Mock Dawn Raids: lehrreiche Generalprobe zur Morgenstunde
Von Dr. Ingo Bott

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Morgens halb zehn in Deutschland. Die ersten Akten des Tages sind bearbeitet, die zweite Kaffeerunde steht an, im Büro wird das Frühstückchen aus dem blauweißen Plastik geschält. So weit, so friedlich. Hin und wieder klingelt es an der Tür, und es trudeln ein: der frühe Be-sprechungstermin, verschlafene Kollegen, die Geschäftspost. Und plötzlich auch ein halbes Dutzend unangekündigte Besucher mit klarer Ansage: „Durchsuchung! Bitte alles stehen- und liegenlassen.“ Außerdem verlangen die Besucher den Geschäftsführer und den Vertriebsleiter zu sprechen.

Durchsuchung, auch das noch. Was dem Entgleisen der Gesichtszüge folgt, ist nicht selten ein Potpourri an Varianten menschlicher Stressbewältigung – und an Fehlern, eifrig mitnotiert von den Durchsuchenden: der hektische Löschversuch am Server, der eilige Griff zum Schredder. Der auskunftsfreudige Assistent der Geschäftsleitung, der Mitarbeiter mit Flackerblick, der ungefragt den Schlüssel zum Aktentresor reicht. Der Geschäftsführer, der den Durchsuchungsbeschluss nur überfliegt, der Vertriebsleiter, der darauf aufmerksam macht, dass er bei dem vom Vorgänger übernommenen XY-Projekt eigentlich schon immer ein schlechtes Gefühl hatte. Und so weiter.

Als der Spuk nach einer knappen Viertelstunde zur Beruhigung der Mitarbeiter ein Ende findet, haben all diese Verhaltensweisen Aufnahme in das Protokoll der Durchsuchenden gefunden. Das allerdings nicht etwa zum Zweck der Strafverfolgung und Sanktionierung hinsichtlich Unternehmen, Unternehmern oder Mitarbeitern, sondern – diesmal – um genau das Gegenteil zu ermöglichen. Tatsächlich handelte es sich bei der Durchsuchung um eine von der Konzernleitung in Auftrag gegebene Generalprobe für eine reale Durchsuchung, sind die Durchsuchenden strafrechtlich spezialisierte Anwälte, die damit beauftragt wurden, das Unternehmen für den jederzeit möglichen Ernstfall fit zu machen: es handelte sich um einen Mock Dawn Raid.

Realitätsnaher Stresstest

Kein Zweifel: Mock Dawn Raids, Scheinrazzien zur Morgenstunde, haben sich als effektive Präventivmaßnahme etabliert. Streifen Diskussionen mit Unternehmen und Unternehmern wirtschaftsstrafrechtliche Themen, handelt es sich um einen neuen Dauerbrenner. Gründe dafür gibt es genug: In Zeiten, in denen die Hemmschwelle für die Durchsuchung von Unternehmen gesunken ist, statt eines höflichen Herausgabeverlangens häufig direkt das Rollkommando der Staatsanwaltschaft auf die Geschäftsführung zukommt, ist es von elementarer Bedeutung, für den Ernstfall die „Dos and Don’ts“ verinnerlicht zu haben.

Gefahren drohen dabei nicht nur bei vermeintlichen Straftaten aus dem Unternehmen selbst. Die Durchsuchung der Deutschen Bank im Juni 2015 wegen des Verdachts, Kunden (nicht Mitarbeiter) der Bank könnten sich strafrechtlich relevant verhalten haben, zeigt, dass Gefahren auch von außen kommen können, ohne dass das beeinflussbar wäre.

Wichtige Erkenntnisse …

Eine Durchsuchung ist ein realistisches Risiko, mit dem sich jedes größere Wirtschaftsunternehmen, zunehmend aber auch die öffentliche Hand auseinandersetzen sollte. Ein Mock Dawn Raid liefert wichtige Erkenntnisse, wie gut das Unternehmen intern organisiert ist, wie Meldeketten funktionieren und inwieweit Mitarbeiter ihre Kompetenzen kennen und einhalten. Alles läuft exakt so ab, wie bei einer tatsächlichen Durchsuchung. Die Abläufe und Ansagen, die Ernsthaftigkeit und Genauigkeit sind identisch. Das wiederum sorgt dafür, dass die Resultate ebenso werthaltig und ernst zu nehmen sind. Der Mehrwert ist enorm: Der richtige Umgang mit einer Hausdurchsuchung kann dem betroffenen Unternehmen nicht nur erhebliche Unannehmlichkeiten, sondern vor allem auch erhebliche Kosten ersparen. Kennen die Mitarbeiter ihre Rechte und Pflichten und verhalten sie sich entsprechend, kann wirtschaftlicher Schaden abgewendet werden, der droht, wenn von den Strafverfolgern nicht die gesuchten, aber vorhandenen Unterlagen gefunden, oder, noch schlimmer, an sie gar nicht vom Durchsuchungsbeschluss umfasste Dokumente herausgegeben werden.

… und wertvolle Schlussfolgerungen

Umso wichtiger ist, dass potentiell Betroffene hier nichts dem Zufall überlassen. Dazu gehören nicht nur detaillierte Auswertungen der Erfahrungen aus einem Mock Dawn Raid, sondern darüber hinaus auch Schulungen, in denen das in der Testdurchsuchung Gesehene und Erlebte für Geschäftsführung und Mitarbeiter eingeordnet und bewertet werden. Ziel ist es, das Unternehmen und seine Mitarbeiter für sämtliche Herausforderungen im Zusammenhang mit der Extremsituation einer Durchsuchung zu sensibilisieren. Dabei sind bei weitem nicht nur administrative Inhalte (Wer macht wann was? Welche Meldeketten sind zu beachten? Was ist unbedingt zu unterlassen?), sondern insbesondere auch die wesentlichen normativen Grundlagen zu vermitteln, mit denen ein mit einer Durchsuchung konfrontierter Mitarbeiter vertraut sein sollte. Festzuhalten sind diese als Teil eines generellen Complianceprogramms in einem leicht verständlichen und mit den Mitarbeitern des Unternehmens gemeinsam diskutierten Code of Conduct.

Juristische Herausforderung – auf beiden Seiten

Das Ergebnis eines Mock Dawn Raids bringt in der Umsetzung einige Herausforderungen mit sich: Der Code of Conduct muss zugleich gut greifbar und umfassend sein. Hand in Hand mit den Unternehmensjuristen, aber auch der Geschäftsführung und der Personalabteilung, sind die notwendigen Maßnahmen, wie etwa Schulungsinhalte und -zeitabstände, Informationspflichten und Notfallpläne zu besprechen und zu koordinieren.

Für die Durchführenden eines Mock Dawn Raids ist aber nicht nur die Nachbereitung der Scheinrazzia anspruchsvoll. Auch Vorbereitung und Ablauf bringen Besonderheiten mit sich und sollten mit Bedacht gestaltet werden. Zu verhindern ist dabei zum einen bei unprofessioneller Durchführung ein Strafbarkeitsrisiko im Zusammenhang mit einer Amtsanmaßung. Der Eindruck einer authentischen Drucklage für das Unternehmen darf entstehen, nicht aber der Eindruck, es handele sich bei den Durchsuchenden tatsächlich um staatliche Ermittler. Zum anderen darf den Mitarbeitern des Unternehmens der Schrecken nicht so nachhaltig in die Glieder fahren, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Mitarbeitern und Unternehmen erschüttert wird. Auch Kurzschlussreaktionen muss vorgebeugt werden. Zu nennen sind beispielsweise heimliche Anrufe bei verbundenen Unternehmen oder der Presse oder aber das panikartige Vernichten von – vermeintlich belastenden – internen Unterlagen. Das wiederum kann ein weniger rigides Vorgehen erfordern. So kann insbesondere von Beginn einer simulierten Durchsuchung an betont werden, dass es sich nur um eine Übung handelt. Außerdem können die Mitarbeiter auch schon während der Simulation für mögliche Fehlerquellen sensibilisiert und hinsichtlich eines korrekten Vorgehens instruiert werden.

Daraus folgt: So unterschiedlich wie die Unternehmen müssen auch die für sie richtigen Durchsuchungssimulationen sein. Kein Mock Dawn Raid ist wie der andere, jeder einzelne muss zwischen beauftragter Kanzlei und Unternehmen im Einzelnen detailliert abgesprochen und an die individuellen Bedürfnisse und Besonderheiten angepasst werden.

Zusammenfassung

Die Gefahr der Durchsuchung eines Unternehmens ist ein realistisches und daher ernstzunehmendes Risiko. Da hier ohne Vorbereitung erhebliche Fehler begangen werden können und – wie die Lebenserfahrung zeigt – auch begangen werden, ist es wichtig, Unternehmen, Unternehmer und deren Mitarbeiter für die Herausforderungen zu sensibilisieren, die eine solche Extremsituation mit sich bringt. In der Praxis kann eine mit dem Unternehmen detailliert abgestimmte Generalprobe im Wege eines Mock Dawn Raids wesentlich dazu beitragen, Fehlverhalten im Ernstfall zu vermeiden und Schaden von dem Unternehmen und seinen Mitarbeitern abzuwenden.

bott@strafrecht.de

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