Prävention und Compliance als Wettbewerbsvorteil für Unternehmen

Von Steffen Salvenmoser, verantwortlicher Partner im Bereich Forensic Services, PwC, Frankfurt am Main

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Etwa jedes zweite Unternehmen war in den vergangenen zwei Jahren mindestens einmal Opfer von Unterschlagung, Korruption, Industriespionage oder anderen Wirtschaftsdelikten. Der hierdurch entstandene Schaden beziffert sich auf durchschnittlich 8,4 Millionen Euro. Diese Zahlen aus der aktuellen PwC-Studie „Wirtschaftskriminalität 2011“ zeigen, dass wir uns mit diesem Thema weiterhin auseinandersetzen müssen. Die Unternehmen setzen verstärkt auf Prävention. So verfügt die Mehrheit der deutschen Großunternehmen inzwischen über ein Compliance-Programm. Und jedes Zweite sieht darin sogar einen Wettbewerbsvorteil. Dennoch ist es häufig noch „Kommissar Zufall“, der Delikte aufdeckt.

Im Vergleich zu den Vorjahren ist die durchschnittliche Schadenssumme deutlich angestiegen. In 2008/2009 entstand pro Delikt ein durchschnittlicher Schaden von 5,9 Millionen Euro. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass es im aktuellen Untersuchungszeitraum eine Reihe von Fällen mit überdurchschnittlich hohen Schäden gab. Immerhin 3% der befragten Unternehmen gaben an, dass sie finanzielle Schäden von mehr als 100 Millionen Euro je Fall verbuchen mussten. Gemeinsam mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg befragt PwC alle zwei Jahre deutsche Unternehmen zum Thema Wirtschaftskriminalität. Im Jahr 2011 beteiligten sich 830 Unternehmen.

Für Großunternehmen sind die Schäden in der Regel nicht existenzbedrohend, bei mittelständischen Unternehmen können dies Schäden in derartigen Höhen dagegen durchaus sein. Die Befürchtung, dass infolge der Auswirkungen der Finanzmarktkrise die Zahl der Wettbewerbsdelikte steigen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Bei der Umfrage im Jahr 2009 hatten noch 42% der Unternehmen diese Sorge geäußert.

Unberechenbar: indirekte Schäden
Nicht bezifferbar, aber mutmaßlich meist bedeutend höher als die direkten Schäden sind mittlerweile die indirekten Folgekosten der Straftaten. So berichteten bei der aktuellen Umfrage 50% der Unternehmen über eine spürbare Beeinträchtigung ihrer Geschäftsbeziehungen. 41% der Befragten nannten 2011 einen gravierenden oder mittelschweren Ansehensverlust als Folge wirtschaftskrimineller Handlungen, im Jahr 2007 waren dies nur 27%. Zu Beginn der Studienreihe im Jahr 2001 berichteten sogar nur 10% der befragten Unternehmen über derartige Reputationsschäden. Des Weiteren registrierten 12% der börsennotierten Unternehmen nach Bekanntwerden einer Straftat einen merklichen Rückgang ihres Aktienkurses.

Dunkelziffer ist deutlich höher
Im vergangenen Jahr wurden die Unternehmen nicht nur nach eindeutigen Fällen von Wirtschaftskriminalität befragt, sondern auch nach konkreten Verdachtsfällen. Bei dieser Betrachtung steigt der Anteil der Unternehmen, die von wirtschaftskriminellen Handlungen betroffen sind, deutlich: Von entdeckten Fällen berichteten 52% der Unternehmen, inklusive Verdachtsfälle waren es jedoch 73%.

Der Zufall hilft
Entgegen der Erwartung sind es häufig nicht die unternehmensinternen Kontrollsysteme, die Wirtschaftsstraftaten aufdecken, sondern Hinweise von internen oder externen Tippgebern. Das zeigt, dass Präventionsprogramme noch nicht effizient genug arbeiten. Viele Unternehmen zögern noch, ein Hinweisgebersystem einzuführen, obwohl zwei Drittel der Straftaten durch interne und externe Tipps aufgedeckt werden. Derzeit verfügen 41% der befragten Unternehmen über ein Hinweisgebersystem, im Jahr 2007 waren es noch 27%.

Prävention rückt stärker in den Fokus
Unternehmen sind seit jeher bestrebt, sich gegen die verschiedenen Formen von Wirtschaftskriminalität zu schützen. Die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren ist jedoch bemerkenswert. Zwar setzten Unternehmen bereits im Jahr 2000 nicht nur auf Kontrollmaßnahmen, sondern auch auf Prävention durch Risikomanagement, Schulungen, Hinweisgebersysteme und ethische Richtlinien. Doch mit dem Auftauchen des Begriffs „Compliance“ rückte der Präventionsgedanke immer stärker ins Zentrum der unternehmensinternen Abwehr. Seit dem Jahr 2009 stieg der Anteil der Unternehmen, die über ein Compliance-­Programm verfügen, auf 52%. Entsprechende Schulungen und Antikorruptionsprogramme kamen verstärkt zum Einsatz. Heute setzt die Mehrheit der Unternehmen (59%) auf Antikorruptionsprogramme als einen wichtigen Baustein zur Bekämpfung von Korruption.

Ein Blick in die Zukunft
Auch wenn einige Unternehmen Compliance noch immer für eine Art Modeerscheinung halten. Die aktuelle Studie belegt, dass die Zahl der Skeptiker abnimmt. Immer mehr Unternehmen erkennen die Vorteile. Jedes zweite Unternehmen erlebt das eigene Compliance-Programm inzwischen im Wettbewerb als eher vorteilhaft, 17% erkennen hierin sogar einen klaren Wettbewerbsvorteil.

Die Studie 2011 nahm zum ersten Mal auch die wachsende Zahl der sogenannten Compliance-Leuchttürme in den Fokus. Gefragt wurde, welche Unternehmen aus Sicht der Wirtschaft derzeit durch ihre Präventionsmaßnahmen und Compliance-­Programme besonders positiv wahrgenommen werden. Wer also eine Art Vorbildfunktion ausübt. Dabei wurden große bekannte Unternehmen natürlich häufiger genannt als kleine und mittelständische Unternehmen, die ebenfalls über überzeugende Compliance-Programme verfügen können. Die Nennungen stellen deshalb kein Ranking dar, sondern spiegeln die Meinung der Befragten wider. Am häufigsten als Compliance-Leuchtturm genannt wurde mit Abstand Siemens, gefolgt von Daimler, VW, der Deutschen Bank und BMW. Das Beispiel Siemens zeigt, wie ein Unternehmen mit einer überzeugenden und nachhaltigen Compliance-Organisation gestärkt aus einer Krise hervorgehen kann.

Insgesamt ist in puncto Compliance ein Paradigmenwechsel in der deutschen Wirtschaft zu beobachten. Prävention durch Compliance erhält zunehmend einen Marktwert und entwickelt sich mehr und mehr zu einem Produktivitätsfaktor. Der nächste Schritt wird in der Etablierung entsprechender Standards liegen. Den neuen Compliance-Prüfungsstandard PS 980 des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) kennen bereits 40% der Unternehmen. Wenn sich derzeit auch viele Unternehmen in puncto Zertifizierung noch zurückhalten, erkennen die meisten bereits die damit verbundenen Vorteile. Grundsätzlich haben alle Unternehmen ein Interesse an einer vertrauensbildenden Signalfunktion sowohl gegenüber dem Kapitalmarkt als auch gegenüber Kunden und Auftraggebern; immer mehr der Befragten stellen dies auch für das eigene Unternehmen fest.

Kontakt: steffen.salvenmoser@de.pwc.com

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