Fünf Fragen an: das Direktorium des Bucerius Center on the Legal Profession Dr. Claudia Junker, Prof. Dr. Madeleine Bernhardt, Prof. Dr. Klaus Stefan Hohenstatt und Dr. Hariolf Wenzler

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Im November ist Hamburg wieder das Zentrum des Rechtsmarkts in Deutschland. Die 11. Herbsttagung des Center on the Legal Profession (CLP) an der Bucerius Law School steht an. Nach Corona-bedingter einjähriger Pause als Präsenzveranstaltung werden die Gäste in diesem Jahr am 18.11. wieder auf dem Campus empfangen (oder sie können sich virtuell zuschalten), am 19.11. folgt dann eine Reihe virtueller Workshops und Roundtables: „Ready for the Future? Kerngeschäft und Innovation zeitgleich meistern“ ist das Leitthema in diesem Jahr. Thomas Wegerich sprach darüber mit den Direktoren des CLP.

Deutscher AnwaltSpiegel: Zunächst: Wie hat sich das Center on the Legal Profession (CLP) in der Coronazeit entwickelt?

Dr. Hariolf Wenzler: Das Bucerius Center on the Legal Profession hat sich personell verstärkt. Mit Prof. Dr. Madeleine Bernhardt haben wir eine weitere Direktorin gewonnen, die mit ihrem Fokus auf People und Leadership einem zentralen Thema – gerade jetzt nach Corona – zusätzlich Profil gibt. Wir haben die Zeit auch genutzt, um mit den Erfahrungen aus der Onlineherbsttagung die diesjährige so vorzubereiten, dass wir die „Szene“ auch wieder physisch versammeln können. Und mit dem Thema der Ambidextrie schlagen wir die Brücke zwischen Alt und Neu: Wie mache ich das Beste aus meinem traditionellen, erfolgreichen Geschäftsmodell und schaffe es gleichzeitig, neue Strukturen aufzubauen und damit weitere Revenues zu generieren? Wir sind damit, so meinen wir, wieder auf der Höhe der Zeit und am Puls der Managing Partner und Partnerinnen und General Counsels.

Deutscher AnwaltSpiegel: Bei der diesjährigen Bucerius-Herbsttagung stellen Sie die organisationale Ambidextrie in den Mittelpunkt. Bitte erläutern Sie unseren Lesern, was damit gemeint ist.

Prof. Dr. Madeleine Bernhardt: Viele sehr erfolgreiche Unternehmen sind angesichts signifikanter und disruptiver Veränderungen in ihrem Unternehmensumfeld und in ihrem Markt daran gescheitert, dass es den Führungskräften nicht gelang, das bestehende Geschäftsmodell ihres Unternehmens weiterzuverfolgen („exploit“) und zeitgleich in die Entwicklung transformativer Innovationen zu investieren („explore“), denen eine andere Entwicklungslogik und -geschwindigkeit zugrunde liegt.

Ambidextrie kann diese Herausforderung für Führungskräfte auflösen und damit zu einem langfristigen Unternehmenserfolg in einem Markt mit vielen starken Wettbewerbern und Wettbewerberinnen signifikant beitragen. Im Kern ist Ambidextrie eine spezifische und besonders herausfordernde Art der Führung eines Unternehmens in einem sich dynamisch verändernden Umfeld. Das Wort bedeutet zunächst einmal schlicht „Beidhändigkeit“, verstanden als die Fähigkeit, beide Hände gleichermaßen gut einsetzen zu können.

Organisationale Ambidextrie beinhaltet die Fähigkeit eines Unternehmens und damit die Fähigkeit von Führungskräften, das Kerngeschäft voranzutreiben – sogenannte „Exploitation“ – und somit die im bestehenden Geschäftsmodell bereits existierenden Produkte und Dienstleistungen bestmöglich zu verkaufen. Zugleich werden mit der zweiten Hand – der sogenannten „Exploration“ – neue Geschäftsmodelle und Optionen für die zukünftige Geschäftsentwicklung erkundet und potentiell radikale Innovationen, die jenseits der aktuellen Produkte, Dienstleistungen und Märkte liegen, entwickelt. Zum einen wird also in einem unter Umständen bereits stark umkämpften, eher gesättigten Markt das Maximum erwirtschaftet durch Effizienzsteigerung, Weiterentwicklungen und Verfeinerungen des Bestehenden („exploit“), und zum anderen wird zeitgleich an radikalen Innovationen gearbeitet, die neue Geschäftsoptionen versprechen („explore“).

Deutscher AnwaltSpiegel: Gemeinsam mit der Personalberatung Egon Zehnder hat das Bucerius CLP die Studie „Future of Leadership“ erstellt. Geben Sie unseren Lesern doch bitte einige Einblicke in die wesentlichen Aspekte Ihrer Studie.

Prof. Dr. Madeleine Bernhardt: In der Studie interessiert uns die besondere Perspektive von Managing Partnern/Partnerinnen und General Counsels auf die Zukunft der Führung. Wir haben insgesamt 30 Personen mittels qualitativer Interviews befragt. Im Zentrum standen für uns die jeweiligen Sichtweisen der Befragten hinsichtlich zukünftiger Trends und Herausforderungen für Unternehmen und die Folgen, die sich daraus für die Art der zukünftigen Führung ergeben können. Zudem waren wir neugierig zu erfahren, welche Fähigkeiten und gedanklichen Haltungen (Mindsets) in Zukunft für erfolgreiche Führung aus Sicht der Befragten besonders wichtig sein werden. Wir  haben auch verglichen, inwieweit Managing Partner/-innen und General Counsels ähnlich auf diese Themen blicken und in welchen Bereichen sich gegebenenfalls interessante Unterschiede erkennen lassen. Da wir derzeit noch mit der Auswertung der Interviews befasst sind und daher noch keine Aussagen zu den Ergebnissen machen können, bleibt Ihnen und uns die Spannung noch bis zur Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession erhalten.

Deutscher AnwaltSpiegel: In einer der Paneldiskussionen der Herbsttagung geht es um das Thema „Hat Purpose Platz im Rechtsmarkt? From Ego-System to Eco-System.“ – Was dürfen die Teilnehmer hier erwarten?

Prof. Dr. Klaus-Stefan Hohenstatt: Dass Industrieunternehmen und Banken nicht nur an ihren Produkten und an ihren finanziellen Ergebnissen gemessen werden, ist längst selbstverständlich. Mit den ESG-Kriterien ist die „ganzheitliche“ Bewertung unternehmerischen Handelns mittlerweile zum nahezu durchgehend akzeptierten Standard geworden. Im Rechtsmarkt vollzieht sich diese Entwicklung noch sehr verhalten. Man sieht sich als Dienstleister – „Berater/-innen beraten, Mandanten/Mandantinnen entscheiden“. Doch so bequem wird man es sich nicht machen können – Kanzleien, die eine Vielzahl aussichtsloser Prozesse orchestrieren, um eine demokratische Wahl und den Glauben an die Demokratie zu untergraben, geraten unter Beschuss, ebenso wie solche, die sich an umweltpolitisch (besonders) fragwürdigen Projekten beteiligen – um nur wenige Beispiele zu nennen. Dies kann nicht nur wichtige Sympathien bei den großen Nachfragern von Rechtsdienstleistungen – insbesondere globalen Unternehmen – kosten und das Image in der Öffentlichkeit empfindlich beschädigen. Noch gravierender sind vermutlich die negativen Auswirkungen auf Recruitment und Retention. Mit dieser Erkenntnis allein ist jedoch nicht viel gewonnen; die weitaus schwierigeren Fragen lauten: Wie kann man ESG-Kriterien auf den Rechtsmarkt übertragen? Welche Maßstäbe will man anwenden? Entscheidet der jeweilige politische Zeitgeist – mit der Folge fehlender Glaubwürdigkeit und Stringenz –, oder gelingt es, einen nachhaltigen Wertekanon zu entwickeln, der der Orientierung dienen kann? Und in welchem Verhältnis stehen die eigenen Maßstäbe zu den Bedürfnissen der Mandanten, die im Rechtsstaat Anspruch auf rechtliche Beratung haben, und zwar auch dann, wenn sie diesen Rechtsrat infolge eigener Rechtsverstöße benötigen? Es ist wie häufig: Wenn es konkret wird, stellen sich schwierige Fragen. Diesen wollen wir gemeinsam mit dem ehemaligen Verfassungsrichter Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio und mit der Geschäftsführerin von Pro Bono Deutschland e.V. Katja Josenhans nachgehen. Sie diskutieren mit Franziska Adelmann, Studentin an der Bucerius Law School – freuen Sie sich auf eine spannende Diskussion!

Deutscher AnwaltSpiegel: Schließlich, ein Blick in die Glaskugel: Welche Topthemen werden den Rechtsmarkt 2022 bewegen?

Dr. Claudia Junker: Ich sehe kein klares Nr.-1-Thema. Wir werden uns mit einem Bündel an Themen auseinandersetzen müssen. Wenn wir uns die Organisationsseite anschauen, sehe ich einen unveränderten Push zu Digitalisierung/Legal-Tech sowie weiterer Effizienzsteigerung, ebenso wie die Auseinandersetzung mit oder das Hineinwachsen in neue Organisationsmodelle und -methoden, etwa agile Arbeitsmethoden oder die „beidhändige Führung“ (Ambidextrie), mit der wir uns im Rahmen unserer Herbsttagung beschäftigen werden. Ebenso sehe ich Anpassungsdruck bei den Kanzleien und Rechtsabteilungen beim Thema New Work. Fachlich werden uns 2021 viele Themen weiter oder neu beschäftigen – um mal ein paar aufzuzählen: ESG, die Umsetzung des Lieferkettengesetzes in die Praxis, die Umsetzung der EU-Whistleblower-Richtlinie in deutsches Recht, die Umsetzung der EuGH-Entscheidung „Schrems II“ zum Datenschutz auch in neuen Geschäftsmodellen in allen Unternehmen Europas, gegebenenfalls weniger Schiedsgerichtsbarkeit nach dem wohl kommenden Gesetz zur Stärkung der Gerichte in Wirtschaftsstreitigkeiten, die Umsetzung des Führungskräftepositionengesetzes II in die Praxis, die Umsetzung des neuen BGB-Vertragsrechts für digitale Produkte, das neue Personengesellschaftsrecht und so weiter. Dann gibt es natürlich auch noch diverse Spezialgebiete – für uns sind etwa die Reform des Telekommunikationsgesetzes und das Patentrechtsmodernisierungsgesetz sehr relevante Neuerungen. Und eine neu gebildete Bundesregierung wird auch bei uns Anwälten und Anwältinnen und Syndikusanwälten/-anwältinnen sicherlich keine Langeweile aufkommen lassen.

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