen oder stark gewachsen. In 38% konnte eine Reduzierung der Budgets festgestellt werden, und bei einem Drittel war das Budget gleichgeblieben. Die Juve-Umfrage befasste sich nur mit der Entwicklung der Gesamtbudgets und ist damit nicht vergleichbar.

Daraus folgt: Kein Holzschnitt, sondern ein sehr differenziertes Bild

Betrachtet man diese Informationen zusammen, dann bleibt von der „More for less“-These, so wie sie oft verstanden wird, nur wenig übrig. Richtig ist wohl, dass der Arbeitsanfall in den letzten Jahren (stark) gewachsen ist, dass aber in einer großen Zahl der Fälle sowohl die Zahl der Inhousejuristen sowie externe Budgets (mit-)gewachsen sind. Nur in einem kleineren Teil sind die Zahl der Mitarbeiter und/oder die Budgets kleiner geworden.

Was sind also die Ergebnisse? Unternehmen reagieren auf den verstärkten Arbeitsanfall durch eine Kombination von Insourcing und stärkerer Inanspruchnahme externer Berater. Mitarbeiterabbau und Budgetstreichungen kommen auch vor, aber nicht mehrheitlich. Unternehmen reagieren also professionell auf die veränderte Welt und auch „fair“, wenn sie von Kanzleien eine Beteiligung an dieser Professionalisierung erwarten. Das ist kein Grund für Kanzleien, sich zurückzulehnen, denn gerade die Anforderungen an ein intelligentes Ressourcenmanagement werden eher wachsen. Damit ist verbunden, dass die Rechtsberatung immer weniger nach dem traditionellen Geschäftsmodell akzeptiert wird – „traditionell“ verstanden als Leistungserbringung ausschließlich durch Anwälte.

Weiterhin belegen die Daten das veränderte Qualitätsverständnis von Unternehmen, die sich eher am Output denn am Input orientieren, in einfachen Worten: Es mag sein, dass Anwälte mit voller „Kriegsbemalung“ – Prädikatsexamina, akademische Titel – ihren Preis haben, aber wenn Unternehmensbedürfnisse auch anders befriedigt werden können, dann geht es eben auch ohne. Das wiederum zeigten die Diskussionen auf der diesjährigen Herbsttagung und das viel stärkere Interesse von Inhousejuristen an innovativer Technologie. Wie bereits vorhergesagt, werden Unternehmen die Entwicklungen am Rechtsmarkt weitertreiben, und Kanzleien haben die Wahl, ob sie sich treiben lassen oder auf diese Anforderung professionell reagieren, zum Beispiel: unternehmerisch.

Fazit: „More for less“ ist nicht zu belegen

Und die These „More for less“? Versteht man sie nur schematisch, also mehr Leistungen für weniger Geld, dann ist sie widerlegt, mindestens nicht belegt. Von diesem Verständnis sollten wir uns aber auch verabschieden. Versteht man sie differenzierter, nämlich als Anforderung an Inhousejuristen und externe Anwälte, stets zu prüfen, wie Leistungen von wem am besten und kosteneffizientesten erbracht werden können, dann stimmt sie, und das wird tatsächlich die Art der Leistungserbringung durch Kanzleien verändern – wenn auch langsamer, als es von vielen beschworen wird.

Hinweis der Redaktion:

Markus Hartung ist Mitherausgeber des Werks „Der Rechtsmarkt in Deutschland“. Siehe dazu http://www.fazbuch.de/buecher/buecher-fachbuecher-wirtschaft/management-finanzenrecht-steuern/der-rechtsmarkt-deutschland