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Darum geht es
Legal-Tech ist das Stichwort, unter dem auf künstlicher Intelligenz (KI) basierende Techniklösungen für Anwaltskanzleien von morgen zusammengefasst werden. Verbraucherfreundlich, automatisiert und zuverlässig soll der Rechtsdienstleister von morgen sein. KI-basierte Programme sind im Rechtsmarkt allerdings noch immer etwas weitgehend Neues. Im digitalen Zeitalter sind lange nicht alle angekommen, und Handakten sind bei der anwaltlichen Tätigkeit längst nicht ausgestorben. Stichworte wie Blockchain, Decision-Automation, Smart Contract oder Software as a Service (kurz SaaS) dürften aber schon bald ein neues Zeitalter einleiten. Immerhin 22% der Tätigkeiten von Anwälten und sogar 35% der Tätigkeiten von unterstützendem Personal könnten Schätzungen der Beratungsfirma McKinsey zufolge in Zukunft von KI-Anwendungen übernommen werden.

Klar ist: Die automatische Prüfung von Einzelfällen einer Sammelklage, die automatisierte Einschätzung eines Falls oder das Unterzeichnen und Beglaubigen von Verträgen, das alles soll und wird keine Zukunftsmusik bleiben und stellt dabei einen verdienten und traditionellen Berufsstand vor eine Zerreißprobe. Eines wage ich an dieser Stelle aber bereits zu prognostizieren: Der Beruf des Anwalts stirbt nicht aus. Denn KI vollbringt kein Hexenwerk, sondern menschliche Denkleistungen, nur eben deutlich schneller und manchmal unvoreingenommener, als wir es könnten. Trotzdem bedarf es hierfür eben auch menschlicher Denkmuster, welche repliziert werden sollen.

Bereiche, in denen KI auch im Anwaltsalltag eine wichtige Unterstützung sein könnte, gibt es einige:
So kann KI etwa dabei helfen, Komplexität zu reduzieren. Denn je größer die Komplexität ist, desto größer ist bei Menschen in der Regel auch die Angst, dieser nicht gewachsen zu sein und deshalb Fehler zu machen. Eine Folge ist oft der Versuch, den komplexen Sachverhalt auf eine Messgröße zu reduzieren, die dann vermeintlich entscheidungsrelevant ist. Aus drei oder mehr Einflussfaktoren wird so schnell eine nur scheinbar konsistente Gesamteinschätzung. Hier kann KI Abhilfe schaffen.

Auch das psychologische Phänomen der kognitiven Dissonanz kann eine Quelle menschlicher Fehleinschätzungen sein. Denn der erste Eindruck bleibt in einigen Fällen Bezugs- und Bewertungspunkt. Daraus resultiert eine Voreingenommenheit, die dazu führt, dass neue Informationen, die den ersten Eindruck stützen, als willkommen wahrgenommen, positiv bewertet und höher gewichtet werden. Niemand gesteht sich eben selbst gern eine fehlerhafte Ersteinschätzung ein. Menschen suchen nach Konsistenz und Regelhaftigkeit, und wenn sie diese gefunden haben, sind sie nur schwer von ihrer Meinung abzubringen.

Praxisfolgen
Gelingt es, solche menschlichen Fehler bei der Bewertung von Prozessrisiken auszumerzen, kann der Ausgang von Prozessen noch präziser prognostiziert werden. Für Prozessfinanzierer bedeutet das mithin eine Minimierung des Verlustrisikos, da Erfolgsbeteiligungen noch sicherer abgeschätzt werden können. Kosten, die anfallen, werden vorhersehbarer, ebenso wie mögliche Gewinne, was auch bei der Zusammenstellung des Portfolios finanzierter Fälle nicht unwichtig ist. Allerdings darf nie vergessen werden: Prognosen – und seien sie noch so wahrscheinlich – können niemals eine endgültige Wahrheit darstellen. Unwahrscheinlichkeiten können nicht einbezogen werden, und es ist lediglich eine Schätzung aus Erfahrungswerten. Oder um es anders zu sagen: Es ist, wie in den Rückspiegel zu schauen und nach vorne zu denken.

Hanns-ferdinand.mueller@foris.com

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