Vorstellung des Werks von Astrid Kohlmeier/Meera Klemola

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Bei Legal Design gibt es drei Gruppen von Menschen: solche, die so absolut gar keine Ahnung haben, worum es eigentlich geht, dann solche, die es bereits anwenden und sich das Leben gar nicht mehr ohne vorstellen können, und dann die übliche Mittelgruppe mit gesunder Halbbildung, die den Begriff immerhin schon mal gehört hat. Alle drei Gruppen sollten unbedingt dieses Buch lesen; die erste und dritte Gruppe sowieso, aber auch die erfahrenen Anwender profitieren von der ersten deutschsprachigen Einführung in das Thema. Die Autorinnen sind absolute Fachfrauen, und Astrid Kohlmeier steht vermutlich das Verdienst zu, das Thema im deutschen Rechtsmarkt überhaupt etabliert zu haben.

Worum geht es hier?

Die Autorinnen definieren Legal Design als einen nutzer- oder menschenzentrierten Ansatz für Problemlösungen und Innovationen im Recht. Etwas blumiger und in den Worten von Margret Hagan aus Stanford, Verfasserin des Buchs „Law by Design“: Legal Design ist die Anwendung von „human-centered“ Design auf die Welt des Rechts, um Rechtssysteme und -dienstleistungen menschenzentrierter, benutzerfreundlicher und zufriedenstellender zu gestalten.

Es geht also darum, das Recht und seine Anwendung aus den abgehobenen Sphären zu befreien, in denen es sich heute befindet und von einer Gruppe von mehr oder weniger gut ausgebildeten Juristen gehütet wird – mit Ergebnissen, die die Menschen verstehen oder auch nicht. Aber da, wo Menschen das Recht nicht mehr verstehen, befolgen sie es auch nicht, jedenfalls heutzutage nicht mehr. Ziel ist es daher, das Recht sowie rechtliche Dienstleistungen so zu gestalten, dass sie letztlich effektiver, effizienter und benutzerfreundlicher werden. Das können veränderte Abläufe sein, wie jemand zu seinem Recht kommt, aber auch andere Vorschriften oder andere juristische Dokumente, mit denen man tatsächlich etwas anfangen kann.

Weshalb ist das Thema wichtig?

Das Buch ist eminent praktisch, mit vielen Fallbeispielen. Für Juristen ist das ein unverzichtbares Buch: Unternehmensjuristen befassen sich mit Legal-Design-Methoden damit, wie sie die Funktion Recht und Risikomanagement besser und effizienter gestalten, in Kanzleien wird mit Hilfe dieser Methode überlegt, wie man Dienstleistungen für Mandanten inhaltlich verbessern und „besser“ an den Mann und die Frau bringen kann. Auch die Justiz steht vor erheblichen Änderungen – denn wenn es darum geht, die Rechtspflege in die Digitalisierung zu bringen, dann wird sie nicht auf dem Level des Computerfaxes und des elektronischen Rechtsverkehrs stehenbleiben können. Gerade das Thema Sammel- oder Massenklagen brennt der Justiz auf den Nägeln. Auch wenn die Justizministerkonferenz noch mit sehr traditionellen Mitteln versucht, die Justiz arbeitsfähig zu halten, drängt sich geradezu auf, die künftigen Verfahrensregeln und -abläufe zur Sammelklage mit Hilfe von Legal Design zu gestalten. Überhaupt gilt wohl, dass Veränderungsprozesse (neudeutsch Changeprozesse) ohne Legal Design gar nicht mehr funktionieren.

Die Umsetzung

Das Buch hat acht große Abschnitte und behandelt Grundfragen, Abläufe sowie die Rollen der Beteiligten in solchen Verfahren. Man liest so ein Buch natürlich nie von vorne nach hinten. Um auf den Geschmack zu kommen, sollten Leser mit Kapitel 5 und den Beispielen aus der Praxis anfangen. Man findet dort eine kleine Auswahl und auf einer zum Buch gehörenden Website weitere Praxisbeispiele. Sobald man ein Gefühl dafür entwickelt hat, was das alles praktisch bedeutet und noch bedeuten kann, kann man sich den Rest vornehmen. Nach der Lektüre ist man deutlich klüger als vorher.

Es gibt nur eine einzige Kritik: Legal Design im Buchformat ist unpraktisch. Natürlich verständlich, denn interessanterweise hat die Digitalisierung das Buch längst noch nicht verdrängen können. Bücher sind Ausweise von Kompetenz, Autoren haben eine andere Bedeutung als andere Menschen, die schreiben – das sind eher Blogger. Das Buch selbst kann man also gar nicht kritisieren, zumal es ausnehmend schön geraten und übersichtlich ist. Aber dieses Buch ist keins, das man einmal liest und dann in ein Regal stellt, sondern es begleitet einen eine Zeitlang, und wenn man sich mehr mit solchen Designprozessen befasst, greift man immer dazu. Außerdem wird man zunehmend den Wunsch verspüren, sich mit anderen über solche Änderungsprozesse auszutauschen, weitere Fragen tauchen auf und anderes mehr.

Einige weitergehende Überlegungen

Bücher wie diese brauchen ein neues Leseformat. Der Verlag bietet neben der Printausgabe für 69 Euro ein Onlinemonatsabo für 10 Euro oder ein Onlinejahresabo für 59,52 Euro an. Rechnet sich das? Solche Preismodelle empfehlen sich eher für Werke, deren Inhalt dauernd aktualisiert wird. Dass das für das vorliegende Buch das richtige Modell ist, wird vielleicht nicht jedem einleuchten. Aber wie findet man neue Leseformate? Wann sind Bücher nur Mittel zum Zweck, also zur Informationsweitergabe, wann sind sie eher Plattformen zum Vernetzen und Informationsaustausch mit Gastgebern, die Experten im Thema sind? Gelegenheit für einen weiteren Design-Thinking-Prozess in der Verlagsbranche, das scheint ohnehin fällig zu sein.

markushartung@icloud.com

Hinweis der Redaktion:
Kohlmeier/Meera, Das Legal Design Buch – So geht Recht im 21. Jahrhundert, Wolters Kluwer Deutschland, Hardcover, 1. Auflage 2021; ISBN 978-3-472-09726-6. (tw)

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