In der aktuellen Coronakrise zeigt sich massiv, dass tatkräftiges Krisenmanagement gefragt ist – und das Lernen darf auch keine Pause machen

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Wie gut ist das Krisenmanagement in deutschen Unternehmen? Die Antwort auf diese theoretische Frage wird sich leider sehr schnell in der Praxis zeigen: Die Coronakrise ist da und wird bei vielen Unternehmen zu Produktions- und Nachfrageausfällen führen. Potentiell betroffen sind im Prinzip alle Unternehmen: Erste Auswirkungen spüren derzeit vor allem international agierende Unternehmen, aber auch regionale Firmen wie Messebauer oder Hotels. Es ist ungewiss, wie stark sich die Krise auf die gesamte Wirtschaft, ihre Lieferketten und Abhängigkeiten auswirken wird. Aber für viele Unternehmen wird sie mit deutlichen Einbußen verbunden sein. Die aktuelle Lage ist gleichermaßen eine Bestätigung für viele Krisenmanagementbeauftragte, deren harte und beharrliche Arbeit nun Früchte tragen kann, und eine Botschaft für alle (Top-)Manager, die das Thema in ruhigen Zeiten möglicherweise zu wenig priorisiert haben. Wenn Unternehmen noch nichts in Sachen Krisenmanagement unternommen haben, sollten sie spätestens jetzt damit anfangen – es ist höchste Zeit.

Eine Krise ist eine Krise – und die nächste kommt bestimmt
Ursprünglich sollte das brisante Sonder­­- t­hema „Datendiebstahl in Unternehmen“ im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen. Der weltweite Ausbruch des Coronavirus hat uns jedoch dazu veranlasst, die Coronakrise unter die Lupe zu nehmen: Denn eine Krise ist eine Krise. Für die Abläufe in Krisensituationen spielt es im Grunde keine Rolle, ob Cyberkriminalität oder ein Virus wie Covid 19 die Ursache ist.
Hier soll es weniger um die Ad-hoc-Maßnahmen wie etwa das Abziehen von Mitarbeitern oder die Meidung von potentiell infizierten Kontakten gehen – all dies ist bekannt. Ein resilientes Krisenmanagement ist vielschichtiger und weitblickender als diese Erstmaßnahmen, so wichtig sie auch sind. In diesem Beitrag wollen wir Ihren Blick vielmehr auf das Lernpotential lenken, das die aktuelle Stresssituation bietet.

Ein Stresstest: Hausaufgaben sollten vorher gemacht sein!
Eine Krise ist ein Stresstest für alle Unternehmen. Je nach ihrem Wesen können Krisen ganz unterschiedlich verlaufen: Es gibt Krisen, die eruptiv sind und Unternehmen ad hoc angreifen – bei Cyberattacken ist das häufig der Fall, wenn etwa die IT eines Unternehmens von jetzt auf gleich lahmgelegt wird. Die Coronakrise verläuft dagegen evolutiv, und das bietet auch Phasen, um erste Lehren und Erkenntnisse festzuhalten.
Typische Erstmaßnahmen in Krisensituationen, um die vorrangigen Gefahrenpotentiale zu entschärfen, stehen natürlich im Vordergrund. Viele von Krisenmanagementbeauftragten vorab durchdachte und vorbereitete Krisenmanagementstrukturen und -abläufe greifen vermutlich und zeigen dem Top-Management, dass Investieren in diese spezielle Managementdisziplin in Sondersituationen helfen kann, rascher und systematischer Krisenherausforderungen zu bewältigen. Auch Business-Continuity-Pläne zu aktivieren, mit dem Ziel, die wichtigsten Prozesse am Leben zu halten und ebenso eine vertrauensbildende Kommunikation zu etablieren, ist von großer Bedeutung und wird von vielen Unternehmen aktiv betrieben.
Und gleichzeitig bietet jede Krise die Chance, wichtige Erfahrungen zu sammeln, Auswirkungen zu reflektieren und aus dem Geschehen zu lernen. Es klingt absurd, ist aber Fakt: Die aktuelle Coronasituation schenkt uns Zeit, weil Reisen, Meetings und Veranstaltungen abgesagt, Mitarbeiter nach Hause geschickt und Projekte verlangsamt werden. Diese Zeit gilt es zu nutzen, um bereits jetzt die Ist-Situation zu betrachten und um daraus zu lernen. Damit die Resilienz für das, was noch kommen mag, gestärkt wird.

Verstehen, um auch in Zukunft zu bestehen
Das strukturierte Reflektieren von Erfahrungen in Krisen­situationen ist wichtiger denn je und sollte nicht aufgeschoben werden, bis die Krise irgendwann ein Ende findet. Alle Unternehmen müssen heute fähig sein – insbesondere in den sogenannten „chronischen“ Krisenverlaufsphasen – bereits parallel geschickt die Lerneffekte festzuhalten. Heute sprechen wir noch über die Coronakrise, während andere Krisen dabei sind, sich weiterzuentwickeln und schon morgen zum nächsten Krisenherd werden. Flüchtlingsströme, Cyberspionage, Naturkatastrophen – all diese Krisen werden im Moment vielleicht von aktuellen Ereignissen überlagert. Dies heißt aber nicht, dass sie nicht irgendwann Realität werden.
Für Unternehmen gilt allgemein: Es ist nur eine Frage der Zeit, wann ein Unternehmen (wieder) konfrontiert, angegriffen oder getroffen wird. In jedem Fall ist ein etabliertes Krisenmanagementsystem insbesondere mit einem definierten Team inklusive erfahrener Führungskräfte, unterstützender Hilfsmittel, wie etwa Krisenpläne/Verfahrensanweisungen/Checklisten, sowie einer digitalen/virtuellen Kollaborations-App(likation) mehr als nur nützlich, um rasch, strukturiert und besonnen, aber auch tatkräftig reagieren zu können.

Kontinuierliche Überprüfung des eigenen Krisenmanagements

  • Stellen Sie sich gerne in einer „Lernpause“ ein paar erste entscheidende Fragen zur aktuellen Stresssituation:
  • Inwieweit waren Sie mit soliden Krisen- und Notfallplänen vorbereitet?
  • Haben Sie in Ihrem Krisenteam die richtigen Leute mit den richtigen Fähigkeiten und den richtigen Ressourcen?
  • Haben Sie rechtzeitig und angemessen auf die Situation reagiert?
  • Wie effektiv ist Ihre interne und externe Krisenkommunikation?
  • Sind Ihre Führungskräfte in hohem Maße präsent?
  • Was haben Sie richtig gemacht? Was könnten Sie besser machen?
  • Wenn Sie die Uhr zurückdrehen könnten, was würden Sie anders machen?

Krisenteams in deutschen Unternehmen – Stand der Dinge
Wie weiter oben erwähnt: Eine Krise ist eine Krise, welche Ursache ihr auch immer zugrundeliegt. Im akuten Krisenfall durch Corona gibt es naturgemäß noch kaum Daten. Aber wir haben Unternehmen in Sachen Datendiebstahl und Cyberkriminalität befragt und dabei großen Handlungsbedarf entdeckt. Laut der „Datenklau“-Studie von EY (2019) zum Thema „Datenklau: Virtuelle Gefahr, reale Schäden“ hat knapp die Hälfte der 453 befragten deutschen Unternehmen kein zentrales Krisenteam etabliert. Angesichts der Tatsache, dass jedes Unternehmen durch einen Angriff potentiell gefährdet ist, sind diese Zahlen alarmierend.
Kommt erst im Ernstfall die Frage auf, wer alles eingebunden werden muss, wer welche Aktionen durchführen und wie die interne und externe Kommunikation ablaufen soll, geht viel und wertvolle Zeit verloren. Schnelle Reaktionszeiten und ein konzertiertes Agieren im Notfall sind unabdingbar, um desaströse Folgen für das betroffene Unternehmen zu vermeiden. All dies funktioniert aber nur mit einem eingespielten Krisenteam, den richtigen Strukturen und Abläufen – und mit regelmäßiger Übung.
Vielleicht müssen sich die Entscheidungsträger mit dem Gedanken, immer von Krisen besucht zu werden, anfreunden. Das geht zum einen durch kontinuierliche Analysen, welche (Krisen-)Risiken oder welche Arten von Krisen für eine jeweilige Organisation identifiziert werden, sowie zum anderen durch regelmäßiges Üben von Abläufen im Krisenmanagement. Und dabei darf eben nicht vergessen werden, aus akuten Krisen wie aktuell Corona, so schlimm sie auch anmuten, zu lernen.

Tue das Richtige und rede darüber
Ein paar abschließende Worte zur Kommunikation: Im Krisenfall schafft eine geeignete interne Kommunikation zur Situation, zu ergriffenen Maßnahmen und Handlungsoptionen für die Beschäftigten Klarheit, Vertrauen und Ruhe. Panik unter den Mitarbeitern ist in keinem Fall der Krisenbewältigung förderlich.
Eine souveräne externe Krisenkommunikation kann zusätzlich die schädlichen Folgen von Krisen abfedern: Sie schafft Vertrauen unter den Stakeholdern und kann Imageschäden regulieren. Kommunikation ist demnach deutlich mehr als ein Add-on – ganz besonders in Zeiten, in denen die Social-Media-Kanäle schneller heiß laufen, als manch einem lieb ist.
Während der Krise ist nach der Krise ist vor der Krise. Krisenmanagement ist und bleibt eine Königsdisziplin. Aber oft auch eine Randdisziplin, die erst dann geschätzt wird, wenn sie dringend benötigt wird.

EY-Crisis-Watch: ein Modell zur ­Entwicklung von Krisenmanagementfähigkeiten
EY bietet ein praxiserprobtes Modell, um Unternehmen dabei zu unterstützen, mit der „Königsdisziplin“ Krisenmanagement umzugehen – die EY-Crisis-Watch.
Die EY-Crisis-Watch bildet den allgemeinen Krisenmanagement-Zyklus (Prävention – Detektion – Reaktion – Remedierung) und die damit verbundenen Faktoren ab, wie etwa „auslösende Ursachen“ (Triggers), „Auswirkungen“ (Dimensions) sowie „benötigte Kompetenzen“ (Skills). Die auf Seite 6 gezeigte Abbildung „EY Crisis Watch“ verdeutlicht dies grafisch.
Die EY-Crisis-Watch hilft z.B. dabei, Krisenszenarien besser zu verstehen und das vorzubereiten, zu planen und zu trainieren, was in der aktuellen Coronakrise ganz besonders gefragt ist: die Fähigkeit, systematisch, flexibel und effektiv auf krisenhafte Situationen oder kritische Entwicklungen reagieren zu können. Darüber hinaus legt sie das Augenmerk auf die kontinuierliche Weiterentwicklung der bestehenden Krisenmanagementorganisation wie auch der Abläufe, Pläne und Instrumente.
Dass die Krisenuhr unaufhörlich tickt und ständig alle Phasen durchläuft, muss nicht besonders erwähnt werden. Und Top-Manager, Unternehmenslenker und Entscheider können sich ganz einfach an dem Verlauf der Crisis-Watch orientieren und phasengerechte Aktivitäten auslösen, um die Krisenmanagementfähigkeiten weiterzuentwickeln.

jens.greiner@de.ey.com

christian.muth@de.ey.com

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