A perfect Match

Im Blickpunkt: Prozessrisikoanalyse und Legal Tech

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Jörg Risse

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Legal Tech und die Digitalisierung der Anwaltswelt sind in aller Munde. Beherrscht wird die Diskussion von Buzzwords wie Smart Contracts und Blockchain. Auf einer sprachlichen Metaebene wird nur gebetsmühlenartig wiederholt, wie wichtig diese Trends seien. Konkrete Produkte für die anwaltliche Arbeitswelt scheinen aber noch zu fehlen. Liegt das vielleicht daran, dass sich juristische Dienstleistungen für eine Digitalisierung nicht wirklich eignen? Das könnte man in der Tat meinen, weil die Digitalisierung an sich verlangt, dass sich die Aufgabenstellung in gewisse logische Rechenschritte oder Algorithmen unterteilen lässt. Aber für die Juristerei gilt doch weiter „Iudex non calculat“, oder?

Wer so denkt, greift gedanklich zu kurz. Nachfolgend wird am Beispiel der Prozessrisikoanalyse illustriert, wie Legal Tech zukünftig auch die anwaltliche Arbeitswelt erobern kann. Dazu wird zunächst die Technik der Prozessrisikoanalyse vorgestellt. Darauf aufbauend, wird erläutert, wie sich die Prozessrisikoanalyse digitalisieren und in eine Legal-Tech-Anwendung umsetzen lässt.

Die Technik der Prozessrisikoanalyse

Die Prozessrisikoanalyse setzt einen konkreten Streitfall mit seinen tatsächlichen und juristischen Fragestellungen in einem ersten Schritt zunächst in einen Entscheidungsbaum um. Im zweiten Schritt wird dann jedes Einzelrisiko in diesem Entscheidungsbaum danach bewertet, mit welcher Eintrittswahrscheinlichkeit es sich in einem rechtskräftigen Richterspruch vermutlich realisieren würde. Im dritten und letzten Schritt lässt sich dann mit ein wenig Mathematik der aktuelle Gesamtwert des strittigen Anspruchs in Euro und Cent berechnen. Das klingt zunächst abstrakt und schwierig. Ein einfaches Beispiel veranschaulicht indes, worum es geht:

Das Unternehmen Alpha wendet sich an seinen Hausanwalt und bittet um Durchsetzung einer pauschalierten Schadensersatzforderung von 1 Million Euro. Was ist passiert? Alpha hatte mit dem spanischen Unternehmen Beta die Lieferung einer Maschine vereinbart. Die Lieferung war zeitkritisch, erfolgte aber mit einem Verzug von einem Monat. Für diesen Fall hatten die Parteien einen pauschalierten Schadensersatz von 1 Million Euro vereinbart. Beta verteidigt sich mit drei Argumenten: Erstens sei der Verzug auf einen Streik der französischen Eisenbahner zurückzuführen; das sei höhere Gewalt (Force Majeure) und Beta dafür unmöglich verantwortlich. Zweitens sei die Schadensersatzforderung von 1 Million Euro verjährt, weil nach dem insoweit anwendbaren spanischen Recht bei Abnahme der Maschine ein Vorbehalt hätte erklärt werden müssen. Und drittens sei der pauschalierte Schadensersatz auf 500.000 Euro zu reduzieren, weil Alpha tatsächlich – und unstreitig – nur dieser Schaden entstanden sei. Alpha hingegen meint, Beta trage das Risiko des gewählten Transportwegs, die Forderung sei nicht verjährt, und der Vertrag lasse eine Reduzierung des pauschalierten Schadens­ersatzes auf den tatsächlich entstandenen Schaden nicht zu.

Bildet man diesen Ausgangsfall in einem Entscheidungsbaum ab, ergibt sich folgendes Schaubild:

Das Schaubild zeigt anhand der drei Weichenstellungen des Falls, wohin sich ein solcher Fall vor Gericht entwickeln kann. Jede mögliche Entscheidungsalternative ist abgebildet. Im zweiten Schritt kann jetzt bewertet werden, mit welcher Eintrittswahrscheinlichkeit sich ein fiktiver Richter bei den einzelnen Weichenstellungen für die eine oder andere Alternative entscheidet. Der Anwalt analysiert den Fall und glaubt, Force Majeure wegen des Eisenbahnerstreiks würde nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 25% von einem Richter angenommen. Das Verjährungsrisiko hält er mit 20% ebenfalls für gering. Höher, nämlich 70%, ist aufgrund der konkreten Vertragsgestaltung hingegen das Risiko, dass der pauschalierte Schadensersatz von 1 Million Euro auf den tatsächlichen Schaden von 500.000 Euro reduziert wird. Eingetragen in den Entscheidungsbaum, ergibt sich jetzt folgendes Bild:

Und jetzt lässt sich im dritten Schritt der aktuelle Wert des Anspruchs errechnen. Dazu geht der Anwalt mit seinem Mandanten jeden Entscheidungsast durch und multipliziert die eingetragenen Eintrittswahrscheinlichkeiten mit dem Endwert des Astes. Die so errechneten Einzelwerte der Äste werden aufaddiert und ergeben den Gesamtwert der Forderungen. Im Beispielfall gilt also, von oben nach unten gerechnet, folgende Formel:

Ast (1) 25% x 0 = 0 Euro

Ast (2) 75% x 20% x 0 = 0 Euro

Ast (3) 75% x 80% x 70% x 500.000 = 210.000,00 Euro

Ast (4) 75% x 80% x 30% x 1.000.000 = 180.000,00 Euro

390.000,00 Euro

Die Schadensersatzforderung kommt also auf einen aktuellen Wert von 390.000,00 Euro. Macht es für Alpha nicht Sinn, sich über diesen Betrag mit Beta zu vergleichen, um die gute Kundenbeziehung aufrechtzuerhalten und sich einen ebenso langwierigen wie teuren Gerichtsprozess zu ersparen? Und wäre ein entsprechender Konsens nicht sofort da, wenn der Anwalt von Beta eine parallele Analyse mit gleichem Ergebnis durchführen würde?

Umsetzung durch Legal Tech

Eine Grundvoraussetzung von Legal-Tech-Anwendungen ist meist, dass sich der gedankliche Prozess in einer Wenn-dann-Logik abbilden lässt. Diese erste Voraus­setzung erfüllt der obige Entscheidungsbaum, ein Algorithmus ist schnell gefunden. Die größere Schwierigkeit liegt natürlich darin – und das ist auch die häufigste Kritik an der Prozessrisikoanalyse –, die Eintrittswahrscheinlichkeiten bei jeder Weichenstellung akkurat zu bestimmen. Wie kommt man zu einem verlässlichen Wert? Und genau hier kann ein zweites Element der aktuellen Digitalisierungswelle helfen, nämlich Big Data.

Um das zu verstehen, sei eine kurze Anleihe bei der Medizin gewagt, nämlich in Bezug auf das, wohin heute der Trend in der medizinischen Diagnostik geht: Statt einem Arzt zu überlassen, die Ultraschallaufnahme der Niere auf Nierensteine hin zu diagnostizieren, wird die Ultraschallaufnahme per Computer mit Millionen gespeicherter Ultraschallaufnahmen von Nieren verglichen, die bereits sicher diagnostiziert sind. Der Computer ermittelt also ähnliche Bilder und kann auf dieser Grundlage diagnostizieren, ob der aktuelle Patient mutmaßlich an Nierensteinen leidet oder nicht.

Einen ganz ähnlichen Weg könnte man sich nun für die Prozessrisikoanalyse vorstellen: Der Anwalt gibt die drei Weichenstellungen des Streitfalls über Stichworte in den Computer ein. Der Fall wird digitalisiert mit einer Datenbank abgeglichen, wo Tausende bereits entschiedener Fälle zu den Themenfeldern „Force Majeure und Streik“, „Verjährung bei fehlendem Vorbehalt“ und „Reduzierung eines pauschalierten Schadensersatzes auf tatsächlichen Schaden“ abgespeichert sind. Nach einer entsprechenden Auswertung gibt der Computer die berechneten Prozentsätze an, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich ein Richter für den einen oder anderen Weg entscheiden wird. Abschließend wird der Gesamterwartungswert errechnet, also der aktuelle Wert der Schadensersatzforderung. Ist das die schöne neue Anwaltswelt? Und  noch weitergehend: Könnten Richter zukünftig Vergleichsvorschläge oder gar Urteile mit Hilfe solcher Tools ermitteln?

Ausblick: „Unvorstellbar!“, „Ja, aber …“ und „Das will ich nicht!“

Wer als Anwalt die obigen Ausführungen liest, wird im ersten Augenblick vermutlich denken, ein solches Vor­gehen sei einfach „unvorstellbar“. Nun, Ähnliches dachten die Mediziner vor fünf oder zehn Jahren auch und sehen sich in Teilbereichen der Diagnostik nun vom Kollegen Computer überholt. Was macht uns Anwälte so sicher, dass es uns nicht ganz ähnlich gehen wird? Die zweite typische – manche sagen auch: typisch deutsche – Reaktion wird mit einem „Ja, aber“ eingeleitet. In der Folge wird einseitig nur über die Argumente diskutiert, die gegen diese Entwicklung sprechen, statt sich fundiert und inhaltlich mit den Möglichkeiten und dem ­Potential dieser Entwicklung zu befassen. Ernster zu nehmen ist der dritte Einwand: „Das will ich nicht!“ Er weist auf die ethische Problematik hin, ob dem Computer tatsächlich juristische Entscheidungsprozesse übertragen oder gar letztlich überlassen werden können. Das wäre etwa im Strafrecht zunächst ein absolutes Horrorszenario. Indes – egal wie man zu diesen ethischen Fragestellungen steht: Ethisch kontrollieren und regulieren kann man eine Entwicklung nur, wenn man vor ihr nicht den Kopf in den Sand steckt, sondern sich aktiv damit beschäftigt.

Und vielleicht kann der vorliegende Beitrag hierzu ja einen gewissen Anreiz liefern.

Joerg.risse@bakermckenzie.com

Hinweis der Redaktion: Siehe auch das Buch „Prozessrisikoanalyse“ von Risse/Morawietz, Verlag C.H. Beck, 2017. (tw)