Fünf Fragen an: Dietmar Heise, Partner, Luther Rechtsanwaltsgesellschaft, Stuttgart

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Die Sozietät Luther hat sich sehr intensiv mit Fragen der agilen Arbeit auseinandergesetzt. Die Ergebnisse fließen nun ein in die weitere Ausrichtung der Sozietät in Bezug auf Legal-Tech und Digitalisierung. Thomas Wegerich sprach dazu mit dem zuständigen Partner Dietmar Heise. Mit diesem Interview startet die Redaktion des Deutschen AnwaltSpiegels eine mehrteilige Serie, in der wir verschiedene Aspekte der agilen Arbeit beleuchten werden.

Deutscher AnwaltSpiegel: Die mit dem BUJ durchgeführte Studie von Luther zu „Agile Arbeit 2019“ ist ­praktisch ein Instrumentenkasten für das, was Unter­nehmen und Sozietäten seit Beginn der Coronakrise
im März 2020 in einem Crashkurs lernen mussten.
Wie kam es seinerzeit zu der Studie, und wie ist die ­Untersuchung aufgebaut?

Heise: Vor über fünf Jahren wurde ich als Arbeitsrechtler mit den arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Fragen agiler Arbeit und insbesondere Scrum betraut. Wir haben bei den von uns beratenen Mandanten gesehen, dass agile Arbeit in den Unternehmen zum einen schon vor der Krise stark im Kommen war, dass sie zum anderen aber auch sehr unterschiedlich wahrgenommen wird: Auch in manchen größeren Unternehmen wurden die neuen Arbeitsformen in den HR- und Rechtsabteilungen noch nicht diskutiert, sondern wurden nur in Fachabteilungen, insbesondere in der IT, gelebt. Andere Unternehmen beschäftigten sich mit agilen Arbeitsformen schon mit ganzheitlichen Ansätzen. Wir wollten gerne auf breiterer Basis wissen, wie weit agile Arbeit bereits in Unternehmen verbreitet ist. Der BUJ fand diese Frage auch spannend und eröffnete uns Zugang zu seinen Mitgliedsunternehmen, die befragt werden konnten – von klein bis groß in allen Branchen. Demzufolge haben wir – Luther und der BUJ – gemeinsam erforscht, in welchen Unternehmen – nach Branchen und Größen – und in welchen Unternehmensbereichen agile Arbeit bereits gelebt wird, welche Entwicklungen die Unternehmen vorhersehen oder planen und welche Hemmnisse die Unternehmen für die Entwicklung agiler Arbeit sehen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Was sind für Sie die wesent­lichen Erkenntnisse?

Heise: Der Bedarf an agiler Arbeit stieg schon vor der Coronakrise rapide an. Leider bietet die Rechtsordnung aber immer noch keinen passenden Rahmen für agile Arbeit. 2019 war sorgfältige Planung der agilen Arbeit erforderlich, um sie den gegebenen rechtlichen Rahmen anzupassen. Das hat sich seitdem leider kaum geändert.

Deutscher AnwaltSpiegel: Schildern Sie unseren Lesern doch bitte, wie das Arbeiten bei Luther derzeit organisiert ist und wie ihre Mitarbeiter mit den Veränderungen umgehen.

Heise: Die Arbeit von Juristen ist nach meiner Überzeugung schon immer ein bisschen agil gewesen, besonders die von Rechtsanwälten. Wir lernen bei der Beratung in Fragen der Agilität auch deren Vorteile. Darum haben wir uns auf die Fahnen geschrieben, den Weg in agile ­Organisationsformen auch für unsere eigene Arbeit weiterzuentwickeln. Die aktuelle Krise befördert das allerdings eher wenig. Natürlich beziehen wir auch vermehrt Home-Office und mobile Arbeit in unsere Arbeitsorganisation ein. Das allein macht unsere Arbeit aber nur wenig agiler.

Deutscher AnwaltSpiegel: Wenn Sie die bisherigen ­Erfahrungen in Bezug auf die Arbeitsweise in Ihrer Sozietät, aber auch bei Mandanten im Verlauf der Krise betrachten: Was funktioniert besonders gut, was nicht?

Heise: Ich kann keine großen Unterschiede feststellen zwischen Luther und unseren Mandanten: Wo Kreativität gefragt ist, da können agile Organisationsformen als Katalysator große Hilfe leisten. Das gilt besonders auch auf neuen Feldern wie allen Themen um Digitalisierung und auch Legal-Tech, die wir unter dem Label „Luther.Digital“ zusammenfassen. Gerade wenn Ziele noch nicht punktgenau feststehen, lassen sich agil Ideen schnell entwickeln und gleichzeitig Ziele konkretisieren. Auf der anderen Seite müssen hin und wieder Vorbehalte überwunden und Überzeugungsarbeit geleistet werden, um gerade für die ersten Schritte hin zu agiler Arbeit Akzeptanz zu gewinnen. Am Ende ist „agil“ kein Allheilmittel für alle Probleme und auch nicht für alle Unternehmensbereiche, kann aber sehr helfen.

Deutscher AnwaltSpiegel: Und schließlich: Der Blick in die Glaskugel. Welche Arbeitsstrukturen und welche Bürokonzepte erwarten Sie im Rechtsmarkt in einem und in fünf Jahren?

Heise: In einem Jahr wird sich noch nicht viel geändert haben. Wir werden hoffentlich allmählich die Pandemie überwunden haben. Mobilere Arbeit wird bleiben. Vielleicht auch etwas agilere. Wenn die Entwicklung von IT und KI sich weiter so rasant steigert – woran ich nicht zweifle –, werden wir in fünf Jahren schon große Fortschritte im Rechtsmarkt sehen. Legal-Tech wird einfachere Arbeiten übernehmen und manche Massenverfahren überhaupt erst in vernünftigem Rahmen durchführbar machen. In komplexeren Angelegenheiten werden wir weitaus stärkere Unterstützung durch Legal-Tech haben. Aber bei Betriebsänderungen und Umstrukturierungen werden immer noch Anwälte beraten, nicht Computer. Die Bürokonzepte werden vermehrtem Home-Office und vermehrter mobiler Arbeit Rechnung tragen. An Großraumbüros für Rechtsanwälte glaube ich nicht. Anwaltliche Beratung bleibt Vertrauenssache, die zuweilen auch Vertraulichkeit verlangt.

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