Im Blickpunkt: Warum sich Unternehmen einen KI-Code-of-Conduct leisten sollten

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Künstliche Intelligenz (KI), ein Schlagwort, das die Wirtschaft im Zuge der Digitalisierung aktuell stark beschäftigt. Sie ist auf dem Vormarsch, und diverse technologische Hürden verschwinden zunehmend. Das ist ein Grund dafür, dass Unternehmen sich immer häufiger die Frage stellen, wie sie diese Technologie für sich gewinnbringend einsetzen können.
Neben der Frage der technischen Umsetzbarkeit sollen algorithmenbasierte Entscheidungssysteme aber auch die menschlichen Fähigkeiten stützen, erweitern und dem Gemeinwohl dienen. Aus Sicht der Deutschen Telekom braucht es ethische Rahmenbedingungen für KI-Systeme. Die zentrale Herausforderung ist es, die KI menschenzentriert und wertorientiert zu gestalten, damit sie dazu dient, die Lebenssituation der Menschen zu verbessern, ihre Grundrechte und Autonomie zu wahren und ihre Handlungsoptionen zu erweitern.

KI-Projekte bei der Telekom AG – „digitale Ethik“ inklusive
Die Deutsche Telekom entwickelt und setzt künstliche Intelligenz ein, um die mit dieser Technologie einhergehenden Vorteile zu nutzen. Beispielsweise bei der Verbesserung der Kundenzufriedenheit, im Netzausbau, bei der Prozessoptimierung oder im Rahmen der Missbrauchserkennung, um nur einige Beispiele zu nennen. Dieses birgt aber auch die Herausforderung, die KI gesetzeskonform sowie regelgerecht einzusetzen und beispielsweise ein Eigenleben (sogenannte „Black Boxes“) oder unerwünschte Nebenwirkungen („Bias“) der KI zu vermeiden.
Um den Transfer der bisher geltenden Wertmaßstäbe und Überzeugungen auf eine KI-Infrastruktur und ihrer Produkte und Services zu erreichen, muss man daher als Unternehmen auch die ethische Dimension, die „digitale Ethik“, berücksichtigen.
Digitale Ethik ist dabei keinesfalls als Mainstream oder Marketingaspekt für ein „Greenwashing“ des Unternehmens zu sehen. Digitale Ethik ist mehr: Sie ist essentielle Basis für den Entwicklungsprozess. Denn nur, wenn die Kunden Vertrauen in die angebotenen Produkte und Services haben, werden sie diese auch kaufen und weiterempfehlen.
Verhaltenskodizes regeln das betriebliche Miteinander auf strategischer Ebene und werden bei Bedarf durch Regelungen und Richtlinien konkretisiert. Ähnlich wie bei den Vorgaben eines Business Code of Conduct können Unternehmen durch die Erarbeitung von selbstbindenden KI-Leitlinien ihre Unternehmenskultur, Fürsorgepflicht, aber auch ihre Anspruchshaltung an Beschäftigte, Organisation und Prozesse formulieren. Und sich dadurch als attraktiver Arbeitgeber und vertrauenswürdiges Unternehmen gegenüber Kunden und Gesellschaft positionieren.
Die Deutsche Telekom vertritt die Inhalte ihrer KI-Leitlinien als Unternehmen nach innen sowie nach außen, so dass Kunden auch weiterhin ihr Vertrauen in das Unternehmen setzen können. Es ist daher auch ein großes Anliegen, dass die Anwender und Nutzer von KI zu einem verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien befähigt werden.
Selbstlernende Systeme brauchen darüber hinaus definierte und von den Entwicklern initial eingepflegte Grenzen, innerhalb deren sie agieren dürfen – die sie aber nicht überschreiten dürfen. Die Programmierer und Techniker, die diese Technologien bereitstellen und verbessern, müssen dies verantwortungsvoll tun. Und sie müssen wissen, woran sie sich orientieren sollen. Denn die KI an sich ist nur ein Werkzeug. Es liegt an uns, den Menschen, zu entscheiden, wie dieses Werkzeug genutzt wird.

KI-Leitlinien als Leitplanken in der Praxis: KI-Code-of-Conduct
Hier setzen die KI-Leitlinien der Deutschen Telekom an. Unsere KI-Leitlinien stellen dar, wie die Deutsche Telekom künstliche Intelligenz und ihre Nutzung sieht, sie bilden die Leitplanken unserer Einsatzgebiete und Anwendungsweise für die KI-Technologie. Sie setzen den Rahmen, der für die Arbeit der Entwickler und Designer und die Zusammenarbeit mit Lieferanten und Partnern benötigt wird, und bieten auch Rechtssicherheit im Umgang mit angebotenen KI-Produkten und Diensten. Dazu gehört beispielsweise auch die Anforderung, bei der Datenerfassung und -auswertung (Big Data) Maßnahmen zum Datenschutz und der Daten- und Ausfallsicherheit zu treffen, während bei der Interpretation (der künstlichen Intelligenz) erwartet wird, dass die verwendeten Algorithmen fehlerfrei laufen und im Vorfeld getestet wurden. Dieser „KI-Code-of-Conduct“ für KI-Prozesse und Anwendungen der Deutschen Telekom wurde Anfang 2018 als einer der ersten in Deutschland und weltweit veröffentlicht.
Die KI-Leitlinien adressieren überwiegend den unausgesprochenen Kern des westeuropäischen Wertekanons. Es geht dabei um Klarheit, Transparenz, Sicherheit, Verantwortung und Vertrauen – Werte, nach denen schon in der analogen Welt gestrebt wurde.
Sie legen beispielsweise fest, dass definiert ist, wer für welches KI-System und welche KI-Funktion verantwortlich ist. In der Praxis der schier unbegrenzten und unschätzbaren Möglichkeiten von KI ein nahezu unmögliches Unterfangen. Aber es ist das Bekenntnis, dass man sich als Unternehmen um die Verantwortung bei der Entwicklung und Nutzung von künstlicher Intelligenz bewusst ist und dies über den gesamten Lebenszyklus pflegt.
Die KI-Leitlinien wurden im Rahmen von ausführlichen Diskussionen mit internen und externen KI-Experten, Beschäftigten unterschiedlichster Disziplinen und Nationen, Kunden sowie verschiedensten Vertretern der Zivilgesellschaft erarbeitet und basieren auf unserem Geschäftsmodell.
Mit den KI-Leitlinien wurde somit ein solider Grundstein zum ethischen Umgang mit künstlicher Intelligenz im Unternehmen gelegt. Aber ähnlich wie beim existierenden Code of Conduct für die „analoge Welt“, der die Verhaltensweisen der Mitarbeiter im Geschäftsalltag definiert, bedarf es weiterer Regelungen und Prozesse, um das Thema auszuformulieren und nachhaltig umzusetzen. Zum Beispiel ist nach Formulierung der strategischen KI-Leitlinien die Ausarbeitung einer KI-Architektur für die Infrastrukturlandschaft sowie einer Professionsethik mit expliziten Vorgaben für Entwickler der nächste logische Schritt.

Compliance als unverzichtbarer Baustein
Zukünftig sollten KI-Entwickler neben ihren Programmierkenntnissen auch eine hohe Affinität zu Compliance haben, um die Potentiale und Risiken von künstlicher Intelligenz im eigenen Unternehmen einordnen zu können. Idealerweise bildet man hierfür ein interdisziplinäres Change-Management-Team, welches Kenntnisse in den Themenbereichen IT (KI), Compliance (Ethik), Sicherheit und Datenschutz, Kommunikation sowie Projekt- und Produktmanagement hat. Es hat sich gezeigt, dass unter den Kollegen allein die Befassung mit dem so wichtigen und sinnstiftenden Thema „digitale Ethik“ sowie der Austausch mit den neuen Ansprechpartnern, die in anderen Fachbereichen arbeiten, aber normalerweise (noch) nichts mit KI zu tun haben, eine sehr hohe Motivation mit sich brachte. Weitere Initiativen zur Operationalisierung der KI-Leitlinien sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden:

  • Die Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zur Funktionsweise und zu den Anwendungsmöglichkeiten von künstlicher Intelligenz an die Beschäftigten ist eine essentielle Voraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung: Zur Schulung und Einführung der Mitarbeiter in die Thematik wurden ein eLearning zum Thema „digitale Ethik“ konzipiert sowie „KI-Roadshows“ national und international mit Vorträgen zu KI-Themen durchgeführt.
  • Zur Qualitätssicherung werden die bestehenden internen Qualitätssicherungsprozesse genutzt, indem zum Beispiel eine Prüfmatrix mit Punkten zur ethischen Bewertung neuer KI-Produkte erarbeitet und eingeführt wurde.
  • KI-Projekte werden direkt beraten und erhalten nach erfolgreicher Prüfung und Qualifizierung ein internes Prüfsiegel.
  • Das „Forum für Digitale Ethik“ der Telekom wurde 2019 eröffnet: Studien haben gezeigt, dass die Bürger beim Umgang mit künstlicher Intelligenz den Unternehmen mehr trauen als den Behörden. Das hat die Deutsche Telekom zum Anlass genommen, um ein Forum zu schaffen, in dem KI greifbar, anschaulich und verständlich ausgestellt ist, und zwar direkt in Berlin, im deutschen und politischen Geschehen.
  • Derzeit entwickelt und testet die Telekom mit Wirtschaftsprüfern (und perspektivisch mit weiteren Partnern) einen Zertifizierungsstandard, der belegen soll, dass die entsprechenden Prozesse und Strukturen für den ethischen und vertrauenswürdigen Einsatz von KI in Unternehmen vorhanden sind. Angemessen und schlank, um das operative Geschäft und seine Schnittstellen als Business-Enabler zu unterstützen.
  • KI-Produkte und Anwendungen enden in der vernetzten Welt weder an geographischen Grenzen noch an der Unternehmenskante. Daher muss die Lieferantenkette im Hinblick auf „KI-Vorprodukte“ ebenfalls betrachtet werden: Im Verhaltenskodex für Lieferanten (Supplier Code of Conduct) werden die KI-Leitlinien des Konzerns in Richtung der Lieferanten umgesetzt. Neben der generellen Rechtskonformität stehen insbesondere Transparenz und klar definierte Verantwortlichkeiten bei der Entwicklung und dem Einsatz von KI-Systemen im Vordergrund.

Fazit
Abschließend lässt sich sagen, dass durch die Befassung mit dem Themenbereich „digitale Ethik“ sowie der Definition von KI-Leitlinien und/oder Verhaltenskodizes es dem Unternehmen erleichtert wird, sich frühzeitig positiv und verantwortungsbewusst zur künstlichen Intelligenz zu positionieren sowie die eigenen Mitarbeiter im Rahmen der Digitalisierung auf die eigene Wertekultur auszurichten und ihnen somit Handlungssicherheit zu geben.
Global betrachtet, werden KI-Produkte und Services die Innovationstreiber für Industrienationen wie Deutschland und Europa sein. Europa und seine Mitgliedsländer können sich im Wettbewerb mit den USA und Asien aber nur über die ethische Debatte und eine vertrauenswürdige KI behaupten. Das sollte motivieren, sich als Unternehmen an dieser Debatte zu beteiligen und sich für ethisches wirtschaftliches Handeln zu positionieren.

manuela.mackert@telekom.de

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