Welche Erwartungen haben Absolventen an große Sozietäten – und wie sollten die Kanzleien reagieren?

Von Dr. Pär Johansson, Rechtsanwalt und Managing Partner Human Resources, Heuking Kühn Lüer Wojtek, Köln

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Anwaltskanzleien stehen schon lange nicht mehr nur im Wettbewerb um spannende und wirtschaftlich lohnende Aufträge ihrer Mandanten, sie konkurrieren ebenso hart um die besten Mitarbeiter. Zunehmend beobachten die einstellenden Kanzleien dabei, dass sich die Erwartungen der Bewerber an ihren Arbeitgeber und die Akzente in den Bewerbungsgesprächen verschieben.

The „good“ old times?
Früher war es für Bewerber in Wirtschaftskanzleien selbstverständlich, dem Job – zumindest in den ersten Jahren der Karriere – das Privatleben unterzuordnen. Das ist die Welt, in der sich auch die meisten Partner befinden: Die Ansprüche der Mandanten rund um die Uhr zu erfüllen ist vielerorts gelernte und gelebte Praxis.
Für die meisten Nachwuchskräfte ist dies allein allerdings kein ausreichender Lebensinhalt. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Die besten Bewerber sind ehrgeizig, erstklassig ausgebildet und hochmotiviert. Sie wissen, dass die überdurchschnittlichen Gehälter einen entsprechenden Einsatz und exzellente Arbeit erfordern. Sie wollen Karriere machen und streben in der Regel an, Partner der Sozietät zu werden. Aber sie möchten nicht wie die Generation ihrer Eltern leben, bei denen der Vater keine Zeit für die Kinder hatte und die Mutter ihren Beruf zugunsten der Familie aufgab. Junge Frauen und Männer wollen mehr: einen anspruchs- und sinnvollen Beruf und Raum für ein erfülltes Privatleben. Und sie werden mit einer technologischen Entwicklung konfrontiert, die ihnen die Frage der Balance zwischen Beruf und Privatleben dringlicher vor Augen führt als früheren Generationen: Im Zeitalter der Blackberrys und Mailboxen erwarten die Mandanten (und Kanzleien), dass dringende Anfragen auch abends und am Wochenende beantwortet werden. Wer ständig erreichbar ist, muss die Grenze zwischen Beruflichem und Privatem setzen lernen.

Was jetzt zu tun ist
Wie können die Kanzleien auf die genannten Aspekte reagieren? Am wichtigsten ist es, insgesamt eine Atmosphäre zu schaffen, in der auch Rücksicht auf private Belange genommen wird. Bedeutende Mandantentermine haben immer Priorität, aber wo es möglich ist, kann mit gutem Willen auch auf Familienereignisse Rücksicht genommen werden. Und die generelle Erwartung, dass niemand vor 21 Uhr das Büro verlässt und jeder am Wochenende zusätzlich arbeitet, ist zumindest dann überflüssig, wenn die Auftragslage es nicht erfordert.
Die Kanzleien werden sich darüber hinaus mehr als in der Vergangenheit für flexible Modelle offen zeigen müssen. Generelle Lösungen fallen schwer, zu unterschiedlich sind die Anforderungen der Kanzleien und die Pläne der Mitarbeiter im Einzelfall, weshalb oft auf individuelle Vereinbarungen zurückgegriffen wird. Teilzeitmodelle für Frauen und Männer, die mehr Zeit für ihre Familie einplanen möchten, sowie Auszeiten, sogenannte „Sabbaticals“, oder längere Urlaubszeiten sind mögliche Angebote. Im Zusammenhang mit solchen Regelungen sind flexible Vergütungsabreden gefragt. Dabei setzen ökonomische Zwänge die Grenzen vertretbarer Regelungen: Wer in einem Beruf reüssieren möchte, bei dem die abrechenbare Dienstleistung sich oft an dem zeitlichen Einsatz und dem als Rechtsanwalt verantworteten Geschäft orientiert, wird bei reduzierter Arbeitszeit temporäre Einschnitte in der Entlohnung hinnehmen müssen.

Ausblick
Die Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt ist abwechslungsreich, fachlich und persönlich herausfordernd, in vielen Bereichen spannend – und zeitintensiv. Hieran wird auch die geschilderte Entwicklung nichts Grundlegendes ändern. Ohne intensiven Einsatz geht es nicht. Aber die jungen Bewerber stellen den Etablierten Aufgaben, die sie lösen müssen, wenn sie nicht zumindest einen Teil der Besten als Nachwuchs verlieren wollen.

Kontakt: p.johansson@heuking.de

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