Wie Virtual und Augmented Reality das Arbeitsleben verändern werden

Artikel als PDF (Download)

 

In den vergangenen zwei Jahren haben Büro-Mitarbeitende im Homeoffice gearbeitet und sich während der Pandemie virtuell in Teams- oder Zoom-Meetings getroffen. Derzeit diskutieren sie über Return-to-Office-Regelungen und wie das Büro der Zukunft aussehen soll. Gleichzeitig entwickeln sich eigenständige Ökosysteme unter dem Begriff Metaverse, eine neue Art des Internets und der virtuellen sozialen Interaktion mit Avataren und eigenen Währungen. Was bedeutet diese Entwicklung für die Arbeitswelt, und wie wird ein ganz normaler Arbeitstag in Zukunft aussehen?

Zusammenarbeit und intelligenter Einsatz von HR-Ressourcen

Das zukünftige Arbeitsleben und die zukünftige Zusammenarbeit können durch virtuelle Realitäten ergänzt werden oder komplett virtuell stattfinden. Unter dem Begriff „virtueller Zwilling“ versteht man die virtuelle Abbildung von einzelnen Produkten oder Gegenständen. Es ist aber auch möglich, gleich ganze Produktionsanlagen und Konstruktionstechniken virtuell abzubilden. Auf diese Weise lassen sich die Abläufe und ineinandergreifenden Prozesse analysieren, anpassen oder neu organisieren. Bevor eine Anlage tatsächlich gebaut wird, kann sie virtuell in Betrieb genommen und getestet werden. Bereits jetzt sind eigene Firmen-Metaverse, die man virtuell begehen kann, oder virtuelle Arbeitsbereiche, in denen sich Mitarbeitende beziehungsweise ihre Avatare künftig miteinander oder mit Externen treffen, um an einem 3D-Objekt zu arbeiten, Realität. Die dadurch entstehenden Möglichkeiten und damit verbundenen Arbeitsweisen könnten Teil der Antwort auf den immer größer werdenden Fachkräftemangel sein. Kommt es nicht mehr so sehr darauf an, wo man sich genau befindet, können Teams und Ressourcen anders und effizienter geplant werden.

Es geht aber nicht nur um Mitarbeitende, die im Büro arbeiten. Ein Großteil der Tätigkeiten findet außerhalb des Büros statt. Auch in diesem Bereich entstehen insbesondere durch Augmented Reality (AR) und Artificial Intelligence (AI) neue Möglichkeiten für die Bearbeitung von Aufgaben und die Personaleinsatzplanung. Benötigt beispielsweise ein Service-Mitarbeiter Unterstützung bei einem technischen Problem beim Kunden, kann sich ein Experte remote zuschalten und bei der Problemlösung helfen.

Das Metaverse und die damit im Zusammenhang stehenden Technologien werden Einfluss darauf haben, wie wir Arbeitsbereiche und Prozesse gestalten. Informationen können für den relevanten Personenkreis, auch bezogen auf ein Produkt, besser und effizienter bereitgestellt werden.

Recruiting und Onboarding

Der Aufbau eines firmeneigenen Metaverse ist nicht zuletzt auch Werbung für Unternehmen. Die Bewerbungsgespräche finden häufig schon in Form von Videokonferenzen statt. In einem nächsten Schritt können sich Arbeitgeber und Bewerber virtuell im Metaverse treffen. Die Mitarbeitenden der Zukunft, die mit Videospielen wie Fortnite aufwachsen und virtuelle Konzerte normal finden, haben wahrscheinlich eine eigene Vorstellung von interessanten Unternehmen und Arbeitgebern. Deswegen mag die Überlegung im Sinne eines Employer Brandings, ob ein Unternehmen „Land“ im Metaverse kauft und ob dieses „Grundstück“ eher neben Adidas oder in der Nachbarschaft von Snoop Dogg liegt, gar nicht so abwegig sein.

Arbeits- und Gesundheitsschutz

Es wird zu beobachten sein, wie sich die Arbeit im Metaverse oder mit AR-/VR-Brillen auf die psychische Gesundheit auswirken wird, sobald die Geräte und die Plattformen regelmäßig genutzt werden.

Insbesondere wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben noch stärker verschwimmen, sind betriebliche Regelungen zu Erholungs- und Pausenzeiten sinnvoll. Es wird wichtig sein, die Mitarbeitenden für diese Themen zu sensibilisieren und Beeinträchtigungen vorzubeugen. Andererseits können Unternehmen virtuelle Sicherheitstrainings und Schulungen für gefährliche Arbeitsumgebungen nutzen oder Notfallszenarien üben, ohne sich selbst zu gefährden oder den Betrieb zu stören.

Entstehung neuer Arbeitsplätze, Qualifizierung und Smart Learning

Durch das Metaverse und die damit zusammenhängenden Technologien werden sehr wahrscheinlich neue Arbeitsplätze entstehen. Sie bieten die Möglichkeit, eigene Mitarbeitende für neue Aufgabenfelder zu qualifizieren. Virtuelle Schulungen können dazu beitragen, Inhalte besser und anschaulicher beziehungsweise immersiv zu vermitteln.

Essentiell wird es sein, dass Mitarbeitende den Einsatz neuer Technologien und Werkzeuge oder die Nutzung des Metaverse als neue Plattform akzeptieren. Aus diesem Grund werden Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden im Umgang hiermit schulen müssen.

Datenschutz und Überwachung

Die Digitalisierung der Arbeitsumgebung und Arbeitsprodukte erzeugt zwangsläufig sehr viele Daten. Dasselbe gilt für Informationen über Mitarbeitende, die mit und in diesem digitalen Umfeld arbeiten. Es liegt im unternehmerischen Interesse und wird Teil neuer Aufgaben sein, dass Mitarbeitende Inhalte erstellen, diese weiterentwickeln und im Tagesgeschäft testen. In diesem Zusammenhang ist auch an den Einsatz von KI zu denken.

Die Erstellung von Inhalten und die damit verbundenen Daten machen es gleichzeitig möglich, nachzuvollziehen, wer, wann, wie lange an welchem digitalen Produkt gearbeitet oder sich im Firmen-Metaverse aufgehalten hat. Eine Überwachung und Aufzeichnung der Arbeitsleistung oder des Verhaltens bei der Arbeit ist technisch einfach umzusetzen. Gleichzeitig können durch VR-Brillen, Kameras, Mikrofone und Sensoren, durch die Nutzer in das virtuelle Erlebnis eintauchen sollen, Gestik, Mimik und emotionale Reaktionen sowie das (private) Umfeld aufgezeichnet werden. Es handelt sich um äußerst sensible Daten, die Arbeitgebern Informationen über biometrische Daten, Gesundheit, religiöse Überzeugungen oder die Herkunft geben. Arbeits- und datenschutzrechtlich sollte überprüft werden, welche Daten der Arbeitgeber erhält und ob beziehungsweise in welchem Umfang er diese nutzen oder auswerten kann oder darf.

IT-Lösungen liefern genau zu dem Zweck Analysetools, um nachzuvollziehen, wer sich in welchem virtuellen Raum aufgehalten und welche Inhalte wie lange genutzt hat. In Bezug auf das Besucherverhalten von Kunden sollen darüber hinaus Blickrichtungen und Laufwege erkannt werden. Datenschutzrechtlich sollte vorher der Einsatz solcher Analysetools insbesondere im Hinblick auf Mitarbeiterdaten geprüft werden. Zudem folgen daraus Informations- und Dokumentationspflichten. Gibt es Arbeitnehmervertretungen in einem Unternehmen, ist an die weitreichenden Mitbestimmungsrechte zu denken. Betriebsvereinbarungen können hier auch als datenschutzrechtliche Rechtsgrundlage in Betracht gezogen werden.

Geschäftsgeheimnisschutz und Datensicherheit

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Schutz von Geschäftsgeheimnissen. Unternehmen müssen sicherstellen, dass nur berechtigte Personen Zugang zu betriebsinternen digitalen Informationen erhalten. Wie sieht es aber aus, wenn die digitale Identität gestohlen oder vom Mitarbeitenden unbefugt zur Verfügung gestellt wird und sich Dritte Zugang zu betriebsinternen Bereichen und Informationen verschaffen? Datensicherheits- und Compliance-Management-Systeme sollten diese Szenarien abdecken.

Diskriminierung und Schutz der Mitarbeiter

Es werden sich auch neue Fragen stellen, beispielsweise ob Arbeitgeber vorgeben können, wie Avatare im Arbeitskontext aussehen sollen. Können Arbeitgeber Vorgaben machen, oder darf ein Mitarbeitender auch sein Aussehen oder Geschlecht verändern? Diskriminierungen sind jedenfalls zu vermeiden. Im Hinblick auf das Verhalten in einer virtuellen Umgebung sind bestehende Regelungswerke anzupassen. Auch im Metaverse gilt, dass Mitarbeiter zu schützen sind, wenn in der virtuellen Welt Grenzen überschritten werden und Belästigung oder Mobbing stattfinden.

Compliance

Neue Technologien eignen sich häufig als Compliance-Werkzeuge. Im Zuge der Entwicklung des Metaverse und der Einsatzmöglichkeiten von AR oder VR sollten neu entstehende Prozesse in Compliance-Management-Systeme aufgenommen und Vereinfachungen dieser Prozesse durch diese Technologien in Betracht gezogen werden. Über eine AR-Brille kann beispielsweise überprüft werden, ob der Mitarbeitende Handschuhe trägt, die zwingend als Schutzausrüstung oder zur Einhaltung von Hygienevorschriften vorgeschrieben sind.

Aus HR- und arbeitsrechtlicher Sicht erleben wir spannende Entwicklungen, die sich direkt auf unseren Arbeitsalltag und unsere Wahrnehmung auswirken werden. Sie bieten neue Chancen und Möglichkeiten, aber auch Herausforderungen und Risiken.

 

j.krupa-soltane@taylorwessing.com

Aktuelle Beiträge