Patente und Marken als werthaltige Lösungsbausteine

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Im folgenden Artikel wird herausgearbeitet, welchen Beitrag geistiges Eigentum (insbesondere Marken, Patente und Know-how) als werthaltiger Lösungsbaustein für Unternehmen leisten kann – nicht ausschließlich, aber gerade in unternehmerischen Sondersituationen. Im Wesentlichen werden drei konkrete Lösungskonzepte entlang des Unternehmenslebenszyklus beleuchtet:

– Finanzierungansätze, basierend auf werthaltigen Schutzrechten
– Entwicklung neuer Technologien
– Identifikation neuer Märkte

Diese Themen werden im Folgenden im Kontext der Sicherstellung der Zukunfts- sowie der Transformationsfähigkeit von Unternehmen skizziert.

Intellectual Property (IP) im Kontext der aktuellen Marktsituation

Rückblickend wirkt die Bankenkrise von 2008/2009 aus heutiger Sicht harmlos – und danach ging es für die deutsche Wirtschaft zehn Jahre nur bergauf. Doch gegen Ende dieser Hochkonjunktur mehrten sich bereits die Krisensymptome. Vor allem der Megatrend der Digitalisierung setzte in Verbindung mit der Herausbildung von Industrie 4.0 am Markt erste Zeichen eines bevorstehenden Umbruchs. Und alle Marktausblicke haben einvernehmlich aufgezeigt, dass das Jahrzehnt bis 2030 extrem technologiegetrieben sein wird.

Vor diesem Hintergrund haben sich die Unternehmen im Rahmen ihrer strategischen Ausrichtung mit den Fragen auseinandergesetzt, wie bestehende Erfolge in einem zunehmend dynamischen Umfeld abgesichert werden können und wie gleichzeitig der Wandel zu neuen Geschäftsmodellen und -strukturen eingeleitet werden kann.

Doch nun ist alles anders: Der Risikococktail aus Coronapandemie, Lieferkettenproblemen und Ukraine-Krieg, Energiekrise und Inflation und die damit einhergehende unsichere Lage überdecken den mittel- bis langfristigen Veränderungs- und Innovationsbedarf und konfrontieren Unternehmen mit einer zusätzlichen Herausforderung: Sie müssen kurzfristig in den (Kosten-)Strukturen enorme Anpassungen vornehmen, gleichzeitig aber größere Einbußen in Bezug auf die durchgeführten Investitionen und aufgebauten Kompetenzen vermeiden.

Gerade auch in dieser aktuellen Krisensituation kann geistiges Eigentum (IP) eine wesentliche Rolle einnehmen und ein wichtiger Baustein in der Entwicklung von Lösungsansätzen sein.

Beispiel 1: Werthaltige stille Reserven zur Finanzierung nutzen!
(Phase: Abschwung)

  • Ein regional bekanntes Handelsunternehmen (etwa 200 Millionen Euro Jahresumsatz) befindet sich in der Restrukturierung.
  • Im Zuge dessen sind zusätzliche Finanzmittel notwendig. Es stehen keine weiteren materiellen Sicherheiten zur Verfügung.
  • Eine systematische Analyse und Bewertung der Dachmarke und der Produktmarke hat gezeigt, dass diese sehr gut positioniert sind.
  • Basierend darauf, sind eine Erweiterung des Finanzierungsrahmens unter Berücksichtigung des Markenwerts und die reguläre Fortführung des Betriebs unter Nutzung der bestehenden Markenrechte möglich.

Die im Unternehmen bestehenden stillen Reserven werden zur Absicherung des Unternehmenswerts eingesetzt. Dabei sollte geistiges Eigentum keineswegs als Asset wahrgenommen werden, das allein in Krisensituationen (oder am Ende des Unternehmenslebenszyklus) seine Berücksichtigung findet und seine Relevanz entfaltet, wie die nachfolgend aufgezeigten Lösungsansätze zeigen.

Intellectual Property (IP) in a Nutshell: Wenn wir von geistigem Eigentum (Intellectual Property, IP) sprechen, dann liegt der Schwerpunkt auf Marken, technologischen Schutzrechten (insbesondere Patenten) und dem damit in Verbindung stehenden Know-how.

Marken dienen dazu, die Waren und Dienstleistungen eines Unternehmens eindeutig zu kennzeichnen. Hierbei steht insbesondere im Vordergrund, dass diese für die Unterscheidung gegenüber anderen Unternehmen geeignet sind. Besonders hervorzuheben ist bei Marken, dass sie unbegrenzt verlängerbar sind und somit in der Regel auch die rein technischen Schutzrechte (etwa Patente) überdauern. Die Marke bleibt oft bestehen, selbst wenn die technischen Schutzrechte der zugehörigen Produkte bereits erloschen sind.

In Form von Produkt- oder Verfahrenspatenten erhalten die Inhaber von technischen Schutzrechten ein befristetes (20 Jahre) und räumlich begrenztes Nutzungsmonopol, sofern die Erfindung neu ist, auf einer erfinderischen Tätigkeit beruht und gewerblich anwendbar ist. Dieses Recht geht mit der Pflicht einher, dass die relevanten technologischen Aspekte umfangreich veröffentlicht werden müssen – in Patenten bilden sich immerhin 80% des weltweiten technologischen Wissens und somit auch der Großteil des technologischen Fortschritts ab. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Themen, die jetzt zum Patent angemeldet werden, in etwa fünf Jahren in Form von Produkten auf den Markt kommen. Gerade bei technischen Schutzrechten lässt sich häufig eine starke Verknüpfung mit zusätzlichem Know-how im Unternehmen beobachten, das eine relevante Rolle einnimmt und in der Diskussion auch entsprechend berücksichtigt werden muss.

Weitere Unternehmensentwicklungsansätze mittels IP: Unterschiedliche Studien zeigen auf, welche Bedeutung IP in den vergangenen Jahren gewonnen hat; gerade bei Transaktionen wird auf beeindruckende Weise sichtbar, welchen wesentlichen Teil des Unternehmenswerts (zum Teil bis zu 70%) IP einnimmt. In der Praxis sieht man aber, dass die Rolle von IP und der Beitrag, den dieses zur Wertschöpfung in Unternehmen leisten kann, noch häufig unterschätzt werden.

Gerade in der Gestaltung von Wachstums- und Transformationsprozessen nimmt IP eine ganz wesentliche Rolle ein. Dieser Gestaltungsspielraum eröffnet sich in der Regel bereits in den frühen Phasen des Unternehmenslebenszyklus. Dort sollten systematisch Werte in Form von Marken, Patenten und Know-how geschaffen werden, damit das geistige Eigentum sein volles Potential entfalten kann.

Beispiel 2: Neue Technologien für bestehende und neue Märkte!
(Phase: Stabilität/Reife)

  • Eine Unternehmensgruppe mit etwa 100 Millionen Euro Jahresumsatz aus dem Maschinenbau rüstet sich für die digitale Zukunft. Dazu soll ein ganzheitliches Plattformkonzept mit harmonisierter User-Experience entwickelt und umgesetzt werden.
  • CEO und CTO wollen im umkämpften und weniger vertrauten Wettbewerbsumfeld eine offensive IP-Strategie umsetzen, besonders mit Blick auf die Konkurrenz in Asien.
  • „White Spots“ können herausgearbeitet, erschlossen und werthaltige Patente in diesem Bereich aufgebaut werden.

Beispiel 3: Neue Märkte für bestehende Technologien!
(Phase: Wachstum)

  • Ein Automobilzulieferer mit etwa 200 Millionen Euro Umsatz will die Zukunft neu gestalten und hat in den vergangenen fünf Jahren in innovative Technologien innerhalb der Automobilindustrie investiert.
  • Der CEO möchte den Unternehmenswert langfristig steigern und die Abhängigkeit von der Automobilindustrie verringern. Nötig sind die strukturierte Analyse der Anwendungsbereiche der eigenen Technologien außerhalb der Automobilbranche und die Ergänzung des IP-Portfolios.
  • Die Erschließung neuer Märkte im Bereich Telekommunikation und Gebäudetechnologie mit attraktiven Wachstumsperspektiven steht an.

Zukunftsfähigkeit gewinnen und absichern

Eine starke Entwicklungs- und Innovationsleistung war schon immer ein wesentlicher Treiber für erfolgreiche Veränderungen. Aber nun vollzieht sich der Wandel, getrieben durch Nachhaltigkeit und Klimaneutralität, umfassender und schneller als je zuvor. Die damit einhergehende disruptive Veränderung ist aber nicht nur ein Risiko, sondern birgt zugleich auch die große Chance, die Technologieführerschaft zu erlangen und die Wettbewerbsfähigkeit auszubauen.

Wenn man zum Beispiel auf die F&E-Quoten und EBIT-Margen der weltweiten Automobilzulieferindustrie der vergangenen Jahre schaut, erkennt man, dass vor allem die deutschen Unternehmen wie Continental, Bosch, ZF, Webasto, Mahle und Schaeffler mit starker Innovationsleistung die Transformation vorantreiben. Gleichzeitig bleibt die Profitabilität im internationalen Vergleich hinter vielen Unternehmen aus Asien und Amerika deutlich zurück. Eine hohe F&E-Quote allein ist damit kein Garant mehr für künftigen unternehmerischen Erfolg; vielmehr ist eine kluge Innovation, die sich pragmatisch in Umsatz und Ergebnis übersetzt, das Gebot der Stunde.

Doch wie können solche klugen Innovationen systematisch aufgebaut und der resultierende Unternehmenswert nachhaltig gesichert werden? Marken sowie Patente und Know-how – insbesondere also der Aufbau von werthaltigen Schutzrechten, die die wesentlichen Kernkompetenzen von Unternehmen absichern – können hierbei ein wesentlicher Baustein sein. Der strukturierte Aufbau und die gezielte Sicherung bieten zudem die Möglichkeit, diese Assets als Werte zu heben, sichtbar zu machen und am Ende in unterschiedlichen Szenarien einen zusätzlichen Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens zu leisten (zum Beispiel bei der Finanzierung).

Unternehmen müssen dabei aktiv auf die Konsequenzen reagieren, die sich aus den derzeitigen gesellschaftlichen oder technologischen Transformationen, aus Megatrends und Kundenbedürfnissen sowohl kundenseitig als auch auf Seiten der Zulieferer ergeben (etwa vom Verbrenner zum E-Auto oder allgemein zur zunehmenden Orientierung an Verantwortung, Umwelt, Nachhaltigkeit, Digitalisierung).

Dies bedeutet, dass Unternehmen insbesondere entweder neue Technologien für ihre bestehenden Märkte entwickeln oder (auch) neue Märkte für ihre vorhandenen Technologien identifizieren müssen. Bei der Umsetzung dieser Schritte können Patente eine entscheidende Rolle spielen. IP-gestützte Trendanalysen optimieren diesen Prozess wesentlich und ermöglichen einen systematischen Blick zurück und nach vorne. So wird eine fundierte Entscheidungsgrundlage geschaffen, um die (technologische) Transformation anzustoßen und in ihr zu navigieren. Dies geschieht, indem relevantes Wissen über Technologien, Marktteilnehmer und Trends ermittelt und berücksichtigt („Stand der Technik“; „Hot Spots“) und die Forschung und Entwicklung strukturiert in Richtung der Entwicklungsbereiche mit hohem Potential gelenkt werden („White Spots“).

Über den beschriebenen Ansatz kann ein substantieller und nachhaltiger technologischer Vorsprung erreicht werden. Im Zuge dieser Entwicklungen (neue Technologien, neue Märkte) müssen meist weitgehende Transformationsprozesse im Unternehmen angestoßen werden.

Transformation erfolgreich gestalten

Eine erfolgreiche (Re-)Aktion im Zeitalter der Transformation ist nur mit großer Innovationskraft und Wandlungsfähigkeit möglich. Diese wiederum setzen Führungs- und Unternehmensstrukturen voraus, die Veränderungsfähigkeit und -bereitschaft auf allen Ebenen fördern. Die Unternehmen werden damit vor die Frage gestellt, welcher Komplexitätsgrad mit „Bordmitteln“ noch bewältigt werden kann.

Die Ausgestaltung einer Transformations-Roadmap wird dabei zunehmend anspruchsvoller. Wesentliche Eckpfeiler können als Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Wandel aber wie folgt gesetzt werden:

  • Ehrliche Standortbestimmung (Face the Reality) – Wie ist man in Bezug auf Innovation und Trends im Markt-umfeld wirklich positioniert, und was sind die internen (Kern-)Kompetenzfelder, die auch für die Zukunft Wettbewerbsvorteile darstellen?
  • Klare Meilensteine für die Zeit nach der Krise (Vision) – Wie sehen attraktive und gleichzeitig auch realistische Zielbilder für 2025 und 2030 aus?

Komplexität beherrschbar zu machen wird zur wesentlichen Herausforderung für die Unternehmen und deren Führungsmannschaften.

Zusammenfassung und Ausblick

Ein zunehmend dynamisches Umfeld und ein immer schneller werdender technologischer Fortschritt verändern die Art des Wirtschaftens. Innovative Geschäftsmodelle sind dafür ein zentraler Erfolgsfaktor.

Einen relevanten Baustein in diesem Zusammenhang nimmt das Thema ein, wie Unternehmen mit ihrem (technologischen) Wissen systematisch arbeiten und wie sie dieses schützen können, um daraus werthaltige Assets zu schaffen. Solche Assets können in unterschiedlichen Unternehmensphasen einen wesentlichen Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens leisten.

Veränderungsprozesse werden nur dann erfolgreich sein, wenn die Komplexität der Themen in einem ganzheitlichen Konzept zusammengeführt und dafür eine tragfähige Finanzierung gefunden wird.

 

andreas.sticher@pwc.com

christina.koller@patev.de

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