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Die Coronakrise ist nur das jüngste Beispiel dafür, wie Fake News die Wahrnehmung etablierter Strukturen bedrohen können. Doch es gibt neue Wege, der Gefahr zu begegnen. „Eine Lüge reist halb um die Welt, bevor die Wahrheit auch nur die Chance hat, sich ihre Hosen anzuziehen.“ Dass ausgerechnet der Ursprung dieses Satzes oft unklar ist, birgt eine gewisse Ironie. Oft wird er dem Autor Mark Twain zugeschrieben; wahrscheinlicher ist aber, dass er auf den rund 170 Jahre früher geborenen britischen Satiriker Jonathan Swift zurückgeht.
Die Frage nach der Wahrheit bedroht in diesem Fall keine Existenzen. Anders ist das in vielen Bereichen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Wer Erfolg haben will, braucht Integrität: Das, was nach außen kommuniziert wird, muss mit dem in Einklang stehen, was intern tatsächlich geschieht. Seit einigen Jahren beschleunigen massive Makrotrends ein gefährliches Phänomen: Wer die Reputation der Konkurrenz zerstören möchte, hat es heute leichter denn je – unabhängig davon, ob es sich dabei um Unternehmen, Nationen oder Privatpersonen handelt.

Fake News sind mehr als nur unliebsame Nachrichten
Ein probates Mittel, um das integre Außenbild anderer zu zerstören, sind die sogenannten Fake News. Im engeren Verständnis geht es dabei um bewusst in Umlauf gebrachte falsche Behauptungen, die unter dem Deckmantel von Nachrichten daherkommen. Oft sind sie politisch motiviert und sollen der Gegenseite Schaden zufügen. Mancher Verfasser will sich damit auch einen finanziellen Vorteil verschaffen, beispielsweise durch höhere Werbeeinahmen auf einer besonders häufig in sozialen Netzwerken geteilten Website mit sensationsheischender Story.

Drei Ebenen im Kampf gegen Fake News
Wenn es darum geht, Fake News wirksam zu bekämpfen, hilft die Unterscheidung von drei Handlungsebenen.

  • Auf systemischer und globaler Ebene fällt auf, dass ihre vielfältigen Absender Fake News als Waffe der Destabilisierung von institutionellen Strukturen und ihren Akteuren nutzen. Hier stoßen Vereinbarungen zwischen einzelnen Handelnden oder Ländern an ihre Grenzen. Nötig ist vielmehr ein Collective-Action-Approach mit vielen Stakeholdern, der sicherstellt, dass es ein „Fair Battlefield“ gibt – einen gleichberechtigten und verlässlichen Austausch von Informationen, bei dem niemand als Opfer von Fake News in die Schusslinie kommt.
  • Auf der Ebene von Regierungen und Regierungsorganisationen bedrohen Fake News grundlegende demokratische Prozesse. Am Beispiel der USA hat sich gezeigt, wie sie sogar Wahlergebnisse beeinflussen. Weltweit gibt es mindestens ein Dutzend weiterer Fälle, in denen bewusst gestreute Falschinformationen auf diese Art eingesetzt wurden. In der Coronakrise wurde das Phänomen auch am Beispiel der Weltgesundheitsorganisation WHO deutlich. Berichte über Spendenaufrufe von Betrügern, gefälschte Testkits und Präparate, die gegen das neuartige Coronavirus helfen sollen, haben dem öffentlichen Bild der UN-Organisation geschadet.
  • Auf der Ebene individueller Organisationen zeigt sich neben ihrem möglichen Status als Opfer auch ihre Verbindung und Verantwortung als Teil der Gesellschaft. Unternehmen treiben gesellschaftlichen Fortschritt und können mit ihren Lösungen aktiv den Kampf gegen Fake News unterstützen. Untersuchungen wie das „Edelman Trust Barometer“ zeigen immer wieder, dass Stakeholdergruppen zunehmend Wert darauf legen, dass sich Unternehmen bei solchen gesellschaftlichen Themen einbringen.

Hinzu kommt eine persönliche Ebene: Jeder Einzelne braucht Medienkompetenz, um vertrauenswürdige Quellen von solchen unterscheiden zu können, die es nicht sind, und muss wissen, wie sich einzelne Behauptungen schnell überprüfen lassen. Auch hier ist ein Zusammenspiel zwischen Bildung, Informationsproduzenten und kritischem Individuum erforderlich, um Fake News angemessen zu begegnen.

Welche Makrotrends Fake News begünstigen
Wie aber konnten die Falschnachrichten überhaupt zu einer so großen Gefahr werden? Wer einen Schritt zurücktritt und gesellschaftliche Trends überdenkt, findet erste Lösungsansätze.

  • Durch die Digitalisierung und die damit verbundene Individualisierung unseres Verhaltens können Fake News leichter gestreut werden. Immer mehr Menschen konsumieren Informationen online, ihre digitalen Fußabdrücke erleichtern das Targeting mit jenen Informationen, die besonders effektiv ihre Emotionen ansprechen.
  • Der Nachrichtenkonsum verlagert sich – weg aus einsehbaren Massenmedien hin ins Individuelle. Facebook-Newsfeeds waren der Anfang, Informationsvermittlung über TikTok-Videos ist der aktuell jüngste Trend. Empfänger basteln sich ihr eigenes Medienset zusammen und sind dabei in oft kaum regulierten Netzwerken anfälliger für böswillige Akteure.
  • Die Auseinandersetzung mit tiefsinnigen Inhalten und Themen geht zurück, und Aufmerksamkeitsspannen sinken. Knallige Überschriften mit betrügerischen Informationen dringen schneller ins Bewusstsein.
  • Neue technologische Möglichkeiten eröffnen Manipulatoren auch neue Chancen. Sie können ihre Informationen schnell sehr viel breiter streuen – was früher ein Florett war, ist heute ein Flächenbomber.
  • Häufig unterschätzen Konsumenten die Absichten und Interessen einiger Stakeholdergruppen. Unsicherheit und Angst machen Menschen zusätzlich verwundbar und anfällig dafür, Fake News für bare Münze zu nehmen.

Lösungsansatz in akuten Krisen: die Verbindung von Menschen und Systemen
Dass staatliche wie nichtstaatliche Akteure mit Falschinformation versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, ist freilich nichts Neues. Es gibt etablierte Strategien, um ihnen zu begegnen: Eine wahrheitsgetreue, integre Unternehmenskultur schaffen, Cybersecuritystrukturen stärken, um Datenlecks zu verhindern, soziale Netzwerke und Interaktionen verstärkt überwachen und Krisenpläne erstellen, um im Notfall gerüstet zu sein und schnell handeln zu können.

Krisen wie die Coronapandemie wirken aber wie ein Brennglas: Sie zeigen überdeutlich, wie groß der ausgelöste Schaden sein kann – am Beispiel der WHO reicht er bis hin zum breiten Infragestellen einer etablierten internationalen Organisation mit weltweiten, nachweisbaren Erfolgen im Bereich Public Health. Bisherige Strategien greifen dabei nicht schnell genug, um komplexen aktuellen Nachrichtenlagen zu begegnen. Das ausschließliche Prüfen von Informationen durch einzelne Redakteure ist angesichts der Breite des Informationsangebots undenkbar. Wer sich ganz und gar auf Computersysteme mit ihren Sentiment-Analysen verlässt, übersieht möglicherweise Absichten und Zusammenhänge.
Neue Ansätze kombinieren deshalb beide Methoden – beispielsweise, indem verstärkt auf „Open-Source Intelligence“ (OSINT) gesetzt wird. Intelligente Systeme bringen diese online frei verfügbaren Informationen mit den konkret gesendeten Inhalten zusammen: Es werden etwa Profile auf Redaktions- und Branchenwebsites ausgewertet, um die Verlässlichkeit eines Redakteurs zu bewerten. Abgesehen von der reinen Bewertung des Absenders kann der Inhalt selbst schnell mit OSINT abgeglichen werden, unter anderem in Bezug auf Länderdaten oder die Historie von Organisationen. Das Zusammenspiel von OSINT und AI-Systemen bietet schon jetzt vielversprechende Ansätze, um Reaktionszeiten zu verkürzen und so die Verlässlichkeit von Informationen zu erhöhen.

Katharina.Weghmann@de.ey.com

Jens.Paulus@de.ey.com

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