Der Deutsche AnwaltSpiegel im Gespräch mit Alexander Reus, Partner der Insolvenzboutique anchor Rechtsanwälte

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Im Zeitraffer: Junge Anwälte sammeln erste Praxiserfahrung bei einer bundesweit sehr renommierten Kanzleiadresse und wagen nach einigen Jahren den Sprung in die Selbständigkeit. Eine klare Aufstellung gibt es ebenso wie eine gemeinsame Zielsetzung. Die Konzentration auf Spezialbereiche – hier das Insolvenzrecht – ist gegeben, eine aktive Aufbauarbeit folgt. Solche Erfolgsstorys über Spin-offs gibt es ja gelegentlich im Rechtsmarkt, und sie lesen sich immer wieder gut. Wir haben einmal etwas genauer hingeschaut. Thomas Wegerich sprach mit Alexander Reus.

AnwaltSpiegel: 2007 ist anchor im deutschen Markt ­gestartet. Die Start-up-Jahre sind nun allmählich vorbei, an neun Standorten arbeiten knapp 30 Berufsträger für die Kanzlei. So weit die
Fakten. Wo steht anchor ­heute?

Reus: anchor ist eine mittelständische Boutiquekanzlei, die in den Bereichen Insolvenz und Sanierung bundesweit zu den etablierten Marktteilnehmern zählt. anchor gilt als unabhängiger und unbestechlicher Berater mit hoher Kompetenz und einem hohen Qualitätsanspruch. Im Bereich der Insolvenzverwaltung fühlen wir uns in der neuen Welt des ESUG wohl und können auf einige erfolgreiche Sachwaltungen und Eigenverwaltungen zurückblicken. Diesen Bereich wollen wir ausbauen. Auch in diesem Umfeld halten wir Unabhängigkeit für ein wertvolles Gut.

AnwaltSpiegel: Und wie ist die strategische Ausrichtung? – Sie selbst bezeichnen sich als „Hybrid zwischen Kanzlei und Unternehmensberatung“. Unsere Leser wird interessieren, was sich dahinter verbirgt.
Reus: Wir sehen uns nicht als reine Rechtsanwälte. Unsere Erfahrung aus der Unternehmensleitung in einer Vielzahl von erfolgreichen Insolvenzverfahren und Sanierungen basiert auch auf einem tiefen betriebswirtschaftlichen Verständnis. Sanierung ist eine unserer Kernkompetenzen. Viele unserer Partner und Kollegen sind auch Kaufleute oder haben Erfahrungen in kaufmännischen Positionen gesammelt. Wir beraten unsere Mandanten nicht nur rechtlich, sondern auch strategisch und gegebenenfalls operativ. Wir übernehmen in Krisenfällen Organverantwortung, um unsere Mandanten sicher durch diese schwierige Phase zu steuern. Dies zeigt sich auch in unseren Tätigkeitsfeldern, insbesondere bei der Eigenverwaltung, bei Insolvenzplänen und Divestment.

AnwaltSpiegel: In welchem Marktumfeld bewegen Sie sich heute? Wer sind Ihre Mandanten?
Reus: Das Marktumfeld ist aktuell für viele Marktteilnehmer schwierig, denn der Insolvenz- und Sanierungsmarkt ist in den vergangenen Jahren zunehmend ausgetrocknet, aufgrund der erfreulichen konjunkturellen Lage in Deutschland. Natürlich gibt es in allen Marktsituationen Unternehmen, die in Schwierigkeiten geraten, sei es, weil sich ihr eigenes Marktumfeld schneller verändert hat, als sich das Unternehmen an die neuen Gegebenheiten anpassen konnte, oder sei es aufgrund interner Probleme. Wir sehen eine Konzentration und eine verstärkte Präsenz der großen Beratungsgesellschaften, die aus unserer Sicht zu einer Professionalisierung des Umfelds beitragen – auch wenn sie zumeist unsere Kernkompetenzen nicht selbst aufbauen. Hier müssen wir zwischen den verschiedenen Tätigkeitsfeldern unterscheiden: Im Insolvenzbereich fühlen wir uns dem sanierbaren Unternehmen und seinen Arbeitnehmern ebenso verpflichtet wie den Gläubigern und dem Insolvenzgericht. Im Bereich Distressed M&A und Divestment sind unsere Mandanten mittelständische Unternehmen und Private-Equity-Gesellschaften. Treuhandschaften und Sanierungsberatungen werden oft über die beteiligten Finanzierungsgläubiger eingesteuert, die unsere Sanierungsexpertise nachfragen. Im Sanierungsarbeitsrecht sind es überwiegend mittelständische Unternehmen.

AnwaltSpiegel: Und welche Wettbewerber haben Sie in erster Linie?
Reus: Andere bundesweit agierende Kanzleien, die auf Insolvenz und Sanierung spezialisiert sind, aber auch Beratungsgesellschaften und die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die heute als Full-Service-Provider agieren.

AnwaltSpiegel: Wie hat sich der Wettbewerb verändert in den vergangenen Jahren?
Reus: Es hat eine deutliche Konzentration und Professionalisierung stattgefunden. Der Markt ist heute zum Glück regulierter. Durch das ESUG wurden in vielen Bereichen die Karten neu gemischt. Wir fühlen uns in diesem Umfeld sehr wohl.

AnwaltSpiegel: Sie haben jüngst in Stuttgart ein weiteres Büro eröffnet. Das ist ein ebenso begehrter wie umkämpfter Markt. Mit welchem Ansatz treten Sie dort an?
Reus: Die Bedeutung, die wir dem Standort zukünftig beimessen, kann man schon daraus ableiten, dass mit Prof. Dr. Martin Hörmann und Tobias Wahl zwei Partner die Standortverantwortung übernommen haben und neben ihnen mit Thomas Rieger und Dr. Christian Sußner zwei erfahrene Anwälte mit Ambitionen am Standort tätig sind. Wir wollen in Stuttgart und Umgebung in „ESUG-Insolvenzverfahren“ als Verwalter, Sachwalter oder eigenverwaltende Geschäftsführer tätig werden; ein breiter Markteintritt als „Full-Service-Insolvenzverwalter“ ist nicht geplant. Außerdem wollen wir einen starken Beratungsstandort aufbauen. Wir sehen in dieser wirtschaftlich wohl stärksten Region Deutschlands eine gute Nachfrage nach unseren Kompetenzen, und zwar insbesondere im krisennahen Transaktionsgeschäft, der Sanierungsberatung und der Krisenvermeidung durch unseren Stresstest für Unternehmen.

AnwaltSpiegel: Welche weiteren Expansionspläne verfolgt anchor?
Reus: anchor expandiert in der Regel personengetrieben: Wir suchen Menschen, die zu uns passen, und nicht Standorte. In Stuttgart hat es sich so ergeben, dass Herr Dr. Sußner von GSK Stockmann zu uns zurückkommen wollte und Thomas Rieger für die Partnerschaft schon zuvor die Frage der Wirtschaftlichkeit eines Markteintritts dort prüfte. So wurde diese Entscheidung von zwei unserer Kollegen vorangetrieben und von der Partnerschaft unterstützt. Wir werden uns personell sicherlich im Beratungsbereich noch verstärken. Wo das der Fall sein wird, hängt von den Persönlichkeiten ab, die wir von einem Eintritt bei anchor überzeugen wollen.

AnwaltSpiegel: Und wie steht es um die Arbeit im internationalen Umfeld?
Reus: In diesem Bereich sind wir mit Dr. Robert Hänel und mir nicht schlecht aufgestellt. Aufgrund unserer langjährigen Zugehörigkeit zu internationalen Organisationen wie INSOL und eigener Tätigkeit im Ausland haben wir ein weites Netzwerk an Partnern in nahezu allen relevanten Märkten. Kürzlich sind wir auf eine Anfrage hin einem weiteren Netzwerk beigetreten, dem ICIN (Independent Canadian Insolvency Network), das gerade einen europäischen Zweig aufbaut. Damit werden wir unsere internationale Präsenz und Tätigkeit deutlich verstärken. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns gerade in diesem Bereich in den nächsten Jahren noch intensiv umsehen werden.

AnwaltSpiegel: Lassen Sie uns den Blickwinkel ändern und einmal auf die HR-Seite schauen. Warum sollten sich junge High Potentials für anchor interessieren? Was kann die Kanzlei bieten, und welche Karrierechancen gibt es?
Reus: anchor bietet eine verlässliche und transparente Karriereplanung mit klar abgrenzbaren Profilen („Anwaltsunternehmer“ oder „Spezialist“) ohne „Up-or-out-Prinzip“ und für unternehmerisch denkende und handelnde Junganwälte viele Entwicklungsmöglichkeiten in Richtung Partnerschaft. Wir geben viele Freiräume, die ein Junganwalt nutzen kann, und ein künftiger Partner muss sich nicht in ein System einkaufen, das Kaufpreise für Anteile und Renten für ausscheidende Partner vorsieht. Ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt ist übrigens, dass die Arbeit bei und mit uns einfach Spaß macht.

AnwaltSpiegel: Last, but not least: Wo steht anchor heute in fünf Jahren?
Reus: Wir werden in den nächsten Jahren unser Profil als Boutiquekanzlei entlang unserer Tätigkeitsfelder weiter schärfen und unsere internationale Visibilität weiter verbessern. Wir werden als Full-Service-Kanzlei im Sanierungsbereich wahrgenommen werden, allerdings keine anderen Rechtsgebiete singulär anbieten. Aber fragen Sie mich gern dazu im nächsten Januar noch einmal, denn es steht der Partnerworkshop unter der Fragestellung „anchor 2020“ an.

AnwaltSpiegel: Herr Reus, das werde ich gern tun. Für den Moment erst einmal herzlichen Dank für Ihre offenen Antworten.

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