Aktuelle HR-Tendenzen im Rechtsmarkt – ein Überblick von Hellmuth Wolf, Managing Partner, Signium International

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In 2014 haben wir die erste AnwaltSpiegel-Studie durchgeführt, die sich mit „Karrierechancen von Frauen im Rechtsmarkt“ befasst und im nächsten Jahr als Buchprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität St. Gallen veröffentlicht werden wird. Die Entwicklungen im Anwalts- und Rechtsmarkt aus dem Blickwinkel Human Resources werden wir zukünftig noch enger als bisher verfolgen und dabei auf die Positionen der Sozietäten und Unternehmen, aber auch der Anwälte und Unternehmensjuristen achten. In dem nachfolgenden Interview lesen Sie eine Einschätzung aus der Beraterperspektive zu den wichtigen Trends, die derzeit erkennbar sind.

AnwaltSpiegel: Herr Wolf, Sie sind seit vielen Jahren im Executive Search tätig und kennen daher den ­deutschen Rechts- und Anwaltsmarkt sehr gut. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation aus der HR-Sicht?

Wolf: Seit einiger Zeit zeichnet sich eine Tendenz ab: Viele Kanzleien fokussieren sich zunehmend darauf, auf der Top-Ebene „unternehmerisch geprägte Partner“ für sich zu gewinnen. Wenn wir von unternehmerisch geprägten Partnern sprechen, impliziert das in der Regel eine bestimmten Umsatzhöhe. Hinzu kommt häufig der Wunsch, ganze Teams oder aber zumindest Teileinheiten für das Unternehmen zu gewinnen.

AnwaltSpiegel: Was hat sich in den vergangenen Jahren nach Ihrer Erfahrung geändert?

Wolf: Die gerade genannten Aspekte haben in jedem Fall eine starke Veränderung mit sich gebracht. Doch auch auf Kandidatenebene stellen wir einen Wandel fest: Die Kandidaten werden anspruchsvoller im Hinblick auf ihre Work-Life-Balance. Die Kanzleien können sich dem Wunsch nach Elternzeit nicht mehr verschließen, und auch die Tatsache, dass durchschnittlich weniger Kandidaten Partner werden möchten, ist ein Signal.

AnwaltSpiegel: In der AnwaltSpiegel-Studie „Karrierechancen für Frauen in Sozietäten“ haben wir gezeigt, dass die derzeitige Personalpolitik vieler führender Sozietäten zur Folge hat, dass top­qualifizierte weibliche Associates auf dem Weg in die Partnerschaft „verloren“ gehen. Welche Erfahrungen haben Sie damit in Ihrer Beratungspraxis?

Wolf: Generell stellen wir eine noch eher zurückhaltende Politik der Kanzleien und Sozietäten fest, wenn es um das Thema Partnerschaft mit topqualifizierten Associates geht. Häufig scheiden sich die Geister, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Allerdings haben wir mittlerweile Klienten, die ihre Strukturen auf Partnerschaften mit Teilzeitbasis umstellen, so dass langsam Bewegung in den Markt kommt. Wir empfehlen den Kandidatinnen immer, ihre Vorstellungen so genau wie möglich zu definieren und auch zu kommunizieren.

AnwaltSpiegel: Und was empfehlen Sie den Anwältinnen und den HR-Verantwortlichen?

Wolf: Veränderungsprozesse am Markt brauchen ihre Zeit. Das ist im juristischen Markt nicht anders als auf Vorstandsetagen in Unternehmen. Trotzdem bin ich der Auffassung, dass den Kanzleien eine gewisse Offenheit gut tut, andernfalls „verschenken“ sie wertvolle Ressourcen. Trotzdem ist es wichtig, dass auch die weiblichen Associates rechtzeitig kundtun, wo für sie die Entwicklung mittel- bis langfristig hingehen soll, und insofern denke ich eher an eine Annäherung im Sinne eines Sich–aufeinander-zu-Bewegens.

AnwaltSpiegel: Lassen Sie uns einen Blick nach vorn wagen: Welche kurz- und mittelfristigen Entwicklungen erwarten Sie als HR-Experte im Rechtsmarkt?

Wolf: Für die Zukunft erwarte ich nochmals eine sich verstärkende Tendenz in Richtung Work-Life-Balance. Dies bedeutet keineswegs, wie häufig fehlinterpretiert, ein mangelndes Commitment der Mitarbeiter und Partner für das Unternehmen, wenngleich aber eine klare Absage an 70 bis 80 Stunden Arbeitszeit pro Woche. Dies ist auch der Grund, warum viele gut ausgebildete Anwälte nach drei bis fünf Jahren von Großkanzleien zu mittelständischen Kanzleien oder in die Industrie wechseln. Der Markt hat sich geändert: weg vom „Up-or-out“-Prinzip hin zu gewissermaßen moderateren Modellen, in welchen etwa auch Teilzeitpartnerschaften sowie fachlich hochqualifizierte Rechtsanwälte auf der mittleren Ebene zum Alltag gehören werden. Mit dem „Up-or-out“-Prinzip wuchs auf Seiten der Kanzleien zunehmend die Erkenntnis, dass ein guter fachlicher Mittelbau genauso wichtig ist wie die Ebenen der Partner und Anfänger. Dies ist unter verschiedenen Gesichtspunkten entscheidend: Mit rund sieben bis acht Jahren Berufserfahrung wächst nicht nur die fachliche Expertise durch praktische Erfahrung, Netzwerk und Fortbildungen, sondern auch das Know-How auf dem Gebiet der Mandantenbindung und -betreuung.

AnwaltSpiegel: Herr Wolf, vielen Dank für Ihre ­Einschätzungen.

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