Herausforderungen für die Sicherstellung einer kontinuierlichen Marktmissbrauchsüberwachung in Krisenszenarien am aktuellen Beispiel von Covid-19

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Das Investmentbanking musste – wie andere Wirtschaftssektoren auch – sehr kurzfristig neue Wege finden und umfassende Vorkehrungen treffen, um unter den Bedingungen von Covid-19 die Ausübung des Handelsgeschäfts aufrechterhalten zu können. Die Grundlage für die Ausübung des kritischen Geschäftsbetriebs in Krisensituationen oder unter unvorhersehbar erschwerten Rahmenbedingungen bilden die Pläne des sogenannten Business-Continuity-Managements (BCM), auf das in verschiedenen internationalen Standards, so z.B. in der ISO 17799 oder auch in der Zweiten Basler Eigenkapitalverordnung, Bezug genommen wird. In Deutschland beschreiben die Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Kreditinstitute (MaRisk) in der MaRisk AT 7.3 Anforderungen an das Notfallkonzept von Banken. Hiernach ist „für Notfälle in zeitkritischen Aktivitäten und Prozessen (…) Vorsorge zu treffen (Notfallkonzept). Die im Notfallkonzept festgelegten Maßnahmen müssen dazu geeignet sein, das Ausmaß möglicher Schäden zu reduzieren. (…) Das Notfallkonzept muss Geschäftsfortführungs- sowie Wiederanlaufpläne umfassen. Die Geschäftsfortführungspläne müssen gewährleisten, dass im Notfall zeitnah Ersatzlösungen zur Verfügung stehen.“ Bezogen auf das Investmentbanking, bedeutet dies, dass Finanzinstitute üblicherweise Back-up-Standorte für den Handel eingerichtet haben für den Fall, dass Prozesse, Technik oder Standorte durch Ausfälle der kritischen Infrastruktur oder durch Katastrophen kurzfristig nicht zur Verfügung stehen. Die Covid-19-bedingte Anforderung zur Einhaltung eines Mindestabstands zwischen Personen hat fast über Nacht dazu geführt, dass das traditionelle Arbeiten aus Handelsräumen heraus auch unter Nutzung der Back-up-Standorte nicht mehr geeignet war, den Geschäftsbetrieb im Investmentbanking im normalem Maß aufrechtzuerhalten: Sehr kurzfristig wurde das Arbeiten aus dem Home-Office zur neuen Wirklichkeit. Für das Investmentbanking stellte die zwangsläufige Abkehr vom üblichen Modus Operandi eine paradigmatische Veränderung dar, für die bis dahin keinerlei Erfahrung vorlag.

Schnelle Reaktion der BaFin

In ihrer Veröffentlichung vom 12. März 2020 schuf die BaFin unmittelbar nach der schnellen Ausbreitung der Pandemie auch nach Deutschland die aufsichtsrechtlichen Grundlagen für die (temporäre) Aufweichung jener Bedingungen, die üblicherweise in Handelsräumen zur Prävention von Marktmissbrauch wie dem Insiderhandel oder der Marktmanipulation gemäß der Marktmissbrauchsverordnung („Market Abuse Regulation“, MAR) gelten: „Die strengen Regeln im Handelsraum vorübergehend, krisenbedingt für eine Home-Office-Regelung zu lockern, ist aus Sicht der Aufsicht vom Wortlaut der MaRisk gedeckt und bankaufsichtlich vertretbar, wenn nicht sogar – als Teil eines Notfallkonzeptes i. S. von AT 7.3. – in Krisensituationen erforderlich. Bei fehlender Zugangsmöglichkeit zu Büro- und Handelsräumen ist es erforderlich, eine Alternative zu schaffen, um den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten.“ (s. hier). Ebendiese besondere Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs stellt die wirksame Überwachung der Handelsgeschäfte in Banken vor große Herausforderungen. Die BaFin macht deutlich, „dass Handelsgeschäfte außerhalb der Geschäftsräume nur zulässig sind, wenn dies vom Institut klar geregelt und jedes Geschäft sauber dokumentiert ist.“ Im Rahmen der Ausübung der Überwachungsfunktionen ist es auch in Zeiten von Covid-19 verpflichtend, Hinweisen auf potentiellen Marktmissbrauch („Alerts“) nachzugehen und Verdachtsmeldungen („Suspicious Transaction and Order Reports“, STOR) an die BaFin abzugeben. So ergeben sich insbesondere Herausforderungen bei der Aufzeichnung und Kontrolle nichtüberwachter Kommunikationskanäle (etwa Messenger-Dienste wie WhatsApp oder MS Teams) sowie nichtregistrierter Geräte (etwa private Telefone oder Computer). So könnten Händler im Home-Office anders als in den Handelsräumen parallel zu den registrierten Kommunikationskanälen nichtregistrierte Kanäle nutzen, um falsche oder irreführende Signale hinsichtlich des Angebots, der Nachfrageoder des Preises eines Finanzinstruments zu steuern. Eine wirksame Communication-Surveillance ist wegen des Schutzes der Privatsphäre in der häuslichen Umgebung jedoch nicht vorstellbar.

Reaktion der Finanzinstitute

Viele Finanzinstitute holten sich im Zuge der Home-Office-Regelung eine nochmalige schriftliche Bestätigung der Handelsmitarbeiter ein, keine unerlaubten Praktiken anzuwenden, unter expliziter Nennung der mit einem möglichen Fehlverhalten verbundenen Konsequenzen. Auch wurden die Handlungsmöglichkeiten der Händler im Home-Office eingeschränkt: Beispielsweise dürfen aus dem Home-Office nur elektronische Orders, nicht aber telefonische Orders abgesetzt werden. Diese Maßnahmen können sicherlich eine eher opportunistisch getriebene Ausnutzung von Insiderwissen oder Marktmanipulation verhindern – echte kriminelle Energie wird wohl kaum dadurch gestoppt. Auch in der regelbasierten Trade-Surveillance ergeben sich seit Covid-19 erhebliche Herausforderungen: So haben sich etwa die Marktvolumina und -volatilitäten zwischenzeitlich stark erhöht, was dazu führt, dass die in den Überwachungssystemen voreingestellten Schwellen- und Grenzwerte, beispielsweise basierend auf einer Kombination aus historischen Marktvolumina und -volatilitäten der Assets sowie „Professional Judgement“, weit häufiger als normalerweise üblich überschritten werden. (Der „CBOE Volatility Index“, der die Volatilität des S&P 500 repräsentiert, verdeutlicht die hohe Volatilität während der Pandemie, vgl. Reuters 2020: hier) Ergo produzieren die Systeme aktuell eine hohe Anzahl an „Alerts“, die aufgrund ihrer schwachen Güte (d.h. Reliabilität und Validität) zu Schwierigkeiten in der Diskriminierung von „False Positives“ und „True Positives“ im operativen Tagesgeschäft der Überwachungsfunktionen führen. Der damit verbundene deutlich höhere Backlog, der von den Mitarbeitern der Handelsüberwachung zu investigieren ist, führt zudem zu Verzögerungen in der Abgabe von Verdachtsmeldungen an die BaFin. Auch ergab sich parallel zu Covid-19 (und teilweise auch davon befeuert) am Commodity-Markt ein historisches Ereignis. Der Ölpreis für die US-Ölsorte WTI wies für Mai-Kontrakte zum ersten Mal in der Geschichte einen negativen Preis auf. Diese Tatsache hatte einen spürbaren Einfluss auf die Wirksamkeit der Überwachungssysteme, da bis dato keine negativen Preise realistisch vorstellbar waren und demzufolge in der Parametrisierung der Überwachungsregeln auch keine negativen Preise Berücksichtigung fanden.
Gerade die Unsicherheit über die Ursache von Alerts in Kombination mit einem hohen Backlog an zu investigierenden Alerts ist ein geeigneter Nährboden für Marktmissbrauchsversuche.

Es fehlen Erfahrungen im Umgang mit einer solchen Krise

Eine adäquate und dynamische Parametrisierung der durch IT-Systeme unterstützten Überwachungsmethoden und -kontrollen ist auch außerhalb von Krisenzeiten essentiell, wenn auch nicht trivial. Ein situativ und zügig anpassbares „Regelmenü“, das neben historischen Zeitreihen auch Krisenszenarien berücksichtigt, ist eine Grundlage für eine wirksame Trade-Surveillance und für die Aufdeckung von Marktmissbrauch. Ein Erfahrungsschatz im Hinblick auf Überwachungsregeln und deren situative Anpassung ist aktuell jedoch oftmals noch nicht umfassend gegeben. In der Gesamtbetrachtung erweist sich die Ausübung des Handelsgeschäfts, aber insbesondere dessen Überwachung in Zeiten von Covid-19 als komplex.

Was zukünftig in Notfallplänen zu beachten ist

Aus Sicht eines wirksamen BCM ist durchaus die Frage zu stellen, ob die bisherigen Notfallpläne allgemein, aber insbesondere für die kritische Geschäftstätigkeit des Investmentbankings weitreichend genug sind. In der Tat war Covid-19 als spezifisches Ereignis nicht antizipierbar. Allerdings wurde schon seit Jahren von der Pandemieforschung auf die schwebende Gefahr einer weltweiten Pandemie hingewiesen, so etwa in der vom Robert Koch-Institut veröffentlichten Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“ aus dem Jahr 2013. Ergo hätte eine Pandemie durchaus in den Krisenszenarien des BCM Berücksichtigung finden können. Die Erkenntnisse des Risikomanagements – und dazu gehört auch das BCM – zeigen, dass die Enden der Risikoverteilung nicht ausgeblendet werden dürfen, sondern Teil einer umfassenden Risikoanalyse sein sollten. Eine der Lehren aus Covid-19 wird sicherlich sein, im BCM auch den „Certain Uncertainties“ Beachtung zu schenken, also Risikoereignissen, die mit bestehenden Methoden (noch nicht) vollumfänglich gemessen werden können, deren Existenz aber gegeben ist. Auf Basis von Big-Data- und Machine-Learning-Technologien sind heutzutage die Voraussetzungen gegeben, auch neuartige Risikoereignisse „am Horizont zu erkennen“ und in die Risikobewertung einzubeziehen.

Im Hinblick auf die Überwachung des Handelsgeschäfts hat Covid-19 gezeigt, wo die zentralen Schwächen sind:

Eine wirksame Communication-Surveillance kann nur so weit greifen, wie auch die Nutzung nichtlegitimierter und nichtüberwachter Kommunikationskanäle verhindert werden kann. Der Trend zu einem umfassenderem Home-Working im (New) Normal, der sich aus den hiermit gemachten positiven Erfahrungen ableiten lässt, kann wohl nicht vollständig auf das Handelsgeschäft übertragen werden. So sind Mitarbeitergruppen wie Händler, die unmittelbar die Möglichkeit zu Marktmissbrauch haben, wohl zukünftig wieder in den Handelsräumen der Finanzinstitute anzutreffen, wohingegen Mitarbeiter der Überwachungsfunktionen durchaus verstärkt remote arbeiten können. Die technologischen Voraussetzungen hierfür sind bereits heute gegeben.

Im Hinblick auf die Trade-Surveillance zeigt die Covid-19-Krise, dass voreingestellte Grenz- und Schwellenwerte unter neuen Rahmenbedingungen schnell und flexibel in den Überwachungssystemen anpassbar sein müssen. Das ist grundsätzlich keine neue Erkenntnis – allein die Geschwindigkeit des Eintretens der neuen Rahmenbedingungen und der Anpassungsnotwendigkeiten hat Neuigkeitscharakter. Vielleicht hat die Krise an dieser Stelle auch etwas Gutes: Der aus dem kurzfristigen Anpassungsdruck resultierende Impetus führt dazu, dass neue Erfahrungen in der Parametrisierung der Überwachungsregeln gesammelt werden. So kann auf künftige veränderte Umweltbedingungen schneller und angemessener reagiert werden, um die Effektivität der Überwachungsfunktionen auch in Krisenzeiten gewährleisten zu können.

Fazit

Covid-19 hat schwerwiegende gesundheitliche, soziale und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen, auf die sicherlich jeder gern verzichtet hätte. Für die Marktmissbrauchsüberwachung hingegen ergeben sich neue zusätzliche Impulse, die – leider – häufig nur aus Krisensituationen heraus entstehen, nicht jedoch aus dem wünschenswerten Normalfall.

beisele@kpmg.com

srick@kpmg.com

 

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