„Going Digital, Going International“ – rege Diskussionen und Austausch über Digitalisierungsideen bei Inhouse Matters

Artikel als PDF (Download)

 

Als sich am späten Abend des 2. Dezember 2019 auch die letzten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung Inhouse Matters verabschiedeten, konnte noch niemand ahnen, dass ein Virus schon bald die Welt in Atem halten und das gesellschaftliche Leben für lange Zeit lahmlegen würde. Nun war es aber am 12. Dezember 2022 endlich wieder so weit: Die Netzwerkveranstaltung Inhouse Matters fand unter dem Titel „Going Digital, Going International“ statt. Rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer trotzten sowohl den Wetterbedingungen als auch der Erkältungswelle und füllten das Auditorium der Frankfurt School of Finance und Management.

Begrüßung

Die Begrüßung übernahmen Prof. Dr. Thomas Wegerich, Herausgeber der Magazine der Produktfamilie Deutscher AnwaltSpiegel und stellvertretender Vorstandssprecher des Bundesverbands der Wirtschaftskanzleien in Deutschland, Erwin Stickling, Mitglied der Geschäftsleitung der F.A.Z. Business Media GmbH, sowie Prof. Dr. Thomas Weck, Associate Professor für Öffentliches Recht, Regulierungsrecht und Rechtsvergleichung an der Frankfurt School of Finance & Management.

Prof. Dr. Weck nannte die drei aktuellen Herausforderungen, die nicht nur den Rechtsmarkt bewegen:

1. Ukrainekrieg
Der Ukrainekrieg wird hybrid, also auch digital, mit sogenannter Ransomware geführt und hat die Schädigung westeuropäischer Unternehmen zum Ziel. Mit dem Rechtsakt DORA (Digital Operational Resilience Act), den der Rat der Europäischen Union Ende November verabschiedet hat, soll in einem ersten Schritt die Cybersicherheit von Finanzinstituten gestärkt werden.

2. Office-Software
Das Microsoftprogramm Office ist nicht DSGVO-konform. Unternehmen tragen für die Nutzung die Verantwortung und müssen ihre Prozesse nicht nur sicherstellen, sondern auch nach Art. 5 Abs. 2 DSGVO nachweisen.

3. Digitale Dienstleistungen
Digitale Dienstleistungen sind ein neues Feld für die Industriepolitik und eröffnen viele Chancen.

Keynote

Nach der Vorstellung des weiteren Programms sowie der Sponsoren hielt Dr. Thorsten Lieb, stellvertretender Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestags, die Keynote-Rede: „Wirtschaftsrechtliche Leitplanken der Politik in dieser Legislaturperiode – was zu tun ist, was wir (bis wann) erreichen können, was wir vom Ausland lernen können“.

Dr. Lieb referierte über die Vorhaben der Ampelkoalition und über bisher umgesetzte und derzeit laufende Projekte wie das Zukunftsfinanzierungsgesetz, welches Deutschland als Finanzstandort attraktiver machen soll. Schließlich stellte Dr. Lieb noch seinen ganz persönlichen Schwerpunkt vor, nämlich den Schutz des geistigen Eigentums, und gab Impulse zu Patent- und Urheberrecht. Bei Letzterem regte sicherlich das Thema „Streaming“, verbunden mit der Frage, ob alle Musikschaffenden wirklich so viel verdienen, wie sie verdienen sollten, zum Nachdenken an.

Panel I: Legal Departments

Weiter ging es mit „Rechtsabteilungen in und nach der Krise – Das ‚New Normal‘ ist längst da: Wer macht was gut? Was zeigt der Blick ins Ausland?“ Die Diskutanten Dr. Silke Engel (Coca-Cola Europacific Partners), Dr. Claudia Junker, LL.M. (Deutsche Telekom AG), Martin Clemm (Software AG) und Dr. Martin Fischer (Celanese AG) berichteten unter der Moderation von Prof. Dr. Thomas Wegerich über ihre Erfahrungen mit Homeoffice und Mitarbeitermotivation in den vergangenen zweieinhalb Jahren. Im Ohr blieb vor allem die Aussage von Martin Clemm: „Resilienz entsteht in einer Gruppe. Gemeinschaft stärkt also den Geist.“ Auf dieses Zitat kam an diesem Tag noch öfter der eine oder die andere zurück.

Panel II: Law Firms

Unter dem Titel „Lernen aus der Krise, fit für die Zukunft – Strategie und Management im Rechtsmarkt: Welche Stellschrauben für Veränderung und Innovation gibt es? – Wo stehen die wichtigen ausländischen Rechtsmärkte?“ moderierte Prof. Dr. Bruno Mascello, LL.M. (Universität St. Gallen), das Panel II, das mit Managing-Partnern von Kanzleien besetzt war. Wie bereits in Panel I berichteten Dr. José Campos Nave (Rödl & Partner), Christof Kleinmann (GvW), Dr. Andrea Panzer-Heemeier (Arqis) und Markus Sengpiel (Luther) ebenfalls über die Arbeitsweise, die sich seit der Coronapandemie etabliert hat. Einig waren sich die Panelisten, dass die Anforderungen an jeden Einzelnen gestiegen seien und sich herausgestellt habe, wer als Führungskraft auch virtuell sein Team begeistern und abholen könne, und dass nicht alles – Stichwort: Standorteröffnung – digital abzubilden sei. Es müsse in dem „New Normal“ eine Balance zwischen physischer Anwesenheit und mobilem Arbeiten gefunden werden.

Cyberthreats – Cybersecurity

Kurzweilig ging es am späten Nachmittag beim Impulsvortrag von Birgit Hess zu. Die Bioingenieurin machte in ihrer Rolle als Cybersecurity-Awareness-Expertin darauf aufmerksam, wie uns unser Gehirn in Stresssituationen austrickst, aber auch, wie wir es schaffen können, nicht überstürzt und unüberlegt zu handeln. Als Beispiel nannte sie den Eingang einer E-Mail, die einem nicht vertrauenswürdig vorkomme, und unsere Reaktion hierauf. Da ein Trigger (in diesem Fall die E-Mail) nur 90 Sekunden benötige, sei ihr Tipp: „Durchatmen!“ Zudem sprach sie sich für eine positive Fehlerkultur aus.

Der Bundesverband der Wirtschaftskanzleien in Deutschland (BWD) ist da – and here to stay

In einem weiteren Impulsvortrag stellte BWD-Vorstandssprecher Stefan Rizor, LL.M. (McGill), die bisherigen Erfolge und weiteren Pläne des neugegründeten Verbands vor. Seit der Gründung im März 2022 mit 31 Mitgliedskanzleien haben sich dem BWD (hier) inzwischen 41 Mitgliedskanzleien angeschlossen – und das Netzwerk wächst stetig. Mit fourword gibt es auch ein Online-Verbandsmagazin, welches quartalsweise erscheint (siehe hier).

In a Nutshell: Das Liquid Legal Institute 2022/2023 – and beyond

Einen Überblick über Aufgaben und Ziele des Liquid Legal Institute (LLI) gab Co-CEO & Co-Founder Dr. Dierk Schindler, M.I.L. In diesem Rahmen stellte er auch die drei bisher erschienenen Publikationen vor, die sich schwerpunktmäßig mit den Themen „Business“ (2017), „Technology“ (2020) und „Human“ (2022) beschäftigen. Der größte gemeinsame Nenner in allen drei Büchern sei „Humanization“.

Panel III: At home and abroad

Prof. Dr. Michael Smets (Saïd Business School, University of Oxford) moderierte Panel III „Digitalisierung im Rechtsmarkt in ausgewählten Ländern: Wie ist der Stand, was bringt 2023 – and beyond?“ Emil Epp (Cross Border Business Law, Frankreich), Jitka Logesova (Wolf Theiss, Tschechien), Patrizia Netal (Knoetzl, Österreich) und Michael-Florian Ranft (Taylor Wessing, VR China) teilten ihre Eindrücke und Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Rechtsmarkt. Durch die Vielsprachigkeit in den Kanzleien seien Übersetzungstools insofern hilfreich, als dass man ohne die Hilfe eines Übersetzers zumindest die wichtigsten Schriftstücke sondieren könne, die dann eben professionell zu übersetzen seien. Die Standardisierung von Verträgen sei aus verschiedenen Gründen kaum umsetzbar. Die Hoffnung bestehe, dass sich mittels künstlicher Intelligenz (KI) weitere Prozesse automatisieren ließen, damit sich Anwälte dann mehr strategischen Aufgaben widmen könnten. Dennoch sei die Technologie nicht immer ausreichend gut. Hier gebe es noch viel Optimierungsbedarf, vor allem bei der Personaldecke. Diese sei – wie in vielen anderen Bereichen auch – bei Techdienstleistern teilweise sehr dünn. Die Folge: Der Support sei zu langsam. Was wohl die Legal Service Provider aus Panel IV hierzu sagten?

Panel IV: Legal Service Provider

Im letzten Panel diskutierten Vertreter von Techunternehmen über ihre Zusammenarbeit mit dem Rechtsmarkt. Moderatorin Dr. Valeska Molinari (Sunfire, Legal Tech Verband Deutschland) stellte die Frage: „Nach dem Digitalisierungsschub: Wie geht es weiter? Was wird den deutschen Rechtsmarkt aus Providersicht 2023 prägen – und weshalb lohnt der Blick ins Ausland?“ Hierzu gaben Zoë Andreae (Lecare), Oliver Bendig (STP Informationstechnologie GmbH), Dr. Ernst Georg Berger (Clarius.Legal), Björn Frommer (JUNE), Dominic Piernot (FTI Consulting Deutschland GmbH) und Dirk Reinecke (Digital Realty) einen Einblick in ihren beruflichen Alltag und berichteten, welche Anforderungen ihre jeweilige Zielgruppe hat und welche Lösungen sich hierfür anbieten. „One size fits all“ oder maßgeschneidert? Diese Frage sorgt stets für Zündstoff. Und so verwunderte es nicht, dass sechs Dienstleister sechs Meinungen hatten – und, jeder für sich, schlüssige Argumente für das eine oder andere Modell lieferte. Schlussendlich komme es natürlich auf die Bedürfnisse der Kunden an. Viel Zustimmung erntete Oliver Bendig für seine Aussage: „Alles, was ich zweimal mache, kann als Prozess standardisiert werden.“

Aus dem Auditorium kam die Frage, wie es um die Digitalisierung bei Gerichten und Behörden stehe. Diese komme bisher nur im Schneckentempo voran (vgl. hierzu auch den Beitrag im Magazin e-Justice, Ausgabe 01/2022, siehe hier). Zum Schluss durften die Panelisten noch ihre Wünsche für das neue Jahr an die anwesenden Inhouse-Lawyers äußern. Diese reichten von „Löschen Sie bitte mehr Daten zwischen den Jahren!“ (Piernot) über „Einfach mal machen und Dinge ausprobieren!“ (Berger), „Weniger Perfektion, mehr Mut!“ (Frommer) bis hin zu „Tauschen Sie sich mit anderen Rechtsabteilungen aus!“ (Andreae) und „Werden Sie vom Passagier zum Fahrer!“ (Bendig). Lachend beendete Dirk Reinecke die Wunschliste: „Das Voranschreiten der Digitalisierung bedeutet mehr Umsatz und Kunden für alle.“ Es scheint, als gebe es auch weiterhin viel zu tun, wenn es um die Digitalisierung des Rechtsmarkts geht.

Im Anschluss an all die spannenden Ein- und Ausblicke ging es über zum gemütlichen Teil. Im Forum der Frankfurt School of Finance & Management fand die „größte Weihnachtsfeier im deutschen Rechtsmarkt“ statt. Neue Kontakte konnten geknüpft, alte Weggefährten wiedergefunden und Diskussionen fortgeführt werden. Wir freuen uns bereits jetzt auf den 7. Dezember 2023, wenn wir erneut zu Inhouse Matters in der Frankfurt School of
Finance & Management einladen.

 

 

mareike.theisen@faz-bm.de

_____

Weitere Impressionen zur Veranstaltung finden Sie hier.

Aktuelle Beiträge