Die Einstellung des First Quotation Board an der Frankfurter Wertpapierbörse

Von Peter Holst, LL.M., Rechtsanwalt, Ashurst LLP, Frankfurt am Main und
Dr. Philip Cavaillès, Rechtsanwalt und Solicitor (England and Wales), Ashurst LLP, Frankfurt am Main

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Mit Rundschreiben vom 06.02.2012 hat die Deutsche Börse AG alle im Freiverkehr (Open Market) notierten Unternehmen darüber informiert, dass sie das Freiverkehrssegment des First Quotation Board (FQB) an der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB) für Aktien voraussichtlich im dritten Quartal 2012 einstellen wird. Darüber hinaus wird es eine Überarbeitung der Regularien für den Freiverkehr an der FWB geben.

In diesem Artikel wollen wir die Auswirkungen der Einstellung des FQB auf bislang in diesem Segment notierte Unternehmen darstellen sowie Handlungsoptionen für die Unternehmen und ihre Aktionäre aufzeigen. Dieser Artikel konzentriert sich allein auf Aktien, nicht eingegangen werden kann an dieser Stelle auf Auswirkungen auf im Freiverkehr notierte Anleihen. Nicht behandelt werden außerdem Voraussetzungen des EU-regulierten Marktes.

Bisherige Marktsegmente
Bislang bietet die FWB Emittenten zwei wesentliche Marktsegmente als Zugang zum Kapitalmarkt an. Zum einen den EU-regulierten Markt („Regulierter Markt“) mit den Untersegmenten Prime Standard und General Standard. Zum anderen ist die Notierungsaufnahme in dem auf privatrechtlicher Basis organisierten Open Market (Freiverkehr) möglich. Dieser besteht aus dem FQB für Erstlistings, dem Second Quotation Board für bereits an einem von der deutschen Börse anerkannten in- oder ausländischen börsenmäßigen Handelsplatz notierte Unternehmen und dem Entry Standard als Premiumsegment mit erhöhten Zulassungsvoraussetzungen und -folgepflichten. Eine Liste der anerkannten börsenmäßigen Handelsplätze, die zu einer Einbeziehung in den Second Quotation Board berechtigen, hat die Deutsche Börse auf ihrer Website veröffentlicht (Link).

Pläne der Deutschen Börse
Die Deutsche Börse AG wird den FQB vollständig einstellen. Anlass waren wiederholte Verdachtsmomente wegen Kurs- und Marktmanipulationen, Betrugs und Anlagebetrugs in diesem Handelssegment. Der wenig regulierte FQB war für derartige Handlungen offenbar anfälliger als strenger regulierte Segmente. Trotz einer Verschärfung der Anforderungen des FQB Anfang 2011 sowie straf- und aufsichtsrechtlicher Maßnahmen kam es weiterhin zu massiven Verdachtsfällen. Die Schließung soll erst im dritten Quartal 2012 erfolgen, um so Anlegern noch die Möglichkeit zu geben, ihre Aktien über die Börse zu veräußern.

Neben der Schließung des FQB werden die Freiverkehrsregularien der FWB grundlegend überarbeitet. Für Erstlistings im Freiverkehr wird es nur noch den Entry Standard geben, dessen Anforderungen allerdings weiter verschärft werden. So sollen zukünftig keine Erstlistings im Entry Standard ohne öffentliches Angebot mehr möglich sein, womit im Ergebnis stets ein von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht gebilligter Wertpapierprospekt für die Einbeziehung erforderlich sein wird. Den Einbeziehungsantrag muss künftig, wie im Regulierten Markt, ein zugelassenes Kreditinstitut bzw. Finanzdienstleistungsinstitut stellen. Auch die Einbeziehungsfolgepflichten für im Entry Standard gelistete Unternehmen sollen verschärft werden. Neben dem obligatorischen Jahresbericht sollen die Emittenten zukünftig ausführlichere Halbjahresberichte veröffentlichen.

Die vorgeschlagenen Neuregelungen sind noch nicht final beschlossen. Bis zum 24.02.2012 bestand die Möglichkeit, Konzeptentwürfe für eine mögliche Ausgestaltung des neuen Regelwerks bei der Deutschen Börse einzureichen. Nach Prüfung der Entwürfe durch die Deutsche Börse ist im Verlauf des ersten Quartals 2012 die Vorstellung der geänderten Regelungen geplant. Eine finale Umsetzung der Änderungen ist für das Ende des dritten Quartals 2012 angestrebt.

Auswirkungen auf bestehende Listings
Die Einstellung des FQB hat zur Folge, dass die Notierungen der dort gelisteten Gesellschaften ersatzlos entfallen. Soweit kein Zweitlisting besteht, sind die Aktien der betroffenen Gesellschaften danach nicht mehr börsenmäßig handelbar.

Die Einstellung des FQB hat jedoch auch Auswirkungen auf Zweitlistings der Gesellschaften an anderen Börsen. Zweitlistings setzen nämlich in der Regel das Vorliegen eines Erstlistings, d.h. einer „Heimatbörse“ voraus. Das Erlöschen des Erstlistings in Frankfurt würde daher dazu führen, dass möglicherweise auch die an anderen Börsen bestehenden Zweitlistings entfallen bzw. von den jeweiligen Börsen gekündigt werden könnten. Im Zweifel sollten die Börsenbetreiber der bestehenden Zweitlistings kontaktiert und nach den Auswirkungen der Einstellung des FQB auf das Zweitlisting gefragt werden.

Handlungsoptionen
Die Leitungsverantwortlichen sowie die Aktionäre der betroffenen Unternehmen werden sich somit Gedanken darüber machen müssen, ob und wie in Zukunft die Handelbarkeit der Aktien der Gesellschaft sichergestellt werden soll. Neben der hier nicht weiter zu behandelnden Option, in Zukunft völlig ohne Börsennotierung auszukommen, kommt in Betracht, entweder (a) ein „Hochlisting“ bzw. „Upgrade“ in den Entry Standard der FWB vorzunehmen oder (b) das Erstlisting im Freiverkehr einer anderen deutschen Börse zu beantragen.

Vor der Auswahl des für das konkrete Unternehmen anzustrebenden Marktsegments sollten zunächst die relevanten Einbeziehungsvoraussetzungen des avisierten Börsensegments festgestellt werden. Wesentliche Einbeziehungsvoraussetzungen sowohl im Entry Standard der FWB als auch in verschiedenen Freiverkehrssegmenten anderer deutscher Börsen sind etwa das Vorliegen einer bestimmten (Mindest-) Grundkapitalziffer und -Bilanzsumme, die Erstellung einer kurzen Beschreibung des Emittenten und seiner Geschäftstätigkeit (sog. Exposé) sowie die Vorlage eines (geprüften) Jahresabschlusses für das letzte Geschäftsjahr. Sollten einzelne der genannten Einbeziehungsvoraussetzungen für das jeweilige Unternehmen schwer zu erfüllen sein, ist daran zu denken, sich rechtzeitig mit den jeweiligen Börsenbetreibern bezüglich einer möglichen Befreiung von dem Erfordernis in Verbindung zu setzen. Nicht zu vernachlässigen sind außerdem die nach der Einbeziehung einzuhaltenden Folgepflichten, etwa ob Jahresabschlüsse und Zwischenberichte zu veröffentlichen sind und welche Rechnungslegungsvorschriften einzuhalten sind. Darüber hinaus sind natürlich auch die einmaligen und laufenden Einbeziehungskosten relevant sowie, was für eine Liquidität und was für ein Investorenpublikum die jeweiligen Börsen den Unternehmen bieten können.

Fazit
Unternehmen, die im First Quotation Board der FWB notiert sind, ist zu empfehlen, sich möglichst frühzeitig Klarheit über die Auswirkungen der Einstellung dieses Segments auf ihre eigene Börsennotierung zu verschaffen. Zu denken ist insbesondere daran, dass auch Zweitlistings an anderen Börsen betroffen sein könnten, wenn Frankfurt bislang die Heimatbörse dieser Unternehmen war. Genauso frühzeitig sollten Handlungsoptionen ausgelotet werden, um den Gesellschaften sowie ihren Aktionären die börsenmäßige Handelbarkeit der Aktien auch weiterhin zu ermöglichen.

Kontakt: peter.holst@ashurst.com und Philip.cavailles@ashurst.com

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