Rekordfinanzierung für BRYTER – Interview mit Michael Grupp, Founder und CEO des Unternehmens

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Mit Blick auf Investitionen in Legal-Tech-Unternehmen, die aus dem deutschen Rechtsmarkt heraus gegründet worden sind, ist es ein Meilenstein: BRYTER – Kooperationspartner des Deutschen AnwaltSpiegels – hat in der vergangenen Woche bekanntgegeben, in einer Serie-B-Finanzierungsrunde 66 Millionen US-Dollar frisches Kapital eingesammelt zu haben. Die Gesamtinvestition in das 2018 gegründete Unternehmen liegt bei derzeit 90 Millionen US-Dollar. – The Sky is the Limit? Thomas Wegerich sprach mit Michael Grupp, Founder und CEO von BRYTER.

Deutscher AnwaltSpiegel: BRYTER ist seit drei Jahren im Markt. Bitte erkläre unseren Lesern kurz, was das Unternehmen macht.

Michael Grupp: BRYTER entwickelt und vertreibt eine No-Code-Software, mit der Experten Services digitalisieren und automatisieren können. Einfach gesagt: BRYTER ist ein Baukasten für Software, der zudem speziell auf Anforderungen von Büroarbeit zugeschnitten ist. Damit können Mitarbeiter ohne Programmierkenntnisse Anwendungen selbst entwickeln – vom einfachen Vertragsgenerator bis zur umfangreichen Umsatzsteuerprüfung oder Geldwäschecompliance.

Deutscher AnwaltSpiegel: Wer sind eure Kunden?

Michael Grupp: Die typische BRYTER-Kundin ist eine Juristin/Compliancemanagerin, die die dringendsten Analogthemen angehen und verlässlich umsetzen möchte. Das ewige Leid mit NDAs. Geschenkecompliance. Unterschriftenrichtlinie. Viele Kunden haben am Anfang mit kleinen Teams angefangen, die bereits nach Lösungen gesucht haben. Nach einer Weile haben auch die Kollegen gemerkt, was sich alles bauen lässt, und so sind immer mehr Anwendungen entwickelt worden.
Heute sind rund zwei Drittel der deutschen Wirtschaftskanzleien sowie Rechts- und Complianceabteilungen von Konzernen, aber auch die öffentliche Verwaltung oder Verbände Kunden von BRYTER. Noch kommt etwa die Hälfte aus dem DACH-Raum, aber es verschiebt sich. Wir haben auch nicht mehr nur juristische Kunden, es kommen zunehmend Use-Cases in anderen Abteilungen, zum Beispiel im Einkauf, im Accounting, im HR hinzu.

Deutscher AnwaltSpiegel: Welche Wettbewerber gibt es national und international?

Michael Grupp: Direkte Wettbewerber gibt es kaum. Aber es kann vorkommen, dass bei Kunden bereits Einzellösungen für einen einzelnen Use-Case vorhanden sind. Unsere Kunden interessieren sich ja nicht vorrangig für BRYTER, sondern für die Anwendungen, die sie anhand von BRYTER entwickeln können. Und für einzelne Anwendungen gibt es mitunter punktuell Alternativen.
Meist ist die Situation aber noch so wie von unseren Vertriebsmitarbeitern gelegentlich zitiert: Unser größter Konkurrent ist: „Nichts tun und abwarten“.

Deutscher AnwaltSpiegel: Aktuell habt ihr eine Serie-B-Finanzierungsrunde abgeschlossen, in der BRYTER 66 Millionen US-Dollar Kapital eingeworben hat. Insgesamt sind es bereits 90 Millionen US-Dollar, die BRYTER erhalten hat. Wie kommt es zu solch einer Riesenrunde?

Michael Grupp: Eigentlich nicht sehr spektakulär. Wir hatten eine Finanzierungsrunde in ungefähr dieser Größenordnung für Anfang 2022 geplant und wären Ende des Jahres ohnehin in Gespräche mit Investoren gegangen. In dieser Größenordnung sind die Runden kein Pitch-Contest mehr, sondern zahlenbasierte Verhandlungen, bei denen tief in bestehende Metriken eingestiegen wird – Kundeninterviews und Mitarbeitergespräche inklusive. Da ist es üblich, dass man sich bereits kennt. Tiger Global war einer der Investoren, die schon bei der letzten Runde Interesse gezeigt hatten und mit uns in Kontakt standen. Und als wir Angebote erhielten, haben wir entschieden, das Funding vorzuziehen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Michael, wir haben darüber gesprochen, dass in BRYTER allein jetzt vermutlich mehr Geld investiert ist als in den gesamten deutschen Legal-Tech-Markt. Was macht BRYTER anders als andere Legal-Tech-Unternehmen?

Michael Grupp: Ich betone ja gerne, dass es die langweiligen Sachen sind, die die Welt verändern. Die meisten Diskussionen, die in der Legal-Tech-Szene – wenn man sie so nennen will – geführt werden, betreffen „shiny new Things“ oder völlige Utopien, lassen aber die tatsächlich relevanten Probleme aus. Niemand braucht momentan blockchainbasierte Smart Contracts, das nächste KI-Einzelprojekt. Die tatsächlich relevanten und machbaren – und wirtschaftlich sinnvollen – Projekte betreffen eben das Brot-und-Butter-Geschäft: Intake-Module, Repapering, regelbasiertes Sortieren, Dokumentenautomation, Klauselbibliotheken, einfaches Contract-Lifecycle-Management und zugängliche interne Datenbanken. Das ist oft hart und macht weniger Spaß als beispielsweise Legal-Design-Sessions. Aber erste kleine Erfolge und Erfahrungen sind die Voraussetzungen dafür, dass die Digitalisierung auch in den regulatorischen Einheiten richtig genutzt werden kann.
In diesen Themengebieten ist der Return on Investment für alle immens – gerade für die Kunden. Ein Beispiel: Unternehmen wie die GEA reduzieren schon mit Experimenten mit einfachen Anwendungen wie Self-Service-Apps für Vertriebsdokumente global enorme Aufwände und Reibungsverluste. Das Potential ist riesig, wir stehen erst am Anfang.

Deutscher AnwaltSpiegel: Was macht BRYTER mit dem Geld?

Michael Grupp: Wachsen. Konkret wollen wir aus dem inzwischen 120 Leute großen Scale-up ein globales Softwareunternehmen machen. Das heißt als Nächstes zum Beispiel, dass wir versuchen, bis zum Jahresende auf rund 200 Mitarbeiter zu wachsen. Da sind auch Hürden dabei, die man mit mehr Geld nicht unbedingt leichter lösen kann, aber das Funding gibt Planungssicherheit. Und wir werden in Marketing und Beratung investieren. Der Markt ist ja da – es bedient ihn nur keiner, und es ist noch früh. Viele regulatorische Experten in Unternehmen wurschteln sich mit Excel und E-Mail so durch. Das ist auch nicht schlimm – aber das Digitalisierungs- und Automationspotential ist gigantisch. Man könnte mit einem No-Code-Automationsbaukasten die meisten deutschen Behörden, Justiz inklusive, zu einem großen Teil durchautomatisieren. Noch stehen wir am Anfang, und wir müssen bei Kunden noch viel erklären. Aber man merkt, dass es langsam losgeht. Bis 2025, wenn Unternehmen digitaler arbeiten, ist eine Software wie die von BRYTER für viele wahrscheinlich unerlässlich.

Deutscher AnwaltSpiegel: Du hast vorhin Use-Cases erwähnt: Welche Anwendungen werden besonders häufig entwickelt? Welche Use-Cases sind gerade sehr relevant?

Michael Grupp: Es gibt Lösungen, mit denen fast alle Abteilungen ähnlich anfangen: Dokumentengeneratoren oder Self-Service-Apps für bestimmte Fragen. Nach ein paar Monaten wird es dann individuell, und wir bekommen das auch nicht mehr mit. Sehr wichtig sind zurzeit ESG-Themen. Datenschutz sowie Datenschutzcompliance bleiben relevant. Und mit der geänderten Frist kommt gerade auch LIBOR wieder auf.

Deutscher AnwaltSpiegel: Wie läuft es für BRYTER in den USA?

Michael Grupp: Bisher sehr gut. Ehrlich gesagt, waren die ersten Erfolge dort und das positive Feedback, sowohl von Kunden als auch von Mitarbeitern, der Grund, die Weichen früher auf Wachstum zu stellen und früher zu finanzieren. Die meisten Neueinstellungen sind für die USA geplant.

Deutscher AnwaltSpiegel: Micha-Manuel Bues und Du seid seit vielen Jahren im deutschen Legal-Tech-Bereich aktiv. Hast Du einen Ratschlag für unsere Leser?

Michael Grupp: Vielleicht eher ein Anliegen: Warten Sie nicht auf die Gesamtlösung und eine globale Softwareplattform. Fangen Sie morgen an – und zwar mit einem kleinen, konkreten Problem, das bereits in diesem Quartal stört. Ich habe vor allem in Deutschland den Eindruck, dass alle auf den einen Roll-out einer magischen Software warten, die alles kann und gleichwohl individuell ist. Die wird es nie geben, der holistische Ansatz ist im Unternehmenssoftwarebereich auch nicht zeitgemäß. Wir sehen, wie anders Unternehmen in den USA damit umgehen: einkaufen, testen, ausrollen. Entweder klappt es, oder man hat etwas gelernt, und dann kommt das nächste Projekt. Das ist in Deutschland oft schwer vorstellbar, Entscheider bleiben zögerlich. Hier fehlen vor allem Testbereitschaft und die Neugier, mit den „low hanging Fruits“ loszulegen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Der Blick in die Glaskugel. Bitte vervollständige diese beiden Satzanfänge: In zwei Jahren steht BRYTER … In fünf Jahren steht BRYTER …

Michael Grupp: In zwei Jahren steht BRYTER auch mal auf den Werbeflächen am Frankfurter Flughafen. In fünf Jahren steht BRYTER vielleicht für die Standardanwendung für Entscheidungsautomationen im Büro.

Deutscher AnwaltSpiegel: Michael, „Stand jetzt“ ist das eine spannende Perspektive. Wir werden BRYTER weiter eng auf dem Weg zum, wer weiß, ersten „Einhorn“ im deutschen Rechtsmarkt begleiten. Das würde bedeuten, dass BRYTER statt jetzt mit etwa 350 Millionen US-Dollar mit mindestens 1 Milliarde US-Dollar bewertet wird.

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