Innovationsmanagement auf dem Rechtsmarkt – Ein Tagungsbericht
Von Arne Gärtner

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Darum ging es

Seitdem im Jahr 2012 das Thema Innovation auf dem Rechtsmarkt durch eine Reihe von Veröffentlichungen vom Bucerius Center on the Legal Profession (CLP) aufgegriffen wurde, hat sich in Deutschland eine breite Diskussion um alle damit verbundenen Facetten entwickelt. Das war Grund genug, Innovation zum Leitmotiv der 4. Herbsttagung des Centers zu machen, die am 21.11.2014 auf dem Campus der Bucerius Law School stattfand. Erneut folgten mehr als 160 führende Juristen und Manager aus Rechtsabteilungen, aus Kanzleien und von Anbietern alternativer Rechtsdienstleistungen der Einladung nach Hamburg.

Im Mittelpunkt des Interesses standen bei den Teilnehmern durchaus unterschiedliche Fragen: Wo besteht Potential für Innovationen auf dem Rechtsmarkt? Welche neuen Wege beschreiten Kanzleien, Unternehmen und alternative Anbieter von rechtsnahen Dienstleistungen? Wie sieht der Rechtsmarkt von morgen aus? Wie gehen Unternehmen, Kanzleien und neue Anbieter mit der „More-for-Less“-Challenge um? Welche Innovationen ergeben sich in den Bereichen Wissens- und Vertragsmanagement, Human Resources und Projekt- und Prozessmanagement? Sehr genau registriert wurde dabei stets die Sichtweise der einzelnen Referenten zu der Qualität der bevorstehenden Veränderungen: Gibt es Anzeichen einer disruptiven Entwicklung (Umbruch), oder wird davon ausgegangen, dass der Markt sich eher kontinuierlich weiterentwickeln wird (Evolution)?

Eingestimmt wurden die Teilnehmer bereits am Vorabend mit dem neu eingeführten Get-together im Übersee-Club. Professor Björn Bloching, Global Head Competence Centers Consumer Goods & Retail, Marketing & Sales bei Roland Berger Strategy Consultants, referierte in seiner Dinner-Speech über das gegenwärtige Top-Thema Big Data. Unter der Headline „Data Unser“ erklärte er den Anwesenden, wie sich in unterschiedlichsten Branchen die Geschäftsmodelle durch die Auswertung großer Datenmengen verändern. Welche Quellen sich erschließen lassen, wie man Algorithmen optimiert und wie in den USA schon jetzt sogar die Entscheidungen des Supreme Court mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% hochgerechnet wurden, waren Aspekte, die Gesprächsstoff weit über den Abend hinaus boten.

Die Eröffnung der Tagung am nächsten Morgen erfolgte durch Christian Pothe, Geschäftsführer der Bucerius Education GmbH. Er konnte Teilnehmer aus den USA, aus England, aus Österreich, der Schweiz, Tschechien und Polen begrüßen.

Perspektivwechsel: Die Rechtsabteilung in einem innovativen Unternehmen

Erster Referent war Oliver Haakshorst, General Counsel der Moovel GmbH aus Stuttgart. Im Rahmen seines Vortrags „Car2Go – Die Geschichte eines innovativen Geschäftsmodells“ beleuchtete er, was Juristen in Rechtsabteilungen und Kanzleien von innovativen Unternehmen lernen können. Haakshorst führte zunächst durch die Geschichte von Moovel – von Daimler als Tochtergesellschaft für innovative Mobilitätsdienstleistungen gegründet. Im zweiten Schritt stellte Haakshorst dar, wie – parallel zu dieser Entwicklung – auch die Rechtsabteilung gewachsen ist. Anfangs noch eine One-Man-Show, besteht die Abteilung inzwischen aus acht Mitarbeitern. Ziel der Rechtsabteilung ist dabei immer, als Problemlöser zu agieren und nicht als Verhinderer.

More-for-Less durch Innovation in der Rechtsabteilung

British Telecom (BT) gelang es in den vergangenen Jahren, die Gesamtausgaben für Rechtsberatung um 11% zu senken und gleichzeitig 40% weniger Anwälte im Inhouse-Team in Großbritannien zu beschäftigen. Wie das gelungen ist, stellte Dan Fitz (BT Group) den Teilnehmern vor. Ausgegangen ist diese Entwicklung von einer strategischen Neuausrichtung der BT Group. Dadurch kam auch die Rechtsabteilung in Zugzwang und richtete die eigene Strategie neu aus. Zunächst wurden die einzelnen Herausforderungen identifiziert, um im nächsten Schritt geeignete Daten über die aktuellen Tätigkeiten in der Rechtsabteilung zu sammeln. Dabei wurde identifiziert, dass circa 60% aller Tätigkeiten innerhalb der Rechtsabteilung in den Bereich der „low value repeatable tasks“ fallen. Genau da hat der Changeprozess angesetzt: Denn laut Fitz müssen diese Tätigkeiten nicht durch hochausgebildete Inhouse-Juristen durchgeführt werden, sondern können komplett ausgelagert werden. Im Fall von BT wurden diese an Axiom ausgegliedert, die gleichzeitig die Aufgabe bekommen haben, in Zukunft als „Front Door“ der Rechtsabteilung zu agieren, um die Allokation der anfallenden Aufgaben bestmöglich vorzunehmen. Dadurch ist es gelungen, den Changeprozess erfolgreich in Gang zu setzen. Heute werden 60% der anfallenden Tätigkeiten nicht mehr von den hochausgebildeten Inhouse-Anwälten erledigt, sondern direkt durch Axiom.

Innovation in der Kanzlei: Erfahrungen bei Addleshaw Goddard und DWF

Bei Addleshaw Goddard begann der Weg zu einer innovativen Kanzleikultur zunächst damit, Ressourcen anders und besser zu verteilen. Andrew Chamberlain (früher Addleshaw Goddard, heute DWF) berichtete, wie zunächst das Transaction-Services-Team mit Paralegals aufgebaut wurde, das dann zentral Dienstleistungen für die gesamte Kanzlei erbringt. Dieses Team ist nach kurzer Zeit von fünf auf 50 Mitarbeiter gewachsen. Im zweiten Schritt wurde der Versuch unternommen, die gesamte Leistungserbringung innerhalb der Kanzlei in einzelne Prozessbestandteile zu untergliedern (Process Mapping). Zeitgleich wurde das Transaction-Services-Team weiter ausgebaut, bis auf 120 Paralegals, die heute von einem eigenen COO geleitet werden. Ziel war es, dass bis zum Ende des Jahres 2015 10% aller Tätigkeiten bei Addleshaw von diesem Team erledigt werden. Zusätzlich wurde das Modell eines Delivery Hub entwickelt, das alle innovativen Ideen bei Addleshaw Goddard gemeinsam betrachtet. Chamberlain ging im Folgenden auf Herausforderungen ein, die mit Innovation einhergehen, und stellt dar, warum einige der Ideen heute bei Addleshaw Goddard nicht mehr weiterverfolgt werden. Abschließend stellte Chamberlain dar, welche der vorher angesprochenen Ideen er nun bei DWF weiterverfolgen wird. Er kam zu dem Ergebnis, dass es zwar eine Reihe von innovativen Ideen gibt, aber fraglich ist, ob diese eher operativ sind oder tatsächlich strategischer Natur. Darüber hinaus stellte er auch fest, dass der Auslöser für eine tatsächliche Disruption (ein „market changing event“) bisher nicht zu sehen ist.

Die dritte Säule des Rechtsmarkts: Innovation aus Sicht eines innovativen Dienstleisters

Alternative Dienstleister von rechtsnahen Dienstleistungen sind in Deutschland auf dem Vormarsch, aber in Ländern wie den USA und Großbritannien schon lange etabliert. Paul Carr (Axiom Global) zeigte zunächst, welche Dienstleistungen Axiom inzwischen für Unternehmen und Kanzleien erbringt. Gestartet im Bereich „Lawyers on Demand“ (Insourcing) bietet Axiom inzwischen auch Leistungen im Bereich Outsourcing und dem Management komplexer Projekte an. Laut Carr befindet sich das traditionelle Geschäftsmodell von großen Anwaltskanzleien momentan im „Windtunnel“, nach dem Motto: „This windtunnel will remove everything that‘s inefficient and wasteful“. Dadurch wird deutlich, welche Tätigkeiten, die bisher von Kanzleien erbracht wurden, auch in Zukunft durch Kanzleien erbracht werden und welche Leistungen eher von alternativen Dienstleistern erbracht werden. Dabei unterstützen Anbieter wie Axiom die Rechtsabteilung darin, effizienter zu werden, vor allem in den Bereichen Revenue, Risk und Cost.

Kanzleien von morgen!

Markus Hartung (Bucerius Center on the Legal Profession) bildete mit seinem Vortrag „Kanzleien von morgen!“ – eine Anlehnung an den Buchtitel „Tomorrow’s Lawyers“ – den Abschluss des Vormittags. Hartung stellte zunächst mehrere Treiber vor, die die zukünftige Entwicklung auf dem Rechtsmarkt maßgeblich beeinflussen werden und darüber entscheiden, ob es zum Umbruch kommt oder bei der Evolution bleibt. Für Hartung ist insbesondere die Anbieterlandschaft im Bereich der alternativen Anbieter dafür ausschlaggebend. Dabei bezog er sich auf eine vom Bucerius Center on the Legal Profession und der Boston Consulting Group durchgeführte Studie zum Thema „Trends in the legal market – disruption, evolution or just hype?“. Hartung betrachtete dabei die drei Säulen des Marktes – die Rechtsabteilungen, die Kanzleien und die alternativen Anbieter – und untersuchte die Frage, welche Kernelemente des Geschäftsmodells von großen Kanzleien ins Wanken geraten müssten, um eine disruptive Entwicklung zu ermöglichen. Nach Hartungs Analyse haben Kanzleien bisher nicht zu befürchten, von heute auf morgen von einem neuen Anbieter komplett abgelöst zu werden. Dennoch befindet sich der Markt in einer Phase der Konsolidierung, und nur die Kanzleien, die frühzeitig bereit sind, auch über ihr Geschäftsmodell nachzudenken, werden langfristig in dem hochkompetitiven Marktumfeld bestehen können.

Innovation in verschiedenen Bereichen

Am Nachmittag fanden vier parallele Workshops statt. Paul Carr, Andrew Chamberlain und Dan Fitz diskutierten eher allgemein über die Zukunft des Rechtsmarkts. Mit dem Thema Wissens- und Vertragsmanagement setzten sich Prof. Dr. Martin Schulz (GGS Heilbronn) und Dr. Klaus-Peter Weber (Goodyear Dunlop) auseinander. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem inhärenten Spannungsfeld der erfolgsorientierten Unternehmensführung. In einem weiteren Workshop entwickelten Markus Hartung, Wolf Kahles (Clifford Chance) und Dr. Dominik Lentz (Fujifilm) ein innovatives Ausbildungsmodell für Juristen mit zweitem Staatsexamen. Der Clou: Die Ausbildung findet parallel im Unternehmen und in der Kanzlei statt, und im Anschluss an die Ausbildung können sich die Juristen entscheiden, ob sie lieber im Unternehmen oder in der Kanzlei anfangen wollen. Dr. Manuel Meder (BusyLamp) und Prof. Dr. Wolfgang Weiss (Hochschule Coburg) setzten sich in ihrem Workshop mit dem Projekt- und Prozessmanagement als Voraussetzung und „enabler“ für Innovationen auseinander.

Fokus: Changemanagement

Die letzten beiden Vorträge widmeten sich dem Thema Changemanagement und bildeten damit schon den Auftakt für die fünfte Herbsttagung. Unter dem Titel „Den Wandel gestalten, den Wandel begleiten“ stellte Prof. Dr. Uta Wilkens zunächst verschiedene Etappen in Veränderungsprozessen im Unternehmen dar und ging dabei besonders auf Widerstände ein, die sich bei Veränderungsprozessen häufig ergeben. Changemanagement erfordert Führungskompetenzen der Bereiche Top-down und Bottom-up und somit sowohl transformationale als auch partizipative Führung. Dass Veränderungsprozesse Bewegungen auf allen Ebenen eines Unternehmens hervorrufen, konnte auch Dr. Konrad Wartenberg (Axel Springer) bestätigen. Ausgehend von den Veränderungen auf dem Nachrichtenmarkt leitete Wartenberg ab, welche Veränderungen – vor allem im Hinblick auf das Geschäftsmodell – sich im Axel-Springer-Konzern ergeben haben. Gleichzeitig betrachtete er die Veränderungen auf dem Rechtsmarkt und versuchte anschließend, sowohl die Veränderungen im Konzern als auch die Veränderungen auf dem Rechtsmarkt gemeinsam zu betrachten. Die in seinem Vortrag aufgeworfene Frage „Revolution in der Rechtsabteilung?!“ konnte er abschließend mit nein beantworten und schlussfolgerte, dass die „nachhaltige und (immer notwendige) Evolution in der Rechtsabteilung“ unter „Beibehaltung der traditionellen juristischen Arbeitsweise“ aber in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt hat und auch in der Zukunft spielen wird.

Fazit

Die Vorträge auf der Tagung haben gezeigt, dass es in verschiedenen Bereichen des Rechtsmarkts zu Veränderungen kommt, dennoch ergeben sich diese nicht von alleine und hängen nicht zuletzt an Einzelnen. So sagte Dan Fitz: „You never wake up in the morning and think about how you can be more innovative. There needs to be a pressure that drives innovation.“

Die 5. Herbsttagung des Bucerius Center on the Legal Profession findet am 20.11.2015 in Hamburg statt und wird sich dem Thema „Change Management“ widmen. Merken Sie sich den Termin bereits jetzt vor.

arne.gaertner@law-school.de

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