Come back stronger – gestärkt aus der Krise hervorgehen – ist das Motto der diesjährigen, virtuellen Bucerius-Herbsttagung. Der Deutsche AnwaltSpiegel hat sich mit den drei Machern im Vorfeld unterhalten.

Der Deutsche AnwaltSpiegel im Gespräch mit Dr. Claudia Junker, Prof. Dr. Klaus-Stefan Hohenstatt und Dr. Hariolf Wenzler

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Deutscher AnwaltSpiegel: Bevor wir zur Bucerius-Herbsttagung 2020 des Center on the Legal Profession (CLP) kommen, möchte ich Sie gern um Ihre Eindrücke und Erfahrungen des ersten Jahrs Ihrer Zusammenarbeit im Direktorium des CLP bitten. Wie hat sich das Center in diesem Ausnahmejahr entwickelt, wo lagen und liegen die Schwerpunkte?

Dr. Claudia Junker: Das zurückliegende Jahr hat uns alle mehr gefordert, als wir das gedacht hatten. Da wir alle drei hauptberuflich in operativer Verantwortung stehen, waren wir mit dem Management von Corona, sich daraus ergebenden Risiken für unsere Mitarbeiter und unser Geschäft mehr als ausgelastet. Gleichzeitig wurden dadurch unsere Themen gesetzt: Die diesjährige Herbsttagung handelt von den unternehmerischen Chancen, die in jeder Krise stecken, und den Risiken, die ständig zunehmen.

Prof. Dr. Klaus-Stefan Hohenstatt: In dieser Situation drehte sich unser Vorteil – alle drei Direktoren stehen selbst an der Front und wissen daher, was in der echten Welt passiert – in den Nachteil, dass wir rein zeitlich Zugeständnisse machen mussten. Und auch wenn wir thematisch auf der Höhe der Zeit sind: Der fehlende persönliche Austausch selbst im kleinen Kreis des Direktoriums ist ein Manko. Dennoch ist uns ein regelmäßiger Austausch per Videokonferenz untereinander und mit den Expertinnen und Experten der angebundenen Executive Faculty des Centers gelungen, um die aktuellen ­Themen und Schwerpunkte zu setzen. Wir haben unsere Forschungsaktivitäten und Veröffentlichungen verstärkt. Beispielhaft zu nennen ist unsere aktuelle Studie „Hochleistung unter Druck: Welche emotionalen Strategien ­nutzen Top-Performer, um erfolgreich durch die Krise zu navigieren?“ mit Partnerinnen und Partnern aus unterschiedlichen Kanzleien.

Dr. Hariolf Wenzler: Aus den Erfahrungen des Jahres 2020 lassen sich ja auch bereits die Schwerpunkte der künftigen Zusammenarbeit erkennen. Erstens: Wie arbeiten wir künftig in einer Welt, die anders bleiben wird und nicht einfach zum früheren Zustand zurückkehrt? Zweitens: Wie schaffen wir es, das ganze Spektrum der am Rechtsmarkt Beteiligten zu erreichen? Einzelne Teilmärkte wie z.B. Rechtsabteilungen, Legal-Tech-Dienstleister, Wirtschaftskanzleien, Justiz oder gar der Gesetzgeber entwickeln sich in sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit, wie bekommen wir das auf Sicht zusammen? Und schließlich drittens: Wie intensivieren wir den Dialog über die Grenzen hinweg? Was können wir von „Regulatory-Sandboxes“ in Utah lernen, von den Legal-Tech-Entwicklungen des „Worldwide most overlawyered Country“ Israel oder dem immer noch fortschrittlichen United Kingdom?

Deutscher AnwaltSpiegel: Come back stronger. Das ist das positive und selbstbewusste Motto der diesjährigen Herbsttagung, die bei dem zehnjährigen Jubiläum erstmals virtuell stattfinden muss. Was dürfen die Zuschauer an den Bildschirmen – ob im Home-Office oder im Büro – erwarten?

Dr. Junker: Wir haben, sowohl, was die Themen, als auch, was die Referenten und Referentinnen angeht, auf die gesetzt, die für „Das Neue“ stehen. Weil wir davon überzeugt sind, dass sich die Veränderungen auf dem Rechtsmarkt fortsetzen werden, haben wir im „Chancen“-Teil erfolgreiche Newcomer ebenso zu Gast wie Innovationen bestehender Einheiten. Außerdem schauen wir auf den Büromarkt der Zukunft und lernen, was jenseits von Home-Office-Hype und Open-Space-Skepsis unser künftiges Arbeiten prägen wird.

Prof. Dr. Hohenstatt: Mit Jörn Aldag, dem Gründer von Evotec und einem der Biotechpioniere unseres Landes, haben wir einen Keynote-Speaker gewonnen, der in einem hochregulierten Umfeld zur Weltspitze gehört – und nicht stehenblieb. Mit ihm im Gespräch wird Jörg Vocke, General Counsel Digital Industries, Siemens, sein, der dies aus „unserer“ juristischen Brille einsortieren hilft.

Dr. Wenzler: Im Teil über die „Risiken“ werden wir uns mit dem deutschen Gesetzgeber beschäftigen, der zögerlich ist, wenn es um Mut in Sachen Legal-Tech geht, und damit neue Geschäftsmodelle verhindert, aber mit der regulatorischen Schraube das bisherige Berufsleben zusehends teurer, weil bürokratischer macht. In einer ganzen Reihe von „Hands-on“-Workshops schließlich kann man lernen, wie sich das Gehörte ins konkrete Tun umsetzen lässt. Denn neben dem Netzwerken ist die praktische Handhabbarkeit von Ideen eines der bekannten Merkmale von Bucerius.

Deutscher AnwaltSpiegel: Das Problem bei Webkonferenzen ist ja, dass der für uns alle so wichtige persönliche Austausch nicht wirklich gewährleistet ist. Bitte schildern Sie unseren Lesern doch, welches Konzept Sie sich überlegt haben, um dieses Manko auszugleichen.

Dr. Junker: Mit der Bucerius-App schaffen wir eine zentrale Konferenzumgebung für die Teilnehmenden der 10. Herbsttagung: Der gesamte Livestream der Vorträge lässt sich darin bequem verfolgen. Fragen zu den Vorträgen können über die App eingesendet und von anderen Teilnehmenden bewertet werden. Die Fragen, gerade die mit vielen Votes, fließen in die an den Vortrag anschließende Interviewrunde ein. Ähnlich haben wir bereits in den vergangenen Jahren die Publikumsfragen gesammelt. Die Bucerius-App bietet darüber hinaus noch zahlreiche weitere Interaktionsmöglichkeiten: Networking auf Basis eines Matchmakings, Chat zwischen Teilnehmenden, Speakern, Sponsoren und dem Bucerius-Team oder z.B. den Besuch der virtuellen Sponsorenstände. Wir sind davon begeistert, auch wenn wir uns natürlich dessen bewusst sind, dass auch diese hervorragende virtuelle Umsetzung ihre Grenzen hat. Der alljährliche Networkingabend im Übersee-Club Hamburg lässt sich damit nicht ersetzen.

Deutscher AnwaltSpiegel: „Innovation“ ist eines der maßgeblichen Stichworte, die den Rechtsmarkt 2020 prägen. Bitte verraten Sie unseren Lesern doch, was diesbezüglich die Leuchtturmprojekte in Ihrem Unternehmen und in Ihren Sozietäten sind.

Dr. Junker: Innovation ist kein Einzelprojekt bei der Telekom, auch nicht in unserer Rechtsabteilung. Wir verändern uns permanent, indem wir uns sehr eng entlang den Bedürfnissen unserer internen Mandanten orientieren und Teil der Unternehmenskultur sind. Das fängt beim Büro an, denn wie in fast jedem Technologieunternehmen arbeiten auch wir in Open Spaces, flachen Hierarchien und mit kurzen Wegen. Aber auch inhaltlich haben wir beispielsweise an der Entwicklung der Corona-Warn-App mitgearbeitet, weil die Deutsche Telekom sie gemeinsam mit SAP für die Bundesregierung umgesetzt hat.

Prof. Dr. Hohenstatt: Innovation ist in Anwaltskanzleien nicht in erster Linie der Erfolg spezieller Labs oder besonderer Einheiten. Wenn sich Programmierer oder Innovationsberater Tools ausdenken, die Anwaltskanzleien helfen können, geht das häufig schief. Innovation muss direkt im Mandat geschehen. Es muss immer um die Frage gehen: Wie kann ich meinem Mandanten effizient und kreativ helfen, seine Ziele zu erreichen, so dass ein Mehrwert entsteht? Nehmen Sie die durch Corona erzwungenen virtuellen Hauptversammlungen. Hier zeigt sich Innovation darin, dass man für die Mandanten neue Lösungen und technische Prozesse entwickelt, die sich auch bewähren, wenn die Pandemie vorüber sein wird. Unsere besten Erfolge auf unserem „Innovationspfad“ haben wir im Dialog mit unseren Mandanten entwickelt.

Dr. Wenzler: Auch hier kein einzelnes Leuchtturmprojekt, sondern – im Sinne der „Client-Centricity“ die permanente Suche nach dem besseren Mandantennutzen (durch Befragung) und immer mehr Angebote, die „seamless“ funktionieren, sich also in die „Benutzeroberfläche“ unserer Mandanten einfügen. Und wir entwickeln Geschäftsfelder, die neben dem klassischen, regulierten Modell „Kanzlei“ liegen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Zum Schluss, wie immer, der Blick in die Glaskugel. Bitte vervollständigen Sie doch diesen Satz: In fünf Jahren wird die fortschreitende Digitalisierung im Rechtsmarkt dazu geführt haben, dass …

Prof. Dr. Hohenstatt: … Legal-Tech kein eigenes Segment mehr ist, sondern Teil nahezu aller anwaltlichen Services.

Dr. Wenzler: … wir den Begriff Rechtsmarkt noch einmal viel weiter fassen müssen – und Anwälte nur einen Teil derer darstellen, die Menschen und Unternehmen beim Umgang mit Dokumenten, Ansprüchen, Verträgen etc. helfen.

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