Ein Update zum Frauenanteil in Vorständen, Aufsichtsräten und Managementebenen

Gastbeitrag von Dr. Martina Schmid

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Seit Inkrafttreten des Gesetzes zur „Frauenquote“ hat sich einiges getan im Hinblick auf die Erhöhung des Frauenanteils in den Führungsetagen deutscher Unternehmen. Nach einem ersten „Aufschwung“ ist der Fortschritt in den letzten Jahren allerdings schleppend. Kommt knapp vier Jahre nach Einführung der fixen Quote für den Aufsichtsrat nun die Quote für den Vorstand?
Im Januar 2016 ist mit dem Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst die fixe Quote für den Aufsichtsrat in Kraft getreten. Danach müssen in börsennotierten Unternehmen, die der paritätischen Mitbestimmung unterliegen, mindestens 30 Prozent der Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt sein. Unternehmen, die entweder börsennotiert oder mitbestimmt sind, mussten erstmals bis September 2015 Zielgrößen für den Frauenanteil in Vorstand, Aufsichtsrat und den beiden Führungsebenen unterhalb des Vorstands festlegen.

Bisherige Entwicklung und Status quo
Die fixe Geschlechterquote, die in Deutschland rund 100 Unternehmen betrifft, hat in den ersten Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes durchaus Wirkung gezeigt. Während die DAX-Konzerne die 30-Prozent-Quote im Aufsichtsrat bereits im Jahr 2017 erreicht hatten, wurde im M-DAX die Quote erstmals in diesem Jahr überschritten. Eher schleppend verläuft der Fortschritt dagegen auf Vorstandsebene. Zwar ist der Frauenanteil im Vorstand der DAX-Unternehmen seit 2005 von rund einem Prozent auf aktuell rund 14 Prozent gestiegen, außerdem ist bei SAP, als erstem DAX-Konzern, kürzlich eine Frau auf den obersten Chefposten gerückt. Allerdings liegt der Frauenanteil in anderen Industrieländern deutlich höher als in Deutschland. Laut aktuellen Berichten sind die Vorstandsposten bei den 160 Unternehmen des DAX, M-DAX und S-DAX derzeit zu 9,3 Prozent mit Frauen besetzt – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr von einem Prozent. Mehreren Studien zufolge besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem finanziellen Erfolg eines Unternehmens und einem höheren Frauenanteil auf oberster Managementebene. Dennoch legen viele Unternehmen nach wie vor die Zielgröße 0 für den Frauenanteil in ihren Vorständen fest.
Im Rahmen einer Panel-Diskussion bei der Wirtschaftskanzlei CMS Hasche Sigle in Zusammenarbeit mit Fidelio Partners im Oktober 2019 diskutierten namhafte Vertreterinnen aus Wirtschaft und Wissenschaft die aktuelle Lage und mögliche Handlungsempfehlungen.

Der UK-Approach
Im Gegensatz zu Deutschland hat sich Großbritan­nien gegen eine gesetzlich vorgeschriebene Quote und für eine freiwillige Selbstverpflichtung entschieden. Laut Bericht des Hampton-Alexander Review, eines unabhängigen Überprüfungsgremiums zur Erhöhung der Anzahl von Frauen in Führungspositionen in FTSE-350-Unternehmen, für 2018 betrug der Frauenanteil in den Boards der FTSE-100-Gesellschaften 2018 erstmals über 30 Prozent. In den FTSE-350-Gesellschaften lag der Frauenanteil in den Boards 2018 bei 26,7 Prozent und erreichte im Oktober 2019 einen Anteil von 30 Prozent. Zu diesem Fortschritt beigetragen haben sicherlich Veröffentlichungen und Diskussionen zum Gender-Pay-Gap wie auch die Einführung einer maximalen Amtszeit im Board von neun Jahren. Der Anteil an weiblichen Vorsitzenden der Boards liegt laut Bericht allerdings lediglich bei 6,3 Prozent. Das Hampton-Alexander Review hat es sich bis 2020 zum Ziel gesetzt, in Unternehmen im FTSE-350-Index einen Frauenanteil von 33 Prozent im Board, im Executive Committee und in der Führungsebene darunter zu erreichen.

Keine Dynamik
Kritisch wurde in der Panel-Diskussion gesehen, dass es seit dem Erreichen des gesetzlich vorgegebenen Frauenanteils in Aufsichtsräten oft keine Dynamik mehr in Bezug auf eine weitere Erhöhung gebe. Die fixe Quote habe zwar zu einem initialen Aufschwung geführt, wirke seither aber wie ein Deckel. Zudem gebe es nach wie vor die „gläserne Decke“ auf Vorstandsebene, die Frauen beim Aufstieg aufhält. Bei zuletzt 129 neu besetzten Vorstandspositionen seien lediglich 15 Vorstandsposten auf Frauen entfallen. Nur im mittleren Management erhöhe sich der Frauenanteil langsam.

Zielgröße 0 in Vorständen
Ernüchternd war aus Sicht des Panels, dass von insgesamt 1.750 Unternehmen 81 Prozent eine Zielgröße von 0 oder überhaupt keine Zielgröße für den Frauenanteil im Vorstand festgelegt haben. Dies bedeute im Hinblick auf die börsennotierten Unternehmen eine sogenannte „frauenfreie Zone“ bei 64 Prozent der Unternehmen. Zudem hätten Frauen nur selten einen Aufsichtsratsvorsitz inne und seien in den wichtigen Ausschüssen oft unterrepräsentiert.

Kulturwandel und kohärente Gleichstellungspolitik
Nach wie vor herrschten in Deutschland teilweise noch immer veraltete Werte und Vorstellungen im Hinblick auf die Rolle der Frau in Beruf und Familie. Nach Einschätzung des Panels könne Deutschland von umliegenden Ländern lernen, in denen ein ganz anderes Selbstverständnis herrsche. So könne es dort für einen Mann bei seinem beruflichen Fortkommen sogar ein Nachteil sein, wenn er keine Elternzeit nimmt. Neben dem erforderlichen Kulturwandel wurde das Fehlen einer kohärenten Gleichstellungspolitik bemängelt; vielmehr hebelten sich Gesetze teilweise gegenseitig aus. So schaffe beispielsweise das deutsche Steuersystem Fehlanreize, etwa durch das Ehegattensplitting, und perpetuiere überkommene Werte.

Institutionelle Investoren
Hervorgehoben wurden die erhebliche Bedeutung und der Einfluss von institutionellen Investoren. So forderten bereits heute zahlreiche Stimmrechtsberater in ihren Voting Guidelines die Einhaltung von Diversitätsvorgaben. In Großbritannien gebe es ebenfalls einen erheblichen Einfluss großer Investoren bei Hauptversammlungen.

Kommt die Quote für den Vorstand?
Angesichts des zwar vorhandenen, jedoch teils noch schleppenden Fortschritts beim Frauenanteil – gerade auf Vorstandsebene – stellt sich die Frage, ob eine fixe Quote für den Vorstand sinnvoll wäre. Einen entsprechenden Gesetzentwurf wollen die Bundesjustizministerin und die Bundesfamilienministerin wohl vorlegen. Wie ein solcher Vorschlag aussehen soll, ist jedoch noch offen. Während früheren Berichten zufolge „lediglich“ Sanktionen für solche Unternehmen im Gespräch sein sollen, die keine Zielgröße festlegen oder eine Zielgröße von 0 setzen und dies nicht begründen, soll der nun geplante Vorschlag wohl in Richtung der bereits bestehenden Quote für Aufsichtsräte gehen. Führende Wirtschaftsverbände haben sich bereits sehr kritisch zu dem Vorstoß geäußert. Neben der Fragwürdigkeit eines Eingriffs in die Personalpolitik der Unternehmen per Gesetz wird auch bezweifelt, ob sowohl den Frauen als auch den Unternehmen mit einer solchen Quote überhaupt ein Gefallen getan wird. Denn eine von oben verordnete Quote sorge nicht für den erforderlichen Kulturwandel und die Förderung von Frauen in der Gesellschaft und im Unternehmen.
Vor diesem Hintergrund darf tatsächlich bezweifelt werden, ob die fixe Quote für den Vorstand der richtige Weg ist.

martina.schmid@cms-hs.com

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